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Kriminalität am Bahnhof
Polizeipräsenz zeigt offenbar Wirkung

Der Leiter der Hennigsdorfer Polizei, Stefan Boye, beim Sicherheitsgespräch in Hohen Neuendorf.
Der Leiter der Hennigsdorfer Polizei, Stefan Boye, beim Sicherheitsgespräch in Hohen Neuendorf. © Foto: Tilman Trebs
Tilman Trebs / 15.02.2019, 23:44 Uhr - Aktualisiert 16.02.2019, 14:31
Hohen Neuendorf (MOZ) Die verstärkten Kontrollen von Polizei, Ordungsamt und Sozialarbeitern am Hohen Neuendorfer Bahnhof zeigen offenbar Wirkung. Berliner Jugendliche, die zuletzt in der Stadt für erhebliche Unruhe gesorgt hatten, haben sich nach Angaben der Polizei zurückgezogen. Nun wird verstärkt mit dem einheimischen Nachwuchs, der am Bahnhof mitunter mit dem Gesetz in Konflikt gerät, das Gespräch gesucht.

„Die Berliner kommen nicht mehr. Ihnen ist hier zu viel Polizei. Sie stören sich an den vielen Kontrollen, bei denen ihnen auch Drogen und Alkohol abgenommen wurden“, sagt der Leiter des für Hohen Neuendorf zuständigen Polizeireviers in Hennigsdorf, Stefan Boye, am Freitagabend beim „Stadtgespräch Sicherheit“, zu dem Bürgermeister Steffen Apelt (CDU) Vertreter der Polizei, der Stadtverwaltung, Streetworker Andreas Witt und interessierte Bürger eingeladen hat.

Bereits seit Anfang Dezember waren Jugendliche auf dem Müllheimer Platz sowie auf dem Bahnhofsvorplatz immer wieder durch Straftaten auffällig geworden. Ihren Höhepunkt erreichten die Konflikte an zwei Wochenenden Mitte Januar, als es zu Körperverletzungen und Raubdelikten kam und ein Großaufgebot der Polizei dafür sorgte, dass Berliner Jugendliche mit der S-Bahn nach Oranienburg flüchteten und ihr Unwesen dort weiter trieben. Seither kontrollieren Polizei und Ordnungsamt die Brennpunkte immer wieder. Mitunter werden Minderjährige beim Genuss von Alkohol, Zigaretten und illegalen Drogen erwischt. In der Stadt tobt seitdem eine Debatte darüber, ob Hohen Neuendorf ein Hort der Jugendkriminalität geworden ist und wie der Lage Herr zu werden ist.

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Aufgeklärt sind einige der mitunter schweren Straftaten bislang nicht. Und auch die genauen Ursachen für die Auseinandersetzungen zwischen Hohen Neuendorfer und Berliner Jugendlichen sind noch unklar. Dennoch zeigen sich die Vertreter der Polizei bei der Diskussionsrunde zuversichtlich, die Lage im Griff zu haben und zu behalten. „Wir haben die Probleme erkannt und sie sind nicht unlösbar“, sagt Polizeirevierleiter Boye. Die gefühlte Sicherheit und die tatsächliche Gefahrenlage gingen punktuell auseinander. Oberhavels Polizeichef Lars Borchardt appelliert an die Hohen Neuendorfer, sich nicht verunsichern zu lassen. „Sie können sich in ihrer Stadt sicher fühlen.“

Das sieht auch der städtische Sozialarbeiter Andreas Witt so, der zuletzt wieder verstärkt den Kontakt zu den Jugendlichen am Bahnhof gesucht hat. Er kenne zwar nicht alle Hintergründe für die Probleme zwischen den Teenagern. „Aber ich kenne die Leute und inzwischen auch ihre Geschichten.“ Hopfen und Malz seien bei den meisten der Jugendlichen nicht verloren.

Die Wahrnehmung der Hohen Neuendorfer selbst auf die Situation ist durchaus unterschiedlich. Eine ältere Dame, die die Debatte die meiste Zeit stehend verfolgt, erklärt sogar, dass sie die Jugend von heute in der Stadt besser finde, als in früheren Zeiten. „Ältere Menschen werden weniger angepöbelt, als vor 20 Jahren. Das muss ich zur Ehrenrettung mal sagen.“ Oft beobachte sie die Jugend auf dem Müllheimer Platz. „Die benehmen sich anständig. Die vögeln nicht und trinken ihre Limo. Es ist nicht so schlimm, wie es dargestellt wird.“ Schlimmer finde sie, dass an der Waldstraße immer wieder junge Bäume umgetreten und Sträucher herausgerissen werden. Auch andere Gäste berichteten, dass sie die Zusammenkünfte der Jugendlichen nicht als ausufernd empfinden. „Die treffen sich und hören Musik, machen sie aber auch leiser, wenn man sie darum bittet“, sagte eine Besucherin.

Eine Hohen Neuendorferin, die sich zu Wort meldet, hat aber auch schon andere Erfahrungen gemacht. „Einige sind nett, andere aber auch äußerst renitent. Sie werfen mit Müll rum, blockieren den Fahrstuhl oder auch den Bankautomaten. Und wenn man sie darauf anspricht, blasen sie einem ihren Rauch ins Gesicht.“ Ähnlich schildert es ein Familienvater aus dem Mädchenviertel, der „99 Prozent der Hohen Neuendorfer Jugendlichen für unproblematisch“ hält und dennoch ein „erhebliches Unsicherheitsgefühl“ in seiner Gegend festgestellt hat. Manchmal werde er von Frauen gebeten, sie zum Bahnhof zu begleiten, weil sie sich nicht allein auf den Müllheimer Platz trauten. Er kenne Eltern, die ihren Kindern raten, nach der Schule über die nördliche S-Bahn-Brücke ins Viertel zu kommen, um nicht am Brunnen vorbei zu müssen, an dem sich die Teenager gern treffen.

Ein Jugendlicher berichtet, wie er mit Freundenzwischen dem Bistro-Palast und Kaufland von fremden Jugendlichen erst angepöbelt und dann angegriffen wurde. Einem Freund sei brutal ins Gesicht getreten worden. Der junge Mann bittet die Stadtväter zu prüfen, ob der dunkle Gehwegabschnitt besser beleuchtet werden kann. Eine Bitte, die Bürgermeister Apelt nun prüfen lassen will. Den jungen Mann bittet er, sich nicht einschüchtern zu lassen und solche Vorfälle umgehend der Polizei und auch Streetworker Witt zu melden. Witt sagt, er könne Kontakt zu möglichen Angreifern herstellen und sich um einen Täter-Opfer-Ausgleich bemühen.

Apelt präsentiert am Freitagabend dann auch gleich eine Reihe von Maßnahmen, die für mehr Sicherheit und ein höheres Sicherheitsgefühl in der Stadt sorgen sollen. Streetworker Witt soll mehr Zeit bekommen, sich um die Jugendlichen auf der Straße zu kümmern. Dafür bekommt er zum einen „Action Bus“, den er auch für Sozialarbeit in den Ortsteilen nutzen soll. Zum anderen will Apelt einen Integrationsbeauftragten einstellen, der Witt auch Verwaltungsaufgaben im Büro abnehmen soll.

Kommen soll auch die angekündigte Videoüberwachung am Bahnhof. „Wir haben bereits Angebote eingeholt“, sagt der Bürgermeister. Weil aber öffentliche Plätze nicht überwacht werden dürfen, soll vorerst nur der Fahrradabstellplatz, ein beliebtes Ziel von Dieben, gefilmt werden. Außerdem sollen die öffentlichen Plätze am Bahnhof besser ausgeleuchtet werden.

Auch die von Bürgern aufgestellte Forderung nach mehr Treffpunkten von Jugendlichen will Apelt erfüllen. Im Kulturbahnhof sollen sie ebenso eigene Räume bekommen wie in der alten Druckerei in der Berliner Straße 42.

Das größte Vorhaben ist aber: Gemeinsam mit den Nachbargemeinden Birkenwerder, Glienicke und dem Mühlenbecker Land will Steffen Apelt Ordnungsamtstreifen auch am Wochenende ermöglichen, die vor allem in der warmen Jahreszeit bis in den späten Abend die öffentlichen Plätze im Blick behalten und auch Beschwerden wegen Ruhestörung nachgehen. Seine Amtskollegen hat er bereits Ende vergangenen Jahres angesprochen. Inzwischen werden die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen geprüft. Laut Vize-Bürgermeister Alexander Tönnies könnten die gemeinsamen Streifen im kommenden Jahr starten. Mit ihnen könnte die Stadt einem Anspruch gerecht werden, den eine Hohen Neuendorferin mit Blick auf die Jugendlichen am Bahnhof verfolgt: „Chillen ja, nerven nein.“

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