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Jugendhilfe
Tod eines Schülers

Mathias Hausding / 17.04.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 17.04.2019, 07:28
Frankfurt (Oder) (MOZ) Weil Hannes mit dem hiesigen Schulsystem nicht zurechtkam, war Kirgisien der letzte Ausweg.

Anfang 2017 läuft es bei ihm endlich wieder. Längst nicht perfekt, aber Hannes geht zur Schule und bekommt allmählich sein Temperament in den Griff. Er holt gute Noten, überspringt eine Klasse. Hannes aus Hangelsberg, 16 Jahre alt, steht in Kirgisien ein Jahr vor dem Abschluss, der auch in Deutschland gelten würde. Sogar das Abitur ist möglich. Er profitiert von einer Maßnahme für schwierige Jugendliche, einer Art letztem Ausweg.

Doch dann beendet das Jugendamt von Oder-Spree das Projekt und beordert ihn zurück nach Brandenburg. Gegen den Willen von Hannes, gegen den Willen seiner Mutter. "Ich möchte meine Schule in Bishkek beenden. Dafür habe ich viel getan", schreibt der Junge im Sommer 2017 in einem Brief an das Amt. Er endet mit den Worten: "Ich habe das Gefühl, es ist egal, was ich denke. Hier geht es aber um mich, oder?"

Anderthalb Jahre später ist der von klein auf psychisch labile Hannes tot. Er hat die erzwungene Rückkehr nicht gemeistert, ist am hiesigen Schulsystem einmal mehr gescheitert. In seiner Verzweiflung geriet er in die falschen Kreise, nahm plötzlich Drogen. Auch wegen einer bis dahin nicht bekannten Muskelerkrankung starb er am 26. Oktober 2018 an den Folgen des Drogenkonsums.

Seine Mutter und sein Stiefvater sind am Boden zerstört. Vor zwei Wochen waren sie noch einmal in Kirgisien bei den Freunden von Hannes und bei seiner Gastfamilie. Auch das hat sie sehr mitgenommen. "Es ging ihm gut dort. Er war geerdet", sagt Ines Semisch-Grassmann.

Die Mutter erzählt ihre Version der Geschichte, weil sie findet, dass das Jugendamt versagt hat. Sie möchte, dass das juristisch aufgearbeitet wird. Und sie will dazu beitragen, dass anderen Kindern ähnliches erspart bleibt und ihr Wille respektiert wird.

Hannes, am 16. November 2000 geboren, hat als Kleinkind mehrere Schicksalsschläge zu verdauen. Vor allem den Unfalltod seiner etwas älteren Schwester. Und der Tod ihrer Tochter wirft natürlich auch Ines Semisch-Grassmann aus der Bahn. Zu Hause klappt das Miteinander dennoch, aber in der Schule gibt es ab der 2. Klasse Probleme. Hannes stört und ist frech. Mehrere Schulwechsel führen zu keiner Besserung. Im Jahre 2013 sitzt Hannes mit 13 zu Hause und gilt als "unbeschulbar".

Er kommt in eine Jugendhilfeeinrichtung, in der er nach Angaben der Mutter von anderen Jugendlichen sexuell missbraucht wird. Seine Verzweiflung und sein Zorn, keinen Platz im Leben zu finden, werden größer. Vorläufige Endstation ist die geschlossene Psychiatrie samt diverser starker Medikamente.

Ines Semisch-Grassmann sucht und sucht nach einem Ausweg. Und stößt schließlich auf "Jugendhilfe Pilger". Intensivpädagogische Betreungsmaßnahme  im Ausland lautet der fachliche Titel des Angebots. Jugendliche, bei denen alle anderen Versuche nicht gefruchtet haben, sollen in einer völlig anderen Welt ihre Ur-Instinkte entdecken und durch das Leben in Abgeschiedenheit wieder Interesse an Schule entwickeln.

Eine engagierte Mitarbeiterin im Jugendamt Oder-Spree holt bei anderen Ämtern Infos über das Projekt ein. Die Erfahrungen sind positiv und so setzt sie das Verfahren in Gang und entwickelt einen Plan. Ziel: Die Rettung eines Kindes, die Rettung von Hannes. Im Februar 2014 heißt es für ihn: Auf nach Bishkek, 5500 Kilometer von zu Hause entfernt.

Für Hannes bedeutet Kirgisien: Herunterfahren, Ende der Dauerüberforderung. Gleichzeitig wird ihm dort eine klare Struktur vorgegeben, Disziplin eingefordert. Am russisch-deutschen Goethe-Gymnasium und in der Gastfamilie. "Der Anfang war hart. Monatelang durften wir gar keinen Kontakt haben. Nach neun Monaten konnte ich ihn erstmals besuchen. Er war anders, ruhig und gefestigt", sagt seine Mutter.

Das Jugendamt dokumentiert seine Entwicklung. In einem Protokoll nach zwei Jahren Aufenthalt werden Fortschritte und noch vorhandene Disziplin-Defizite aufgelistet. Der Wille des Jungen, seinen Abschluss in Kirgisien zu machen, ist ebenfalls notiert. Das Amt spricht sich laut Protokoll gegen eine Rückführung aus. Einige Zeit später wechselt seine Betreuerin den Job, verlässt das Amt. Damit ändern sich die Dinge für Hannes. Seine Rückführung wird angeordnet.

Die Kreisverwaltung von Oder-Spree bedauert in einer Stellungnahme den Tod des Jungen zutiefst. "Vorhersehbar war das dramatische Ereignis für das Jugendamt allerdings nicht", sagt ein Sprecher. Die auch gerichtlich abgesegnete Rückführung verteidigt er. Ziel der pädagogischen Maßnahme im Ausland sei "die Eingliederung in die deutsche Gesellschaft und nicht in die Gesellschaft eines anderen Landes". Hier habe auch der Wunsch des Jungen und der der Familie Grenzen.

Ines Semisch-Grassmann leuchtet das nicht ein: "Es gibt keine pädagogisch fachliche Begründung. Man hat es uns tatsächlich so gesagt: ‚Hannes soll kein Russe werden.’ Das ist dem Amt wichtiger als eine gute Entwicklung des Kindes."

Ihr Anwalt Bernd Schlüter ergänzt: "Das Jugendamt hat die gesetzliche Pflicht, zum Wohl des Kindes zu entscheiden." Das sei hier nicht geschehen. Auch habe das Amt die Rückkehr des Jungen schlecht vorbereitet. Deshalb prüfe er jetzt Schadenersatzforderungen und auch strafrechtliche Schritte gegen das Jugendamt, kündigt Rechtsanwalt Schlüter an.

Kirgisien – langer Winter, heißer Sommer

Rund 6,2 Millionen Menschen leben in dem zentralasiatischen Binnenland Kirgisien. Es grenzt an Kasachstan, China, Tadschikistan und Usbekistan. Seine Unabhängigkeit erlangte das Land 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion. Hauptstadt ist Bischkek mit knapp einer Million Einwohnern. 90 Prozent der Landesfläche liegt höher als 1500 Meter über dem Meeresspiegel. Der Rest ist Steppe. Das Klima ist von kurzen, trockenen und heißen Sommern und von langen kalten Wintern geprägt. Das Land hat mit Kirgisisch und Russisch zwei offizielle Sprachen. Touristisch ist Kirgisien bislang kaum erschlossen. 

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