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Berliner Forscher haben eine Software für die Reha zu Hause entwickelt / Das Produkt soll dieses Jahr auf den Markt kommen

Marktreif
Üben mit dem virtuellen Trainer

Training vor dem Bildschirm. Patienten erhalten zunächst eine Einführung in das System. Sie sollen damit zu Hause üben können. Der Therapeut bekommt die Trainingsdaten und kann mit dem Patienten kommunizieren.
Training vor dem Bildschirm. Patienten erhalten zunächst eine Einführung in das System. Sie sollen damit zu Hause üben können. Der Therapeut bekommt die Trainingsdaten und kann mit dem Patienten kommunizieren. © Foto: Fraunhofer Fokus/Matthias Heyde
Ina Matthes / 14.02.2019, 08:00 Uhr
Berlin (MOZ) Deutschland fehlen Physiotherapeuten. Die Bundesagentur für Arbeit zählt sie zu den Mangelberufen. Kann Technik die Situation entlasten? Berliner Wissenschaftler haben eine Software für das Training zu Hause entwickelt.

Man kann ziemlich viel falsch machen bei simplen Kniebeugen. Die Beine stehen zu dicht aneinander, die Knie ragen zu weit nach vorn oder der Rücken ist zu steif. Wenn Maciej Piwowarczyk vel Dabrowski vor dem Bildschirm turnt, dann erfasst eine davor aufgebaute Kamera seine Bewegungen. Macht er alles richtig, dann ist die Figur auf dem Bildschirm, die ihn darstellt, grün markiert. Schiebt er das rechte Knie zu weit nach vorn, dann wird es rot. Das Programm sagt ihm außerdem, was er falsch macht.

Die Software kann  die Bewegung der Gliedmaßen selbst durch Kleidung hindurch erfassen. Das System korrigiert den Übenden sofort. „Der Patient muss davor geschützt werden, die Übungen falsch auszuführen,“ sagt Anne Grohnert,  Wissenschaftlerin am Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme FOKUS in Berlin.

Sie gehört zu einem Team des Institutes, das das Programm entwickelt hat, mit dem  Grohnerts Kollege Maciej Piwowarczyk vel Dabrowski gerade geübt hat. Es heißt „MeineReha®“ und ist ein sogenanntes Teleassistenzsystem. Patienten sollen damit zu Hause üben können.  Allein oder auch gemeinsam mit einem virtueller Trainer, den sie bei Bedarf zuschalten.

Die Korrektur in Echtzeit ist eine Besonderheit von „MeineReha®“. Was diese Entwicklung aber nach Angaben der Forscher vor allem von ähnlichen Anwendungen unterscheidet: Es erkennt die Bewegungen in 3D. Das heißt, das System erfasst nicht nur, dass beispielsweise die Knie zu weit auseinander stehen.  Es sieht auch, dass sie zu weit nach vorn ragen.

„Es gibt zu wenig Therapeuten“,  sagt Anne Grohnert. MeineReha® solle aber nicht noch mehr Therapeuten einsparen, versichert sie, es solle vielmehr eine Erleichterung für Therapeuten und Patienten bedeuten. Kranke sollen Anfahrtswege sparen und ohne Terminbindung jederzeit trainieren können.

Die Therapeuten wiederum sollen mehr Menschen betreuen und individuelle  Übungsprogramme für sie erstellen können. Daten und Diagramme zeigen den Erfolg. Zusätzlich können sich die Therapeuten Videos vom Training anschauen. Das soll einen intensiveren Austausch neben dem persönlichen Kontakt möglich machen.  Die Patienten wiederum sollen  per Punktesystem feststellen, welche Fortschritte sie machen. Zehn Jahre Forschungsarbeit stecken insgesamt in „MeineReha®“. 300 Patienten haben es getestet.  „Die Akzeptanz ist sehr hoch. Wir haben auch mit älteren Patienten positive Erfahrungen gemacht“, sagt Anne Grohnert.

Eine klinische Studie sei erfolgreich durchgeführt worden, erklärt der Wirtschaftsingenieur Maciej Piwowarczyk vel Dabrowski. Sie belege, dass das System mindestens so gut sei wie die klassische Therapie und zu einer schnelleren Wiedereingliederung der Patienten in den Arbeitsmarkt führe. Es könne zur Bewegungstherapie bei verschiedensten Krankheitsbildern eingesetzt werden, von Rückenschmerzen bis zu Herzkrankheiten.

Über 100 verschiedene Übungen wurden bislang dafür entwickelt. Allerdings erkennt das Programm derzeit nicht, wenn der Patient bei dem Training zu Hause zum Beispiel stürzt.  MeineReha® sei aber für  Erweiterungen  ausgelegt, erklären die Forscher.

Ein Team von fünf Mitarbeitern arbeitet am Berliner Institut derzeit an der Ausgründung einer Firma, die „MeineReha®“ auf den Markt bringen soll. Im Sommer will das Unternehmen starten. Maciej Piwowarczyk vel Dabrowski, der gerade am Institut seine Doktorarbeit schreibt, ist der zukünftige Geschäftsführer.Bisher existiert das Reha-System als Prototyp. Das Entwicklerteam strebt jetzt die Zulassung als Medizinprodukt an. Die Forscher sind mit Krankenkassen, Klinikketten und Investoren über die Finanzierung im Gespräch.  Über die Reha-Nachsorge der Deutschen Rentenversicherung werde es für Patienten kostenlos sein, heißt es.

Nehmen es die Krankenkassen in ihren Leistungskatalog auf, könnten noch mehr Patienten das System nutzen. Die notwendigen Geräte und eine Smartphone-App stellt das künftige Unternehmen über ein Mietmodell bereit – auch einen Bildschirm, falls der in einem Haushalt nicht vorhanden sein sollte. Das neu gegründete Start-up will das Teleassistenzsystem für Reha-Einrichtungen und Patienten als einen Service anbieten.

Für die technische Wartung der Systeme, die Sicherheit der gesammelten Daten und die Weiterentwicklung der Software ist das Unternehmen zuständig. In diesem Jahr soll „MeineReha®“ auf den Markt kommen, sagt Maciej Piwowarczyk vel Dabrowski „Das ist unser Ziel.“

In fünf Jahren will das Unternehmen mindestens 50 Kliniken damit versorgt haben – und auch den Sprung auf den internationalen Markt schaffen.

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