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Im Brandenburgischen Viertel wurden in den 1970er-Jahren sämtliche Versorgungsleitungen in einem zentralen Schacht, einem Kollektor aus Beton, verlegt

Oberbarnim unterirdisch
Vollkomfort aus dem Untergrund

Viola Petersson / 17.03.2019, 11:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Für die Serie "Oberbarnim unterirdisch" begeben sich Reporter in den Untergrund und spüren Orte auf, die sonst verborgen bleiben. Welche Geheimnisse, welche Geschichten lauern unter der Oberfläche? Diesmal: der "Kollektor" im Brandenburgischen Viertel.

Die Bezeichnung Kollektor lässt es erahnen. Hier wird etwas gesammelt. Was genau, das wollen wir bei unserer Verabredung mit zwei Versorgungsunternehmen, mit Vertretern der Energie Weser Ems AG und des Eberswalder Zweckverbandes für Wasserver- und Abwasserentsorgung, erfahren. Treffpunkt ist am Blockheizkraftwerk im Brandenburgischen Viertel an der Prignitzer Straße. Der Kollektor, so erklären Volker Pagel vom ZWA und Michael Thielert von EWE gleich, sei ein unterirdisches Betonbauwerk, ein zentraler Versorgungsschacht.

Viele solcher Kollektoren gebe es nicht.  In Eberswalde nur noch im Leibnizviertel. Es handele sich um einen "Neurervorschlag" aus den 1970er-Jahren, eine Erfindung, entwickelt seinerzeit vom Verkehrs- und Tiefbaukombinat (VTK). Und eben im damaligen Max-Reimann-Wohngebiet zum Einsatz gebracht. "Allerdings nur im ersten Bauabschnitt", so Pagel. Eigentümer ist heute die EWE, die den Kollektor vom Typ Frankfurt (Oder) vor einigen Jahren von den Stadtwerken Eberswalde übernommen hat. Genutzt werde der Schacht aber von mehreren Medienträgern, darunter eben der ZWA, aber auch die EDIS sowie Telta. Der obere Teil des Kollektors sei begehbar, heißt es. Und genau der ist jetzt unser Ziel. Wir sind gespannt und neugierig.

Auf dem Gelände geht es ein paar Stufen hinunter, eine unscheinbare Treppe. Michael Thielert, Gruppenleiter für Fernwärme in Eberswalde, schließt die Tür auf. Wir folgen – und vor uns öffnet sich ein Tunnel. Mit vielen Rohren und Kabeln. "Das hier sind die Heizungsrohre, Vorlauf und Rücklauf", zeigt der EWE-Mann. Dicht daneben die Trinkwasserleitung. Mit einem Durchmesser von 350 bzw. 300 Millimetern sind dies die größten, die dicksten Rohre. An der Wand verlaufen unter anderem die Leerrohre für Telekommunikation. "Da sehen Sie die Glasfaserkabel." Ja, das Brandenburgische Viertel ist in Sachen Breitband schon in der Zukunft angekommen. Telta, eine EWE-Tochter, habe bereits nachgerüstet.

Die Trinkwasserleitung indes stamme noch aus den 70ern, sei aber tipptopp in Schuss, versichern Pagel, technischer Leiter beim ZWA, sowie Romano Maaß, der als Meister für die Trinkwassersparte zuständig ist. Wir gehen durch den Tunnel. Für mich mit 1,64 Meter kein Problem. Der Fotograf muss mit knapp zwei Metern indes schon an einigen Stellen den Kopf einziehen. Alle paar Schritte entdecken wir eine Luke in der Decke. Das seien für den Notfall die Ausstiege. Vergleichbar mit Rettungstüren im Auto-Tunnel.

Es riecht etwas muffig, leicht modrig hier unten. Ein Keller eben. Das komme vom Schwitzwasser an der Decke, erklären die Männer vom ZWA.  Und weil es keine natürliche Belüftung gebe. Sondern "nur" eine "Zwangsbelüftung", die aber regelmäßig in Betrieb sei und für einen leichten Luftzug sorgt. Auch jetzt.

Weiter geht’s. Bis zu einem "Abzweig". Von hier gehe die Wärmeleitung für die Kita "Gestiefelter Kater" ab.  Und wo ist nun die Kanalisation? "Die Abwasserleitung verläuft unter uns", erklärt Jeffrey Neumann, Meister fürs Kanalnetz. Und deutet auf Luken im Boden. Wegen des nötigen Gefälles müsse diese Leitung tiefer liegen. Also kein Blick ins Abwasser. Keine Fäkalien. Und übrigens auch keine Ratten. Eine solche Begegnung sei eher selten, erfahren wir. Es gebe nämlich einmal jährlich, koordiniert mit dem ZWA, eine Schädlingsbekämpfung.

Insgesamt sei der Kollektor einige hundert Meter lang. Die genaue Lage und den Verlauf wolle man aus Sicherheitsgründen nicht beschreiben. Für uns endet der Tunnel-Besuch nach etwa 50 Metern. Und mit der Frage, wie viele Eberswalder über diese hier im Betonschacht verlegten Rohre versorgt werden. Beim ZWA weiß man es genau: 1200 Einwohner. Die EWE beliefert vom Heizhaus das gesamte Wohngebiet mit etwa 3500 Haushalten.

Auf der Rückfahrt in die Redaktion legen wir mit Jeffrey Neumann noch einen kurzen Stopp an der Pumpstation Eisenspalterei ein. Etwa acht Meter unter der Erdoberflächen stehen vier riesige Pumpen. Sie befördern das Schmutzwasser, auch das aus dem Brandenburgischen Viertel, direkt in die Kläranlage. Alle Anlagen, ob die unterirdischen Systeme oder das Blockheizkraftwerk, arbeiten vollautomatisch. So viel Auflauf wie heute ist selten.

Zahlen und Fakten

■ Zur Versorgung der Wohnungen im damaligen Max-Reimann-Viertel wurde Anfang der 1970er-Jahre im ersten Abschnitt ein Kollektor gebaut.  Im etwas später entstandenen zweiten Abschnitt wurden die Rohre, Kabel und Leitungen – so wie auch heute üblich – im Erdreich verlegt. Die Neuerung hat sich nicht durchgesetzt.

■ An der Stelle der früheren Umformerstation an der Prignitzer Straße steht heute ein Blockheizkraftwerk. Betrieben von der EWE. Das versorgt nicht nur das Brandenburgische Viertel, sondern auch das Freizeitbad baff sowie die zwei Kitas im Park.

■ Das Blockheizkraftwerk (BHKW), 2014 in Betrieb genommen, arbeitet nach dem Prinzip der Kraft-Wärme-Kopplung. Das heißt, es werden gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt. Pro Jahr, bei zirka 8500 Betriebsstunden, um die 16 000 MWh Strom und 15 700 MWh Wärme.

■ Damit die Wärme zu den Kunden kommt, dafür sorgt das Netz. Allein im Brandenburgischen Viertel sind dies laut EWE zehn Kilometer Wärmeleitungen. 2014 hat die EWE das Netz im Wohngebiet für 250 000 Euro modernisiert. Es wurden u. a. Armaturen eingebaut und Streckenteile erneuert.

■ Das Wasser fürs Brandenburgische Viertel kommt aus dem Wasserwerk Finow. Das Schmutzwasser wird auf der großen Kläranlage in Eberswalde gereinigt. Auf dem Weg dahin passiert es die Pumpstation Eisenspalterei, eine von insgesamt 148 Pumpwerken im gesamten Verbandsgebiet.

⇥Quelle: EWE/ZWA

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