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Chronik
Mühseliges Eintauchen in die Historie

Treffen in der Bibliothek: die Arbeitsgruppe Tramp-Chronik (v. l.) mit Margot Klingbeil, Rosemarie Tolkmitt, Gundula Gromke, Waltraud Große, Sibylle Zikmund, Erich Siek, Renate Kastner und Bibliothekschefin Stefanie Reich mit dem Originaltext in Sütterlin.
Treffen in der Bibliothek: die Arbeitsgruppe Tramp-Chronik (v. l.) mit Margot Klingbeil, Rosemarie Tolkmitt, Gundula Gromke, Waltraud Große, Sibylle Zikmund, Erich Siek, Renate Kastner und Bibliothekschefin Stefanie Reich mit dem Originaltext in Sütterlin. © Foto: Uwe Spranger
Uwe Spranger / 17.03.2019, 07:00 Uhr
Neuenhagen (MOZ) Seit mittlerweile über einem Jahr arbeitet eine Gruppe von Neuenhagenern an der Übertragung einer alten Chronik aus Sütterlinschrift in die heute gebräuchlichen Lateinbuchstaben. Die Beteiligten hoffen, das Werk Ende 2019 abschließen zu können.

"Es ist eine mühselige Arbeit", sagt Sibylle Zikmund. Ende 2017 hatte sie mit dem Ortschronisten Erich Siek eine chronologische Übersicht der Nachwendezeit auf Grundlage des Neuenhagener Echos herausgebracht. Weil Siek hernach die Übertragung  von ortsgeschichtlichen Aufzeichnungen Paul Tramps aus den 1920er- und 30er-Jahren als "lohnenswert" eingestuft hatte, machte sie sich mit weiteren Mitstreitern daran, die rund gut 320 A3-großen Blätter zu entziffern. Denn die sind überwiegend nicht nur handschriftlich gefertigt, sondern auch noch in dem alten Sütterlin, einer Schrift, die heute kaum noch jemand entziffern kann. Sie selbst habe sie nicht mal mehr in der Schule gelehrt bekommen, sondern sich nur durch ihre Eltern erschlossen, berichtet sie. Den meisten in der Gruppe geht es ähnlich.

50-Seiten-weise werden die Ergebnisse der Arbeit an die Bibliothek übergeben. Zweimal konnte die Gruppe schon liefern, und bis zur Seite 252 sei das Material vergeben, so der aktuelle Zwischenstand. Die "Übertrager" bekommen jeweils zwei bis drei Blätter. Zu ihnen gehören Renate Kastner, Gudrun Gärtner und Margot Klingbeil. Als "Springer" ist noch Waltraud Große hinzugekommen. Ihr Handicap: Sie kann durch Probleme mit den Händen nicht selbst schreiben. Ohnehin arbeiten die älteren Herrschaften, die des Sütterlin noch mächtig sind, nicht mit dem PC, sondern liefern ebenfalls in Handschrift ab. "Wir sind nur zwei, die das dann in den Computer eingeben und auf USB-Stick übertragen", berichtet Sibylle Zikmund. Ein Diktiergerät habe sich als unbrauchbar erwiesen, weil vieles mit angesagt werden müsste. Zum Beispiel unterschiedliche Schreibweisen. Bisweilen würden auch gleiche Zeichen für verschiedene Buchstaben verwendet. "Man braucht volle Konzentration, muss immer wieder aufs Blatt schauen."

Ist eine Seite fertig, gibt es eine "Erstkontrolle". Und schließlich noch eine "Endkontrolle". Durch Margot Klingbeil, Gundula Gromke und Sibylle Zikmund. "Die Rosinen lassen wir für sie", witzeln die anderen. Und für sämtliche Aufgaben gibt es zudem noch Rosemarie Tolkmitt, die ehrenamtlich in der Bibliothek arbeitet. Sie überträgt, schreibt in den PC, kümmert sich um die besonderen Hürden wie Tabellen oder Bilder. Als "Oberberater" fungiert Ortschronist Siek. Weitere "Helfer" seien das Internet und Wörterbücher, erzählen die Beteiligten, zum Beispiel wenn es um Wortbedeutungen oder Maßeinheiten gehe.

Die Kontrolle ist aus Sicht von Sibylle Zikmund sehr wichtig. Denn es gibt viele Fragezeichen. "Es ist zum Teil sehr gekritzelt und es finden sich auch mindestens zwei weitere Handschriften, teilweise mit vielen Schnörkeln", erzählt sie. "Manchmal tränen einem die Augen", bestätigen ihre Kolleginnen. Zudem seien Schreibweisen völlig ungewohnt, man könne sich auf nichts verlassen, müsse viel Sorgfalt aufbringen. Es sei seinerzeit die beste Entscheidung gewesen, die Schrift Buchstabe für Buchstabe zu übertragen und sich keinesfalls mit Formulierungen aufzuhalten, sagt die Chefin. Wenn da bisweilen Sätze über ein halbes Blatt gingen, wolle sie nicht entscheiden, ob der Sinn, den sie herauslese, tatsächlich so gemeint war, erklärt sie.

Inhaltlich habe sie zunächst mehr erwartet, gesteht die Seniorin. "Ich habe früher wissenschaftlich gearbeitet und mir unter Forschung zur Ortsgeschichte etwas anderes vorgestellt. Da gibt es zum Beispiel ein Blatt über den 30-jährigen Krieg, und mittendrin steht ein Satz aus dem 19. Jahrhundert. Na, es war halt ein Dorfschullehrer, der das aus eigenem Inte-resse gemacht hat", äußert sie. Siek bestätigt, es gebe mehrere Zeitebenen, die von Tramp erlebte zwischen 1900 und 1940, aber eben auch mal etwas aus dem 16. Jahrhundert.

Auf den Rückseiten der Blätter werde meist eine andere Thematik abgehandelt, es fehlten Hinweise, wo es weitergeht. Und es gibt durchgestrichene Teile. Die wurden mit entsprechendem Hinweis mit übertragen. Zudem seien nur selten Quellen angegeben. Allerdings gebe es in den Aufzeichnungen durchaus auch interessante Fakten, zum Beispiel über die Schule oder bestimmte Familien. Und bisweilen auch Amüsantes.

Auch wenn sie bisweilen den Eindruck habe, ihre gesamte freie Zeit gehe drauf, und sich alle über Unverständliches ärgerten, mache es doch auch Spaß, erklärt Sibylle Zikmund. Schließlich seien alle von Anfang an dabei geblieben. Für manche Witwen sei es nach dem Tod ihrer Männer eine willkommene Aufgabe gewesen. "Jeder ist auch ein Stück größer geworden und hat dazugelernt. Schließlich wollen wir ein gutes Werk tun", sagt sie. Leider habe Gerhard Krankenhagen sein Werk  nicht ganz vollenden können. Der 89-Jährige war kürzlich verstorben.

Bibliothekschefin Stefanie Reich ist sehr froh über die Arbeit. Bislang fehlten Aufzeichnungen über diese Zeit. In den 1990er-Jahren war lediglich das Original über ein ABM-Projekt vervielfältigt worden. Zwei Exemplare davon gibt es gebunden. Überdies ein Inhaltsverzeichnis. Nach Abschluss der Arbeit seien die Aufzeichnungen des 1960 gestorbenen Deutschlehrers für Schüler, Zugezogene und historisch Interessierte nutzbar. Aber es sei ein Arbeitsmaterial, kein wissenschaftliches Werk, sind sich die Beteiligten einig.

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