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zur Assange-Festnahme
Der Rauswurf

Stefan Kegel
Stefan Kegel © Foto: Thomas Koehler
Meinung
Stefan Kegel / 11.04.2019, 20:00 Uhr
Berlin (MOZ) Er war ein Star. Ohne ihn wüsste man sicherlich nur halb so viel über manche Kriegsgräuel der USA oder geheime diplomatische Absprachen weltweit. Seine Enthüllungsplattform WikiLeaks hat dafür gesorgt, dass die Welt Einblick bekam in politische und wirtschaftliche Gaunereien. Sie hat sogenannten Whistleblowern, warnenden Stimmen innerhalb von Behörden, Organisationen oder Unternehmen, eine Bühne gegeben und sie zumindest teilweise vom Ruch des Verräters befreit.

Wie Julian Assange am Donnerstag aus seinem Asyl in der ecuadorianischen Botschaft hinausgetragen wurde, bärtig und blass, das erinnerte an unwürdige Bilder von Diktatoren, die gewaltsam aus ihren Verstecken geholt wurden. Was für ein Niedergang des einstigen smarten Helden!

Aber war er während seiner Tätigkeit tatsächlich ein Weltverbesserer? Er verkrachte sich nicht nur mit Weggefährten und sah wegen inzwischen eingestellter Vergewaltigungsermittlungen keinen anderen Ausweg, als Asyl in der Botschaft zu suchen. Immer wieder entpuppte er sich auch als Instrument in den Händen von Kräften, die mit WikiLeaks-Enthüllungen ihr eigenes Süppchen kochen wollten. Er war es, der mit der Veröffentlichung gehackter E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampfteam ihre Demontage als US-Präsidentschaftskandidatin begann.

Nun droht ihm die Auslieferung an seinen Erzfeind USA, den er unter anderem mit dem Video eines menschenverachtenden Helikopter-Einsatzes im Irak-Krieg bloßgestellt hatte. Wenn Washington die Todesstrafe gegen ihn ausschließt, wird er wohl dorthin überstellt. Dort droht ihm dasselbe, was er seit sieben Jahren freiwillig erduldet: ein Gefängnis, aus dem er nicht ausbrechen kann. Aber jenseits des Rampenlichts.

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Ralf H. Janetschek 15.04.2019 - 21:52:25

Wikileaks

Wikileaks war an wichtigen Enthüllungen der letzten Jahre beteiligt. Ob es Folter gegen US-Kriegsgefangene war, Kriegsverbrechen von US-Soldaten, Politik-Skandale oder die Enthüllungen von Edward Snowden, an all diesen Dingen waren Julian Assange und Wikileaks beteiligt. Und noch eins: Niemand konnte Wikileaks bisher Falschinformationen nachweisen. Die Enthüllungen von Wikileaks entsprachen sets der Wahrheit. Wer seine Arbeit als Journalist ernst nimmt, der solle für so einen Menschen kämpfen.

Werner Matzat 12.04.2019 - 17:10:45

Julian Assange: Von den Medien benutzt, bekämpft und begraben - Amnesty International, wo bleibt eure Solidarität?

Viele Medien verdanken mutigen Akteuren wie Julian Assange die größten Storys der letzten Jahrzehnte. Medien wie "Spiegel", "Guardian" oder "New York Times" haben Assange und Edward Snowden jedoch erst für ihren Ruhm benutzt, dann teils als "Staatsfeinde" diffamiert und sie weitgehend - in ihren jeweiligen Asylen in London und Moskau - medial begraben. Ein Rückblick in die Quellen hier: https://derstandard.at/1277338963880/Medien-Task-Force-Wikileaks-gemeinsam-mit-Spiegel-New-York-Times-und-Guardian -- hier: https://www.theguardian.com/commentisfree/2010/jul/25/afghanistan-war-logs-guardian-editorial?intcmp=239 --- hier: https://www.nytimes.com/2010/10/23/world/middleeast/23intro.html --- und hier: https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/datenleck-bei-wikileaks-depeschen-desaster-in-sechs-akten-a-783694.html --- Im Vergleich zu Solidaritäts - Kampagnen mit bedrängten pro - westlichen Journalisten kann man das mediale Verhalten zu Assange, vor allem während seines Hausarrests, nur als dröhnendes Schweigen und als Skandal bezeichnen. Aus der bitteren Erfahrung, dass viele Medien Wikileaks - Enthüllungen zu einer "Assange-Story" verfremdet hatten und dass sie sich schließlich teils gegen den Aufklärer wandten, nachdem sie seine Sensationen abgeschöpft hatten - daraus hat Glenn Greenwald im Falle Snowden gelernt. Das beschreibt er in seinem Buch "Die globale Überwachung" und in Interviews: Ein Auszug dazu - „Wir wussten, dass die Primärwaffe der Vereinigten Staaten und seiner Verbündeten die Medien sein würden, die den Regierungen ehrerbietig gegenüberstanden und nahe waren: Snowdens einzige Befürchtung war, er könne mit seinem Outing vom Inhalt seiner Enthüllungen ablenken. ‚Ich weiß, dass die Medien alles personalisieren, und die Regierung wird versuchen, meine Person ins Visier zu nehmen und die Aufmerksamkeit auf den Überbringer der Botschaft zu richten‘.“ - Im Falle Snowden ist Greenwalds Rechnung zum Teil aufgegangen: Snowdens Enthüllungen können erheblich schwieriger hinter seiner Person versteckt werden, als dies bei Assange der Fall ist. Im Fall der Verhaftung Assanges kann man die mediale Entwicklung noch nicht abschließend beurteilen. Es wird in den nächsten Wochen interessant sein, zu beobachten: Werden viele Medien nun nach der bewährten Taktik "Shooting The Messenger" ( Den Boten erschießen) verfahren? Oder werden sie sich jetzt - zu spät, aber immerhin - an ihre Verantwortung für den Schutz von Julian Assange erinnern? Bis jetzt (Stand Freitag 10:00 am 12.04.2019) haben weder CDU, SPD, die Bundesregierung, der Außenminister oder das Auswärtige Amt überhaupt etwas zur Verhaftung Assanges verlautbaren lassen. Es herrscht dröhnendes Schweigen. Quelle: Bundesregierung-https://twitter.com/RegSprecher --- Quelle: Auswärtige Amt-https://twitter.com/AuswaertigesAmt --- Quelle: CDU-https://twitter.com/CDU --- Quelle: SPD-https://twitter.com/spdbt --- Quelle: Außenminister- https://twitter.com/HeikoMaas --- Wie es anders gehen kann, zeigen die alternativen Medien: Quelle: https://theintercept.com/2019/04/11/the-u-s-governments-indictment-of-julian-assange-poses-grave-threats-to-press-freedoms/ -- hier: https://www.craigmurray.org.uk/archives/2019/04/chelsea-and-julian-are-in-jail-history-trembles/ -- und hier: https://rsf.org/en/news/rsf-calls-uk-protect-role-journalistic-sources-treatment-julian-assange --- Und zum Abschluss noch mal eine Erinnerung, was Wikileaks eigentlich ist und was Julian Assange für die Allgemeinheit geleistet hat. Quelle: https://www.salon.com/2010/12/24/wikileaks_23/ --- Es ist somit sicherlich ein sehr trauriger Tag für die Rechtsstaatlichkeit.

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