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Sonnenwenden
Weiter unklar, woher die Himmelsscheibe stammt

Google-Earth-Sicht auf Möthlow im Havelland. Im unteren sandig, weißen Bereich gab es bis 1996 eine frühbronzezeitliche Kreisgrabenanlage. Die kreisrunden Bereiche oben sind landwirtschaftliche Nutzflächen.
Google-Earth-Sicht auf Möthlow im Havelland. Im unteren sandig, weißen Bereich gab es bis 1996 eine frühbronzezeitliche Kreisgrabenanlage. Die kreisrunden Bereiche oben sind landwirtschaftliche Nutzflächen. © Foto: Google Earth
René Wernitz / 17.03.2019, 05:15 Uhr
Havelland (MOZ) Bei Frühlingsbeginn in der kommenden Woche ist Tag- und Nachtgleiche. Das heißt, es ist tagsüber genau so lange hell, wie nachts Dunkelheit herrscht. Und es wird weiter mit jedem Tag ein bisschen länger hell. Gleichsam wandern die Sonnenaufgangspunkte am Horizont nach Norden. Dieser Prozess vollzieht sich bis zur Sommersonnenwende (Juni). Danach geht es in umgekehrte Richtung und mit umgekehrter Auswirkung der Wintersonnenwende (Dezember)  entgegen. Die tägliche Dunkelheit wird dann wieder länger. Der Bereich zwischen den Extrempunkten am Horizont wird als Pendelbogen der Sonne bezeichnet. Durch die Himmelsscheibe von Nebra wissen wir, dass das schon die Menschen Mitteleuropas vor etwa 3.500 bis 4.000 Jahren interessierte. Nicht ausgeschlossen, dass die Sonnenaufgänge auch im Havelland zu besonderen Leistungen inspirierten.

Seitdem das in Halle (Saale) ansässige Landesmuseum für Vorgeschichte im Jahr 2002 in Besitz der sehr berühmt gewordenen bronzezeitlichen Himmelsscheibe gelangte, haben sich etliche Experten an die Deutung der goldenen Zierelemente auf der Scheibe gewagt. Markant ist auch der sogenannte Horizontbogen am rechten Scheibenrand. Ein ihm einst gegenüber stehender Bogen ist wohl irgendwann abgefallen oder entfernt worden. Über den Sinn dieser Elemente ist sich die Wissenschaft längst einig: "Die beiden oberen Endpunkte der Bögen markieren die Sonnenauf- und -untergänge zur Sommersonnenwende, die beiden unteren jene zur Wintersonnenwende. Mit 82° entsprechen die Winkel der Goldbögen denen des Horizontdurchlaufs der Sonne in den Breitengraden Mitteldeutschlands", wie es das Museum auf seiner Webseite www.lda-lsa.de erklärt.

Der Winkel von 82 Grad bezieht sich  auf die Zeit der Himmelsscheibe. Inzwischen ist er etwas kleiner - bei Nebra sind es 79 Grad. Ob das kostbare Artefakt astronomische Konstellationen zeigt, wie sie einst vom Mittelberg bei Nebra aus beobachtet wurden, ist fraglich. Dort war aber das kostbare Stück um 1600 vor Christus vergraben  und erst 1999 nach Christus durch Raubgräber entdeckt worden. An ihrer Beute hatten sie nicht lange Freude. Inzwischen markiert die "Arche Nebra" den Fundort, ein architektonisch äußerst interessantes Besucherzentrum.

Freilich gingen auf dem Hügel auch Archäologen ans Werk: "Wie umfangreiche Ausgrabungen ergeben haben, hatte man den ganzen Bergsporn wahrscheinlich bereits zur Zeit der Verbergung der Himmelsscheibe mit zwei geraden Wällen begrenzt. Ein flacher Ringwall mit etwa 160 m Durchmesser, dem ein Graben vorgelagert war, umgab den Fundplatz der Himmelsscheibe. Diese Wall-Graben-Konstruktion ist nach den spärlichen Funden aber etwa 1.000 Jahre jünger als der Bronzehort. Da Siedlungsspuren aus der Bronzezeit auf dem Berg nicht nachgewiesen werden konnten, ist zu vermuten, dass der Schatz in einem umhegten heiligen Bezirk niedergelegt worden war", wie es auf www.lda-lsa.de dazu heißt.

Derweil berichtet das Museum auch von den vier Phasen der Scheibengestaltung. Die Horizont- bzw. Randbögen wurden demnach erst in Phase 2 aufgebracht. Wann das war, ist unbekannt: "Wir wissen nicht, wann die Himmelsscheibe hergestellt wurde und wie viel Zeit zwischen den Veränderungen vergangen ist. Am Ende wird das Bildwerk um 1600 v. Chr. vergraben."

Somit ist nur klar, wann die Scheibe gemeinsam mit anderen kostbaren Gegenständen  und mit Bedacht unter die Erde gebracht und dort gehortet wurde. Wissenschaftlich ist von einem Bronzehort die Rede. Nicht nur die Zeit der Herstellung ist ungewiss. Auch ist noch nicht hinreichend ermittelt, wo sich der Ort der Entstehung der Himmelsscheibe befand. Das Landesmuseum gibt diesbezüglich den Kenntnisstand so wieder: "Alles deutet darauf hin, dass die Himmelsscheibe und die übrigen Gegenstände aus dem Hort in Mitteleuropa hergestellt worden sind."

Erforscht wurde bereits die Herkunft der Rohstoffe. Das Kupfer für die Bronze soll aus dem Ostalpenraum stammen, das Gold aus Cornwall in England.

Wer nun annimmt, passionierte Sternengucker hätten die Scheibe so geschmiedet und gestaltet, dass sie reale astronomische Aspekte am Produktionsort widerspiegelt, beginnt womöglich damit, Winkel selbst zu messen und zu rechnen. Denn die Weite des Pendelbogens der Sonne  schwankt je nach geografischer Breite: je weiter nördlich, um so größer der Bogen. Auf Höhe Rathenow im Havelland sind es 81  Grad. Ein halbes Grad mehr oder weniger bei Winkelmessungen auf der Scheibe kann bereits zu völlig neuen Annahmen zur Produktionsstätte führen.

Gemeinhin nimmt man den Bereich zwischen dem 51. und 52. Breitengrad für Entstehung und Nutzung der Himmelsscheibe an. Die "Arche Nebra" befindet sich beispielsweise auf 51,3 Grad nördlicher Breite und der Dom zu Magdeburg bei 52,1 Grad. Harald Gränzer aus Berlin ist jener Hobbyforscher, der vor etwa 14 Jahren für den idealen Standort der Himmelsscheibe 52,3 Grad ins Spiel brachte. Nachzulesen auf www.analogika.info.

Doch nimmt die Zahl von Kreisgrabenanlagen in nördliche Richtung erheblich ab. Die Zahl potentiell in Frage kommender Orte nähert sich der Null. Zumal viele Kreisgrabenanlagen schon in der Jungsteinzeit entstanden, die der Bronzezeit vorausging. Daher hat auch die bei etwa 52,1 Grad gelegene Anlage bei Watenstedt (Landkreis Helmstedt/Niedersachsen) für die Himmelsscheibe keine Relevanz. Ebenso verhält es sich bei etwa 52 Grad bei Niedergörsdorf (nahe Jüterbog/Landkreis Teltow-Fläming). Die dortige Kreisgrabenanlage wird auf 4.700 vor Christus und damit auch weit in die Zeit vor der Himmelsscheibe datiert.

Etwa bei 52,3 Grad nördlicher Breite beginnt in der Stadt Brandenburg das Havelland. Zwar ist der Marienberg der Havelstadt mit einer Kultstätte aus dem slawischen Mittelalter in Zusammenhang gebracht worden. Über eine denkbare Kultstätte bzw. Kreisgrabenanlage aus der Bronzezeit ließe sich dort aber nur ganz wild spekulieren. Wie verhält es sich indes mit jener  havelländischen Anlage bei 52,6 Grad?

"Auf der plateauartigen Anhöhe des Mühlenberges, etwa 1 km südöstlich von Möthlow gelegen, befindet sich mit einem Kultplatz der Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit ein besonderer Fund", so äußern sich die Autoren im Sachbuch "Das Havelland um Rathenow und Premnitz" (Böhlau-Verlag/2017). Und weiter heißt es darin: "1996 wurden hier im Vorfeld eines Sandtagebaus zahlreiche Siedlungsbefunde und Spuren von zwei Kreisgrabenanlagen von 7 - 12 m Durchmesser dokumentiert. An Funden dominiert jungbronzezeitliche Keramik."

Auf der gesamten Fundfläche hätten keine Nachweise für einen Bestattungsplatz festgestellt werden können.  "Daher sprechen Lage und Befunde für einen rein kultischen Zwecken vorbehaltenen Platz", wie die Autoren mitteilen.

Wegen der dort dominierenden jungbronzezeitlichen Keramik lässt sich diese havelländische Kreisgrabenanlage in Zahlen einordnen. Laut Angaben zur Epoche auf www.praehistorische-archäologie.de steht der Abschnitt von 2200 bis 1550 Jahre vor Christus für die Frühe Bronzezeit. Daher lässt sich zumindest schlussfolgern,  dass die Möthlower Anlage für einen Kult auf dem sandigen Plateau in Betrieb gewesen sein muss, als auch die Himmelsscheibe in Gebrauch war.

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