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Tourismus
Eine Spende für den Schlafwagen

Gäste willkommen: Cristophe Boyer sitzt im einem Appartement seines Schlafwagenhotels. Es gehört zum Bahnhof Rehagen an der stillgelegten Strecke der Königlich-Preußischen Militäreisenbahn, wo er auch ein Restaurant und eine Event-Location betreibt.
Gäste willkommen: Cristophe Boyer sitzt im einem Appartement seines Schlafwagenhotels. Es gehört zum Bahnhof Rehagen an der stillgelegten Strecke der Königlich-Preußischen Militäreisenbahn, wo er auch ein Restaurant und eine Event-Location betreibt. © Foto: dpa/ZB/Bernd Settnik
Ina Matthes / 04.05.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 04.05.2019, 19:11
Trebbin (MOZ) Es war einfach zu kalt im unbeheizten Waggon der Transsibirischen Eisenbahn im März 2018. Christophe Boyer musste seinen Gästen absagen. "Das war ärgerlich", sagt der Hotelier und Gastronom.

Der Franzose hat mit seiner Frau den ehemaligen Bahnhof von Rehagen (Teltow-Fläming) zum Hotel und Restaurant ausgebaut. Hier schlafen die Gäste in drei Wagen der Transsibirischen Eisenbahn, die auf den Gleisen stehen. Inzwischen haben die Schlafwagen eine Gasheizung.

Das Geld dafür hat Boyer übers Internet gesammelt. Über sogenanntes Crowdfunding: Menschen geben Geld für Projekte, die sie gut finden. Boyer ist einer von vier Unternehmern und Initiativen im Fläming, die auf diese Art zu Geld gekommen sind, und die am Freitag auf einer Pressefahrt mit Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach vorgestellt wurden. Der Fläming ist die erste Reiseregion in Deutschland, die einen Wettbewerb namens "Flämingschmiede" gestartet hat, um über Crowdfunding Geld für touristische Entwicklungen einzunehmen. Was die Gegend im Süden Brandenburgs besonders macht, sagt Daniel Sebastian Menzel, der Geschäftsführer des Tourismusverbandes Fläming"das ist der Pioniergeist, den man hier spürt." Der Pioniergeist von Menschen, wie dem Geografen und heutigem Hotelier Christophe Boyer und seiner Frau Manja. Das Paar ist 2010 von Berlin nach Rehagen gezogen, hat den heruntergekommenen Bahnhof gekauft. Etwa 600 000 Euro haben Boyers in ihr französisches Restaurant und die Fremdenzimmer gesteckt. 125 000 Euro öffentliche Förderung haben sie bekommen; 15 000 Euro kamen durch das Crowdfunding zusammen. Sechs Wochen lief die Sammelaktion. Fünf bis 2000 Euro haben Menschen über die Crowdfunding-Plattform startnext für warme Waggons gespendet. Wer wenigstens zehn Euro gab,bekam von Boyers ein Dankeschön – einen Gutschein für Kaffee und Kuchen beispielsweise oder zehn Prozent Rabatt für eine Übernachtung. Der 43-jährige Christophe Boyer hätte die Heizungen in seinen Wagen auch ohne die Spenden eingebaut. "Das Geld war schon eine gute Unterstützung. Aber die Werbung für uns ist fast besser", sagt Boyer.

Im Fläming sammeln Anbieter Geld übers Internet, um kreative Ideen zu verwirklichen. Dabei werden nicht nur Finanzlücken geschlossen.
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"Das war unsere letzte Hoffnung", sagt hingegen Thomas Berger, der Bürgermeister von Trebbin ( Kreis Teltow-Fläming). Ohne die 20 000 Euro Crowdfunding-Geld und 5000 Euro der Industrie-und Handelskammer würde der Kranich-Express nicht rollen. Das ist ein kleiner Elektro-Bus, der Trebbin mit seinen 13 Ortsteilen verbindet und Touristen durch den Naturpark Nuthe-Nieplitz kutschiert. Mit dem Geld zahlt Trebbin die Leasingraten für das Fahrzeug. Die 10 000-Einwohner-Stadt will die Umweltbelastungen aus dem Verkehr senken und setzt deshalb auf E-Mobiliät. Für die Umrüstung eines alten Diesel-Busses auf Elektroantrieb hätte die Stadt Förderung bekommen, beklagt Berger, für den Neukauf eines E-Busses nicht. Das sei keine "wirkliche Innovation mehr" und deshalb nicht förderfähig, bedauert Wirtschaftsminister Jörg Steinbach. Dank Spenden vor allem von Unternehmen aus Trebbin istder Kranich-Express seit erstem April unterwegs und hat 91 Fahrgäste transportiert. "Für uns als kleine Stadt ist das ein Erfolg", sagt Berger. Die Spender profitierten vor allem vom Imagegewinn der Gemeinde.

Trebbin gehört zu den Bewerbern, die bei dem Crowdfunding ihr Finanzierungsziel erreicht haben. Dazu zählen außerdem die Künstlerin Gabriele Hiller, die ein Atelier in Michendorf ausbaute und dort unter anderem Malevents für Firmen anbietet. Und der Berliner Architekt Volker Link, der in Dahnsdorf (Potsdam-Mittelmark) ein leerstehendes Hotel durch originelle Einrichtung wiederbelebt und für große Feiern vermietet. Ihnen allen ist eines gemein: Die Erfahrung, dass Crowdfunding mit viel Eigenwerbung verbunden ist und Zeit kostet, unddass es einen Gewinn an Bekanntheit bringt.

Crowdfunding ist aus Sicht von Menzel auch eine Möglichkeit, die Marktfähigkeit von Projekten zu prüfen. Zehn Projekte von den 14 im Crowdfunding-Wettbewerb eingereichten haben ihr Finanzierungsziel nicht erreicht. Das muss aber nicht daran liegen, dass die Idee beim Publikum nicht ankam. Mitunter war auch die Summe zu hoch angesetzt. Mehr als 10 000 bis 15 000 Euro sollte man nicht einwerben wollen, ist eine Erfahrung der Touristiker. Steinbach zeigte sich beeindruckt von den Projekten. "Das Ergebnis kann sich sehen lassen." Auch Menzel ist zufrieden, selbst wenn viele Bewerber scheiterten. Für den Tourismus-Manager ist es wichtig, dass die Aktion Akteure aus der Region zusammengebracht hat. Dieses Netzwerk soll aufrechterhalten und ausgebaut werden. "Uns hat das Kunden gebracht", sagt ChristopheBoyer vom Bahnhof Rehagen. Es gibt bis in den Herbst hinein kein Wochenende, wo er nicht schon Buchungen hätte für sein außergewöhnliches Hotel. Die Waggons der Transsibirischen Eisenbahn sind übrigens nie auf Schienen gerollt. Vor 30 Jahren sind sie in der Nähe von Jüterbog gefertigt, aber nach der Wende nicht mehr ausgeliefert worden. Boyer hat sie gekauft – und über die Straße anliefern lassen.

Crowdfunding für den Tourismus

Fläming-Schmiede so heißt ein Wettbewerb, den der Tourismusverband Fläming zusammen mit Partnern 2017 gestartet hat. Das Projekt wurde 2018 mit einem Deutschen Tourismuspreis ausgezeichnet. Anbieter waren dabei aufgerufen, über Crowdfunding Finanzierung für Projekte einzuwerben. Das bedeutet auch, Selbstvermarktung über digitale Medien zu lernen. Dafür wurden innerhalb des Wettbewerbes z.B. Workshops angeboten. Die Idee der Fläming-Schmiede lebt weiter. Daraus hat sich ein Netzwerk von Tourismus-Akteuren gebildet, das ausgebaut werden soll. Diese Vernetzung ist ein Hauptanliegen der Fläming-Schmiede.⇥ red

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