Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Stellvertreterin ins Amt gewählt
Danziger Freiheit kontra Warschauer Ideologie

Alleinerziehende Mutter: Die neue Danziger Bürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz mit ihrer Tochter Zofia.
Alleinerziehende Mutter: Die neue Danziger Bürgermeisterin Aleksandra Dulkiewicz mit ihrer Tochter Zofia. © Foto: ANNA REZULAK
Dietrich Schröder / 05.03.2019, 08:00 Uhr
Danzig (MOZ) Mitte Januar wurde der Danziger Oberbürgermeister Pawel Adamowicz von einem Attentäter getötet. Jetzt ist seine Nachfolgerin gewählt worden. Die 39-jährige Aleksandra Dulkiewicz macht keinen Hehl aus ihrer kritischen Haltung zur Regierung in Warschau.

„Noch immer liegt Trauer über der Stadt. Und das Erschrecken über den Tod unseres Bürgermeisters. Doch die Tat hat auch vielen die Augen geöffnet: Es darf mit der Spaltung unseres Landes und der oft hasserfüllten Auseinandersetzung zwischen den politischen Lagern nicht so weitergehen.“ So beschreibt der Lehrer Wojciech Stepaniak die Stimmung in Danzig.

Die Stadt an der Ostsee, die so stolz auf ihre Weltoffenheit ist, hat auf den – von einem vermutlich psychisch Gestörten – verübten Mord auf bewegende Weise reagiert. Bei den tagelangen Trauerfeiern, an denen sich Zehntausende beteiligten, schwang auch die Hoffnung mit, dass sich das Land versöhnen möge, das laut der Ideologie der Regierungspartei PiS in vermeintlich „bessere“ und „schlechtere“ Polen geteilt ist.

Die Wahl von Adamowicz’ früherer Stellvertreterin Aleksandra Dulkiewicz am Sonntag ist dafür ein Symbol. Die 39-Jährige gehört wie ihr einstiger Chef der Bewegung „Alles für Danzig“ an und hat versprochen, das Vermächtnis ihres Ziehvaters zu erfüllen. Dazu gehört etwa, dass die Großstadt – im Gegensatz zur Regierung – ein Integrationsprogramm für Flüchtlinge hat.

Die Regierungspartei PiS stellte für die Bürgermeisterwahl erst gar keinen eigenen Kandidaten auf. Ohnehin war klar, dass ein PiS-Bewerber keine Chance gehabt hätte. In fast allen großen Städten des Nachbarlandes regieren Vertreter der Opposition, während die PiS bei der Landbevölkerung großes Vertrauen genießt.

Allerdings versuchte die Regierung, eine andere Danziger Institution zu entmachten. Dem „Europäischen Zentrum der Solidarität“ – einer von Adamowicz inspirierten Kultur- und zivilgesellschaftlichen Einrichtung, die sich dem Erbe der Solidarnosc-Bewegung verpflichtet fühlt – sollte der Haushalt gekürzt werden. Von sieben auf vier Millionen Zloty wollte der Warschauer Kulturminister Piotr Glinski die Mittel zusammenstreichen. Doch bei einer Spendenaktion kamen in kürzester Zeit nicht nur die fehlenden drei, sondern sogar sechs Millionen Zloty zusammen. Das Vorgehen der Regierung erinnerte daran, dass zuvor schon der Direktor des Danziger Weltkriegsmuseums – das von Polens früherem Regierungschef Donald Tusk unterstützt worden war – aus dem Amt gedrängt worden war. Mit Tusk, der noch bis zur Europawahl Präsident des Europäischen Rates sein wird, verbindet sich eine weitere Hoffnung der Stadt. Denn Tusk ist ein Danziger, der schon als Jugendlicher politisch aktiv war.

Am 4. Juni steht ein historisches Datum an: Der 30. Jahrestag der ersten halbfreien Wahlen in Polen, bei denen die Opposition 1989 einen riesigen Erfolg erzielte. Drei Jahrzehnte später hat die Küstenstadt zur Erinnerung an dieses Ereignis eingeladen; die Idee dazu stammt noch von Pawel Adamowicz.

Noch wird nur spekuliert, ob und wie Donald Tusk nach seinem Abschied aus Brüssel wieder in Polens Innenpolitik zurückkehrt. Doch im Herbst steht die Parlamentswahl, 2020 die polnische Präsidentenwahl an. „Es soll niemand denken, dass es sich dabei nicht auch um meinen Kampf handelt“, beschreibt der 61-Jährige seine Ambitionen noch etwas diffus. Seine Heimatstadt Danzig würde ihm wohl den roten Teppich für seine Rückkehr ausrollen.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG