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Jubiläum
... und abends auf die Schulbank

Manfred Lutzens / 17.03.2019, 09:18 Uhr
Brandenburg Als vor nunmehr 100 Jahren erstmals eine Art Volkshochschule in unserer Stadt ebenfalls ihren Unterricht anbot, hätte wohl niemand geahnt, welch eine imposante Entwicklung diese Bildungsstätte - wenn  auch über längere Zeiträume von etlichen gravierenden Einschnitten beeinträchtigt -, bis zur ihrem "runden" Jubiläum nehmen würde. Sind es doch heutzutage gar mehr als 240 Kurse, mit denen sich diese Lehranstalt empfiehlt.

Äußerst bescheiden waren seinerzeit, bald nach Ende des Ersten Weltkrieges (1918), die Anfänge. Die junge Weimarer Verfassung indes aber hatte nun die Grundlage für eine Bildungstätigkeit außerhalb der bestehenden Schulsysteme geschaffen. Ging es doch damals vornehmlich darum, einem  Teil der bisher kaiserlichen Soldaten, die von den Schlachtfeldern zurückkehrten, entsprechende Angebote zu unterbreiten. Nach einiger Zeit etablierten sich dann während der 1920-er Jahre diese Abendkurse in den verschiedenen Fächern, ja, die Entwicklung war durchaus beachtlich. Doch mit Machtübernahme der Nationalsozialisten (1933) und unter dem Begriff "Volksbildungsstätte" fehlte es fortan insbesondere an kommunalen Mitteln. Zudem reduzierte sich mit Dauer des Zweiten Weltkrieges die Lehrtätigkeit immer mehr, bis sie letztendlich zum Erliegen kam.

Und wieder bedurfte es nach Ende des Weltenbrandes auch in unserer Heimatstadt wahrer Pioniertaten. "So begann eine ´Akademie für jedermann` ihre Arbeit mit sechs praktischen Kursen und Arbeitsgemeinschaften, an denen 239 Hörer teilnahmen", hieß es rückblickend in einer Stadtchronik auf den Juni 1946, als die 1919 begründete Volkshochschultätigkeit wieder belebt wurde. Erst zwei Monate zuvor hatten engagierte Brandenburger diese Akademie ins Leben gerufen. Der Erfolg gab ihnen Recht. Kamen doch bis zum Ende des Unterrichtsjahres 1946/47 immerhin 1 225 Interessierte zu insgesamt 12 praktischen Kursen, die in der Regel zehn Doppelstunden beinhalteten. Je Teilnehmer waren 10 Reichsmark zu entrichten.

Werfen wir hier einen Blick in das Programm für den darauf folgenden ersten Lehrabschnitt 1947/48. Zu dessen Start am 23. September hatte man nun besagte Akademie in Volkshochschule umbenannt. Wie es in den allgemeinen Bestimmungen u.a. hieß, "kann Hörer bei den Abendkursen jeweils montags bis freitags zwischen 19 Uhr werden, wer das 17. Lebensjahr erreicht und den Willen zum Lernen hat. (...). Die Interessierten werden ersucht, durch Werbung von Teilnehmern das Zustandekommen von Vorlesungen, auf die sie besonderen Wert legen, zu unterstützen." Gegenüber dem ersten Unterrichtsjahr war es gelungen, die Zahl der Lehrfächer um elf auf 30 zu erhöhen sowie mehrere Einzelveranstaltungen anzubieten.

Der Mensch und die Gesellschaft nahmen fortan den Hauptanteil des Lehrinhalts ein. Hier zeichnete u. a. auch  Georg-Max Hartmann als Dozent verantwortlich. Er spannte beispielsweise bei der Einführung in die Physiologie den Bogen von den Anfängen im griechischen Altertum bis hin zur naturwissenschaftlichen Forschung während der Renaissance. Sein beachtliches Wissen vermittelte Hartmann in der Schule Kur-/Ecke Kirchstraße, wo sich zudem  neben anderen die Teilnehmer an der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft trafen. Im Bereich der Wirtschaftslehre gehörten der Kapitalismus und seine Krisen zu den Themen von Willi Tornow.  "Demokratie vom Altertum bis zur Gegenwart" und "Vom Absolutismus zur großen französischen Revolution" waren weitere Wissensbereiche. Sogar Einzelvorträge über Deutschland und die Probleme der Weltpolitik (Maria Richter) gehörten zum Angebot der wieder begründeten Volkshochschule.

Auf gleiche Art gaben Dr. Hans Neumann sowie Dr. Wilhelm Fraeger Einführungen in Schauspiel und Konzert bzw. in die altniederländische Malerei. Einmal mehr trafen sich die Abendschüler dazu im Saal der Sozialversicherungskasse (Kanalstraße), der wie  beispielsweise die damalige Gutenberg- und Fontaneschule sowie beide Oberschulen  genutzt wurde. Und was wäre die Erwachsenen-Bildungsstätte ohne Kurse über die Bildende Kunst, Literatur und Theater!? Da muss an erster Stelle Heimatforscher Friedrich Grasow (später eiferte ihm sein Sohn  Friedrich-Karl nach) hervorgehoben werden. Seine Schilderungen zu den Bau- und Kunstdenkmalen unserer Stadt standen in jenem Lehrabschnitt 1947/48 wie schon dereinst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hoch in Kurs. Ob das "Stadtbild im Wandel der Zeiten", die beiden Rathäuser, das Heimatmuseum oder die mittelalterliche Befestigungsanlagen und imposante Häuser -  da traf Grasow den Nerv der heimatbewussten Brandenburger. Mit einer Führung durch Gassen und Winkel komplettierte er diese Vorträge.

Selbst der damalige Kapellmeister am hiesigen Theater, Paul Schwob, stellte sich in den Dienst der guten Sache, und Dr. Hans Neumann gab eine Einführung in Schauspiel sowie Konzert. Kurzerhand leitete der so renommierte Oskar Fritzler von der Bühne in der Grabenstraße die Arbeitsgemeinschaft "Richtiges Sprechen". Wohl etwas schwieriger dürfte es  gewesen sein, den Lehrstoff in Mathematik oder in naturwissenschaftlichen Fächern zu vermitteln bzw. zu verstehen. Zu den Dozenten (Anatomie und Physiologie) gehörte Dr. Hans-Georg Großmann, später u. a. Direktor des Bezirkskrankenhauses in der Hochstraße. Besonders aktuell war in Brandenburg als eine Stadt der sowjetischen Besatzungszone seit Mai 1945 die russische Sprachlehre. Anfänger und Fortgeschrittene hatten mit Dr. Wilhelm Sonnenburg (Dom-Oberschule) einen geduldigen Pädagogen zur Seite. Überdies gehörten zum Bildungsangebot Englisch und Französisch (Dr. Paul Gehring / Dr. Otto Söchtig). Vielfältige praktische Kurse, ob nun Maschineschreiben, Stenographie, Buchführung oder auch Rechtsfragen komplettierten die Zahl der insgesamt 27 Lehrgänge.

Heute - im 100. Jahr ihres Bestehens - ist die Volkshochschule Brandenburg eine von 938 derartigen Bildungsstätten im wiedervereinten Deutschland. Bis zur friedlichen Revolution im Herbst 1989 gab es zweifelsohne ebenfalls eine recht kontinuierliche Entwicklung, wobei es jedoch wie in allen anderen Einrichtungen galt, zielgerichtet die Beschlüsse der SED umzusetzen. Die berufliche Aus- und Weiterbildung erhielt den Bedürfnissen entsprechend neben allgemeinen Themen, künstlerischen Inhalten sowie Sprachen die größte Bedeutung. Bis 1986, als 12 hauptamtliche Pädagogen sowie nahezu 150 nebenberufliche Lehrkräfte unterrichteten, hatten immerhin mehr als 100 000 Havelstädter die Angebote der in etlichen Bildungsstätten organisierten Abendkurse genutzt.

Heutzutage empfiehlt sich die Volkshochschule mit einem Programm, das den Bereichen Mensch und Gesellschaft (wie bereits 1947 in der Akademie für jedermann!), Kunst, Kultur, Gestalten sowie Familie und Erziehung gewidmet ist. Hinzu kommen die berufliche Bildung samt Sprachen, überdies das breite Spektrum der Gesundheit und die EDV. Ein hochwertiges und bedarfsgerechtes Angebot, bis hin zu Zielgruppen wie Junge VHS, "Alles fürs Büro" oder gar für Senioren.

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