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Zwangsräumung
Tragödie mit langem Vorlauf

"Wir brauchen Hilfe!" Lutz Herpel, Wilfried Schneider und Kornelia Herpel (v. l.) stehen vor dem Haus an der Heimatstraße 15 in Kupferhammer, das sie zum 23. April verlassen müssen. Es ist eine Demonstration gegen die Zwangsräumung angemeldet.
"Wir brauchen Hilfe!" Lutz Herpel, Wilfried Schneider und Kornelia Herpel (v. l.) stehen vor dem Haus an der Heimatstraße 15 in Kupferhammer, das sie zum 23. April verlassen müssen. Es ist eine Demonstration gegen die Zwangsräumung angemeldet. © Foto: Sven Klamann
Sven Klamann / 12.04.2019, 06:30 Uhr
Eberswalde (MOZ) Fremde lassen Lutz Herpel (63), seine Frau Kornelia Herpel (54) und sein Freund Wilfried Schneider (57) grundsätzlich nicht mehr in ihre Wohnungen, die sich an der Heimatstraße 15 in Kupferhammer befinden. Ihr Misstrauen, sagt Lutz Herpel, der Wortführer des Trios, sei der Angst vor dem bevorstehenden Rauswurf geschuldet. Wegen der gerichtlich verfügten Zwangsräumung freue sich von ihnen keiner auf Ostern.

Bereits bei der Demonstration gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn, an der am Sonnabend mehr als 100 Eberswalder teilgenommen hatten, war Lutz Herpel ans Mikrofon getreten und hatte die Öffentlichkeit um Hilfe gebeten. Niemand stehe Mietern in Not bei, hatte er geklagt.

Linksjugend meldet Demo an

Der Frührenter wohnt seit 1978 in der Heimatstraße, seine Frau und sein Freund, beide krank, beinahe ebenso lange. Die Probleme hätten ihren Anfang genommen, als die Wohnungsbau- und Hausverwaltungs-Gesellschaft das Haus im September 2014 an einen privaten Geschäftsmann verkauft habe. Der neue Eigentümer sei mit großen Versprechungen gestartet, habe aber wenig bis nichts unternommen, um das Haus im Schuss zu halten. Stattdessen sei im April 2016 die erste Kündigung eingetroffen, der weitere folgten. Zuletzt sei vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) durch die Anwälte beider Parteien ein Vergleich abgeschlossen worden, über dessen Inhalt er nicht in Kenntnis gesetzt worden sei.

"Wir haben keine Mietschulden und wollen nur da wohnen bleiben, wo wir schon so lange zu Hause sind", betont Lutz Herpel. Einen Umzug würde seine herzkranke Frau nicht verkraften. Und auch sein Freund sei wegen mehrerer Leiden bereits seit einem Jahr und jetzt für fünf weitere Wochen krankgeschrieben. "Doch leider sind die von uns aufgesuchten Ärzte nicht bereit, uns per Attest zu bescheinigen, dass Kornelia und Wilfried den Stress des Umzugs nicht verkraften würden", bedauert Lutz Herpel.

In der Eberswalder LinksJugend haben der Frührentner, seine Frau und sein Freund Unterstützer gefunden. Die Nachwuchsorganisation der Partei Die Linke hat nach Angaben der Polizei-Direktion Ost für den 23. April eine Kundgebung vor dem Haus an der Heimatstraße angemeldet, weil die Zwangsräumung ihrer Einschätzung nach "unethisch" wäre.

Der Vermieter sieht sich hingegen  zu Unrecht an den Pranger gestellt. Weil er einen Spießrutenlauf für seine Familie und sich befürchtet, will er seinen Namen nicht in der Zeitung gedruckt sehen. Zwar besitze er in der Tag mehrere Häuser, aber er verdiene mit ihnen kein Geld. Und erst recht sei er kein gewissenloser Spekulant. "Ich habe mich im Gegenteil sogar weit über das wirtschaftlich vertretbare Maß hinaus für die drei Mieter engagiert", behauptet der Vermieter. Er habe ihnen Ersatzwohnungen in Westend, im Brandenburgischen Viertel und sogar in Kupferhammer vermittelt, die sie alle abgelehnt hätten. Und er wäre sogar bereit gewesen, für sie einen Kleingarten zu erwerben, den sie kostenfrei hätten nutzen können. Doch die Antwort habe immer bloß "Nein" gelautet.

Die Kündigung sei auch nicht aus Gründen der Gewinnmaximierung erfolgt, versichert der Vermieter. Mehrere Gutachter hätten bescheinigt, dass zumindest im Obergeschoss der Hausschwamm alle tragenden Holzteile befallen habe.

Dach ist seit Jahren undicht

"Das Haus ist buchstäblich einsturzgefährdet, obwohl es von außen stabil aussehen mag", betont der Eigentümer. Dies sei vermutlich eine Folge des schon beim Kauf undichten Daches. Ursprünglich habe er auf eine Sanierung gesetzt, jetzt bleibe bloß der Abriss. Die Zwangsräumung sei leider unausweichlich.

Räumungsklage

Das zuständige Gericht setzt dem von einer Räumungsklage betroffenen Mieter meist eine Räumungsfrist. Nach Angaben des Vermieters hätten die in Kupferhammer betroffenen Mieter alles in allem 15 Monate Zeit eingeräumt bekommen, ihre Wohnungen zu verlassen. Ein Aufschieben der Zwangsräumung kommt nur in Härtefällen in Betracht. Die Entscheidung dazu kann sogar erst am Räumungstag und direkt vor Ort getroffen werden – vom Gerichtsvollzieher. Eine Zwangsräumung durch den Vermieter selbst ist verboten. Bevor es überhaupt zu einem solchen Schritt kommt, sind zunächst mehrere vorgeschriebene Verfahrensschritte zu durchlaufen.⇥sk

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