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Luftangriff
Am 18. April 1944

Foto der Bombardierung des Heidefelds (Rathenow), aufgenommen durch einen Bordfotografen.
Foto der Bombardierung des Heidefelds (Rathenow), aufgenommen durch einen Bordfotografen. © Foto: Archiv Norfolk City Council
Stefan Nitsche / 18.04.2019, 02:15 Uhr
Rathenow Das Jahr 1944 steht für die endgültige Wende im Zweiten Weltkrieg. Mit dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Osten und der Landung alliierter Truppen in der Normandie (Nordfrankreich) war die Niederlage im Krieg für das Deutsche Reich besiegelt. Während die Fronten jedoch noch weit entfernt waren, hatte sich die Situation im Reich selbst bereits durch massive Luftangriffe der Alliierten verändert.

Führte die englische Royal Air Force nur im Schutz der Dunkelheit ihre Angriffe durch, waren durch die überlegenen amerikanischen Luftstreitkräfte seit 1943 auch Angriffe aus der Luft bei Tag möglich. Dabei starteten die Verbände von englischen Flugfeldern und sammelten sich über der Nordsee, um dann die vorgegeben Ziele anzufliegen. Für den 18. April 1944 waren drei Missionen vorgesehen. Die Mission 306, Teil 1, hatte die Bombardierung von Bereichen der Luftwaffe und der Luftfahrtindustrie zum Ziel. Als Ziele waren einzelne Orte des nordwestlichen Brandenburgs angegeben. Darunter Oranienburg, Wittenberge und Rathenow. An diesem Tag starteten gegen 10.00 Uhr die einzelnen Formationen von ihren Stützpunkten. Insgesamt waren für diese Mission 776 Bomber der Flugzeugtypen B-17 und B-24 geplant. Als Schutz für die Bombergeschwader wurden 634 Jagdflugzeuge eingesetzt. Laut Berichten einzelner Bomberbesatzungen hielt das Wetter an diesem Tag. Einzelne Wolkenbänke versperrten jedoch die klare Sicht. Daher wurden vor allem die sekundären Ziele angegriffen.

In Rathenow hatten die Menschen die zunehmenden Luftangriffe auf Berlin und dessen Umgebung immer wieder miterlebt. Die Stadt lag in der Einflugschneise der Luftverbände auf Groß-Berlin. Der Luftalarm, der bereits 15 Minuten vor Eintreffen der Bomberflotten erschall, war fast zur Routine geworden. Mehrfach hatte die Rathenower Feuerwehr bereits Löscheinsätze nach Berlin fahren müssen. Und auch einzelne Attacken von Fliegern auf die Bahnbrücke hatte es gegeben.

Dass die Bomberverbände auch Rathenow treffen könnten, hatten bereits Einzeltreffer im Rathenower Norden gezeigt. 1943 fielen Bomben bei Albertsheim, und am 22. März 1944 traf es ein Haus in der heutigen Ferdinand-Freiligrath-Straße. Hier starben sieben Personen, darunter zwei Kinder.

Rathenow mit seinen Industriebereichen war im Zielkatalog der alliierten Luftstreitkräfte aufgenommen worden, dies hatte die Leiterin des Optik-Industrie-Museums, Dr. Bettina Götze, 2009 nachweisen können. Hierbei waren vor allem die Flugzeugwerke von Arado, aber auch optische Betriebe gelistet worden.

Auch am 18. April 1944 überquerten die Verbände das westliche Havelland. Auch diesmal ertönten die Warnsirenen. Doch an diesem Tag kehrten einzelne Verbände mit dem Ziel Rathenow zurück. Mit den Arado-Werken im Heidefeld und dem Tetraethylblei-Werk in Gapel bei Döberitz gab es zwei unmittelbare Ziele im Umkreis der Stadt. Und diesmal sollte es beide treffen.

In Gapel wurden einzelne Bereiche getroffen. Im Sterberegister von Premnitz wurde ein Todesfall eines russischen Zwangsarbeiters registriert. Die Treffer im Heidefeld waren massiver. Und hier war neben dem Kesselhaus vor allem das Zwangsarbeiterlager getroffen worden. Zwei Arbeiterinnen und zwölf Arbeiter aus Frankreich, Kroatien, Polen, Russland und Spanien verloren dabei ihr Leben. Die Streuung der Bomben war relativ groß. Ab der Mögeliner Baumschule, über das Heidefeld und die Havel bis östlich des Wilhelminenhofs (Böhne) konnten Einschläge registriert werden. So traf es auch dort Zivilisten. In der Baumschule und in Mögelin starben zwei Personen. Im Wald östlich von Böhne hatte sich eine Gruppe in Sicherheit gebracht. Dort wurde der elfjährige Schüler Rudolf Walsleben durch Splitter schwer verletzt. Er verstarb noch am selben Tag im Rathenower Krankenhaus.

Noch während die Bomben auf das Heidefeld fielen, steuerten weitere Bombergeschwader auf Rathenow zu. Diesmal jedoch wurden Teile der nördlichen Innenstadt bis zum Semliner Feld getroffen.

Von den Haesler-Bauten am heutigen Friedrich-Ebert-Ring und die Feierabendallee im Osten bis zur Potsdamer-Straße zog sich eine Schneise der Verwüstung. Ein Flügel der Jahnschule war getroffen worden, ebenso die Lutherkirche – die durch beherztes Eingreifen des Kirchendieners Röding gerettet werden konnte -, dazu kleine Betriebe, wie die Tischlerei Blöbaum in der heutigen Goethestraße und die optische Fabrik von Gammert "Müller & Söhne" in der Perleberger Straße. Dort traf es einen Splitterschutzgraben. Allein dort starben 18 Menschen. Zudem wurden viele Wohngebäude zerstört oder massiv beschädigt.

Als Mahnmal stand für lange Zeit ein Wohnhaus am heutigen Karl-Marx-Platz, die Nr. 54 der Wilhelm-von-Leibniz-Straße. Die Familie Märker, der das Haus gehörte, überlebte den Angriff jedoch. Es hätte im nördlichen Rathenow weitaus schlimmer kommen können. So hatte eine Bombe in der Jahnschule nur knapp den Schutzraum verfehlt, und in den sich auf dem Lutherplatz befindlichen Baracken des Krankenhauses waren keine Opfer zu beklagen.

Auch in der Innenstadt wurden einzelne Gebäude getroffen. So das Apollotheater in der Berliner Straße, die Brauerei in der Großen Hagenstraße, wo der Brauer Alfred Hoppe starb, und in der Steinstraße waren zwei Gebäude, eines westlich der Altstadtapotheke und eines gegenüber, völlig zerstört worden. Die Lösch- und Bergungsarbeiten dauerten mehrere Tage. Die Bombenabwürfe über der Stadt deklarierte die die amerikanische Air Force als Fehlabwürfe.

Tage später wurden die Särge mit den Opfern vor dem Kreishaus aufgebahrt. Die Trauerfeier wurde propagandistisch ausgenutzt. Die Särge waren mit Hakenkreuzfahnen bedeckt, und man forderte Vergeltung. Der Trauermarsch führte anschließend durch die Stadt zum Friedhof. Insgesamt hatte der Luftangriff in Rathenow rund 55 Personen das Leben gekostet.

Im Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht wurde der Angriff auf Rathenow ebenfalls erwähnt. Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass am gleichen Tag 44 feindliche Flugzeuge, darunter 40 Bomber, von einem Jagverband der Luftwaffe abgeschossen werden konnten. Dieser Kampf fand im Luftraum des Havellands statt. Die betroffenen Bomberverbände versuchten, den deutschen Jagdflugzeugen zu entkommen. Sie entluden ihre Bomben über Barnewitz. Der Dorfkern um die Kirche wurde dabei großflächig zerstört. Dabei fanden 26 Menschen den Tod. Einige Bomber stürzten bei Friesack und Ribbeck ab, zwei bei Rathenow.

Während die Augenzeugen des Luftangriffs bis heute den 18. April 1944 nicht vergessen können, verblasste die Erinnerung in der Öffentlichkeit bereits ein Jahr später. Denn der Krieg war nun auch in den Straßen Rathenows angekommen. Die Zerstörungen und Opfer im April und Mai 1945 übertrafen bei weitem die Ereignisse des Luftangriffs. Wenn wir heute der Opfer in Rathenow gedenken, dann bedenken wir auch die Ursachen des Zweiten Weltkriegs. Dieser Krieg, der am 1. September 1939 begann und Millionen Menschen das Leben kostete, ging von Deutschland aus. Warschau und Coventry stehen in Polen und England, wie Dresden in Deutschland, für die Schrecken des Luftkriegs.

Auch das Rathenower Stadtbild ist gezeichnet durch den Krieg. Alles begann mit der Ausgrenzung Einzelner und endete in der Vernichtung von Städten, Landschaften, Menschen und Völkern. Ein demokratisches und vereintes Europa ist der beste Garant dafür, dass so etwas nie wieder passieren kann.

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