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Fotografie
Ein deutsches Tagebuch

Antje Scherer / 06.04.2019, 10:00 Uhr
Neuhardenberg (MOZ) Die Stiftung Schloss Neuhardenberg zeigt mit der Ausstellung "Deutsche Vita" von Stefan Moses hinreißende Porträts  – und eine Chronik dieses Landes.

Wie nach einer langen Reise fühlt man sich am Ausgang – erschöpft, beglückt, erfüllt von unzähligen Eindrücken. Kein Wunder, sind doch in diesem einen Saal  in Neuhardenberg zwei Gesellschaftssysteme und fast fünf Jahrzehnte versammelt.

Man trifft hier: Konrad Adenauer, Theodor W. Adorno, Gregor Gysi, Rollmopspackerinnen an der Nordsee und Bergarbeiter aus Sachsen, Ingeborg Bachmann, Joseph Beuys und Wolf Biermann … Und jedes Bild, meist sind es Teile großer Serien, verweist auf eine Welt – die junge Schäferin aus der Nähe von Greifswald, aufgenommen kurz nach der Wende, erzählt auch von der Selbstverständlichkeit weiblicher Berufstätigkeit in ihrem Teil Deutschlands; eine Aufnahme von Erich Kästner (1954) vom schwierigen Neubeginn in München nach dem Krieg.

Die Ausstellung "Deutsche Vita" zeigt viele einzelne deutsche Leben, und daraus wird in der Zusammenschau tatsächlich eine Art Vita dieses komischen, widersprüchlichen, zerrissenen Landes nach 1945. Dass ihr Schöpfer Stefan Moses (1928–2018) diese Chronik schaffen konnte und auch noch auf diese Art, mit so viel Würde und Menschenfreundlichkeit, ist ein Wunder. Denn der im schlesischen Liegnitz (heute Legnica/Polen) geborene "Halbjude" wurde als Teenager in ein Arbeitslager gesteckt. Er überlebte und entschied sich, nicht nur in seinem seltsamen Heimatland zu bleiben, sondern auch fortan die Deutschen zu porträtieren.

Die Liste derjenigen, die er vor der Kamera hatte, liest sich wie ein Who’s who der Bundesrepublik. Egal ob Politiker, Künstler oder Philosoph, sie taten ziemlich viel für ihn, kletterten im Wald auf Bäume oder zogen sich Strümpfe oder Staubmasken übers Gesicht. Er sei "ein Verführer" gewesen, "eine Märchenfigur", sagt der Kurator der Schau, Christoph Stölzl. Um seine Porträtierten zum Mitspielen zu bewegen, nutzte der hochgewachsene, extrem belesene Moses viele Wege: "Er hatte Geschenke dabei, Gummibärchen oder kleine Anspitzer, auch für jemanden wie Adorno." Vor allem aber habe er sich brennend für jeden interessiert, den er fotografierte. "Und zwar dafür, wie der- oder diejenige wirklich ist", so Stölzl. "Er wusste, mit wem er es zu tun hat. Und es wurde zwar fotografiert, aber eigentlich ging es um eine Begegnung zweier Menschen."

Auch Humor muss Moses gehabt haben. Davon zeugt das Lächeln im Mundwinkel, das viele Porträtierten tragen. Herrlich die Serie "Selbst im Spiegel", für die Persönlichkeiten wie Ernst Bloch oder Adorno vor einem großen Kaufhausspiegel selbst den Auslöser drückten. Humorvoll ja, lächerlich nie. In solchen Arbeiten scheinen all seine Vorbildungen auf: die Ausbildung bei der Kinderfotografin Grete Bodlée, die frühe Arbeit als Theaterfotograf in Weimar und seine umfassende humanistische Bildung.

Während er anfangs für die Zeitschrift "Revue" (später "Stern" und "Magnum") Reportagefotografie in der ganzen Welt betrieb (diese Phase zeigt parallel das Deutsche Historische Museum in Berlin), inszenierte er später kunstvolle Serien, etwa "Große Alte im Wald", das Langzeitprojekt  "Manuel" über seinen Sohn oder "Künstler machen Masken", in der die Porträtierten binnen Minuten ihre eigene Maske herstellen mussten.

Moses’ Lebensthema sind Menschen. Für die Serie "Deutsche" fotografierte er Hunderte: unterschiedlichste Leute, alle vor seinem berühmten grauen Tuch, das wie eine Bühne funktionierte; ab 1989 konnte er dann den Osten hinzunehmen, den er sofort nach dem Mauerfall bereiste.

Was für ein Glück, dass nun zusammen mit der Ausstellung in Berlin ("Das exotische Land", bis 12.5.) die Gelegenheit besteht, das Werk dieses "Chronisten der deutschen Nachkriegsgesellschaft" umfassend kennenzulernen.

Info: Vernissage am Sonnabend, 15 Uhr, dann bis 16.6., Di–So 10–18 Uhr, Schloss Neuhardenberg, Telefon 033476 600750

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