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Ein belgischer Schäferhund in sächsischen Diensten ist Deutschlands einziger Hund, der Datenträger erschnüffeln kann.

Ermittlungshelfer
Artus mit der Supernase

Herr und Hund: Der belgische Schäferhund Artus hat ein unvergleichliches Talent. Er kann Datenträger erschnüffeln und hat damit im Kindesmissbrauchs-Fall in Lügde einen wichtigen Beitrag geleistet.
Herr und Hund: Der belgische Schäferhund Artus hat ein unvergleichliches Talent. Er kann Datenträger erschnüffeln und hat damit im Kindesmissbrauchs-Fall in Lügde einen wichtigen Beitrag geleistet. © Foto: Justizministerium Sachsen
Thomas Sabin / 25.03.2019, 09:00 Uhr - Aktualisiert 25.03.2019, 11:13
Berlin (MOZ) Datenträger, Drogen oder Bargeld – Spürhunde sind effektive Ermittlungshelfer. Nicht nur an Flughäfen oder Grenzen schnuppern sie nach illegaler Fracht, auch an Orten des Verbrechens. Einer jener Spezialisten ist Artus, der einzige Schnüffler seiner Art in Deutschland.

Artus schnuppert wie kein anderer. Mit treuem Blick, spitzen Ohren und rotbraunem Fell arbeitet sich der belgische Schäferhund über einen Campingplatz. Seine Körpertemperatur steigt. Artus ist angespannt. Immer an seiner Seite: Jörg Siebert, Diensthundeführer der sächsischen Justiz. Beide sind hoch konzentriert.

Es ist ein schrecklicher Ort, an den Artus und Siebert vor knapp vier Wochen gerufen wurden. Auf dem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen wurden über Jahre Kinder missbraucht. Der Fall entwickelt sich immer mehr zu einem Ermittlungsskandal. Datenträger verschwanden spurlos. Der Polizei wird Versagen vorgeworfen. Artus, der einzige Datenträgerspürhund der Bundesrepublik und der zweite weltweit, sollte vor Ort nach elektronischen Geräten suchen. Und er wurde fündig.

"Artus wurde dazu ausgebildet Handys im Strafvollzug aufzuspüren", erklärt Siebert. "Irgendwann haben wir festgestellt, dass er auch andere Datenträger findet.  SD-Karten, Sim-Karten und auch USB-Sticks."

Wie Artus das anstellt, weiß Siebert auch nicht so genau. Sicher ist jedoch: Artus findet die chemischen Komponenten in der Elektronik. Er riecht das Lithium im Akku, die Seltenen Erden im Display und Legierungen auf Speichermedien. "Das ist sehr schwer, da diese Stoffe ein sehr geringes Duftfeld haben", sagt Siebert.

Damit Artus wichtige Beweismittel dieser Art findet und konzentriert arbeitet, muss Siebert mit ihm interagieren und ihm zeigen, wo er suchen soll. Für Artus sind solche Einsätze harte Arbeit. Seine Körpertemperatur erhöht sich und seine Atmung wird schneller. Springen und Klettern gehören auch dazu. Die Sucharbeit sei auf reine positive Verstärkung aufgebaut, erklärt Siebert. "Das Triebziel für Artus ist sein Spielzeug, das ich in meiner Tasche habe. Er macht das alles nur, dass er den Ball bekommt. Müsste er zwischen einem gebratenen Hähnchen und seinem Ball entscheiden, würde er zu 100 Prozent den Ball nehmen." Hundenasen sind wahre Hochleistungsorgane. Sie können feinste Gerüche wahrnehmen und sind mit bis zu 300 Millionen Riechzellen ausgestattet – der Mensch hat etwa fünf Millionen. Hunde sind zudem in der Lage etwa drei Meter tief in Waldböden hineinzuriechen und bis zu acht Meter tief unter eine Schneedecke.  Logisch, dass der Mensch sich diese Fähigkeiten zu Nutze macht.

Neben Datenspürhunden wie Artus und Rauschgiftspürhunden bilden Behörden weitere Spezialhunde aus. Neben Leichen- und Blutspürhunden, Sprengstoffspürhunden, Brandmittelspürhunden und Personenspürhunden werden auch Bargeldspürhunde eingesetzt. Ihre Ausbildung beginnt schon  im Welpenalter. An die Diensthundeschule geht es dann frühestens mit neun Monaten. Ist ein Hund fertig ausgebildet, liegt sein Wert bei etwa 100 000 Euro, schätzt Siebert, abgesehen davon, dass seine beiden Diensthunde zur Familie gehören.

"Die sind voll integriert, fahren mit uns in den Urlaub und kommen mit auf Familienfeiern. Ohne meine Hunde fahre ich nirgendwo hin. Ich mache auch keine Flugreisen und fahre auch nicht ins Ausland. Mit den Hunden haben wir schon einige Schlachten geschlagen."

Auch als Artus kürzlich operiert werden musste, wich ihm Siebert nicht von der Seite. Der Eingriff war lange geplant, musste aber wegen einiger Einsätze verschoben werden. Bei einer Arthroskopie stellte man fest, dass er einen Kreuzbandriss und dadurch Verwachsungen hat. "Es war eine große OP. Die hat er jedoch gut verkraftet", sagt Siebert und ist zuversichtlich, dass Artus in ein paar Monaten wieder voll einsatzfähig ist.

Auf dem Campingplatz in Lügde fand Artus neben einem USB-Stick noch eine Sim-Karte. Für die Ermittler sind das wichtige Beweise. Was drauf war, "möchte ich eigentlich gar nicht wissen", sagt Siebert. Rückmeldung bekomme er eh selten. In diesem Fall war ihm das ganz recht, verrät er.

Artus ist nun schon neun Hundejahre alt und geht langsam auf das Rentenalter zu. "Wir sind auf der Zielgeraden. Ich denke, zwei Jahre können wir noch zusammen arbeiten", sagt Siebert, der 48 ist und seit rund 15 Jahren als Diensthundeführer arbeitet. Geht Artus in Rente, bleibt er an Sieberts Seite, "mit allen Kosten und Konsequenzen." Die sächsische Justiz ist nämlich die einzige Behörde in Deutschland, die für ihre ausgemusterten Hunde nicht aufkommt. "Es wäre wirklich toll, wenn der Dienstherr eine Entscheidung trifft und wenigstens einen symbolischen Betrag bezahlt", sagt Siebert. "Am Ende ihrer Laufbahn sind die Hunde abgearbeitet und oft krank. Das kann kosten. Und dass der Hund im Ruhestand bei seinem Diensthundeführer bleibt, ist selbstverständlich. "Wir übernehmen jeden Diensthund. Machst du das nicht, wirst du geächtet."

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