Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

zum Datenschutz
Muss zwingend einfacher werden

Igor Steinle
Igor Steinle © Foto: Marc Hörger
Meinung
Igor Steinle / 15.05.2019, 19:30 Uhr
Berlin (MOZ) Seit einem Jahr gilt die Datenschutzgrundverordnung. Obwohl für viele Unternehmen ein Reizthema, haben sich die größten Befürchtungen nicht bewahrheitet (die Klingelschilder durften bleiben).

Stattdessen muss man sich die Augen reiben: US-Datenkraken loben das EU-Recht, das sie erbittert bekämpft haben. Facebook gibt an, Datenschutz-Vorreiter werden zu wollen. Und Google hat diese Woche in München ein Zentrum für Privatsphäre eröffnet. Eine Läuterungsgeschichte?

Eher nicht. Viel mehr empfinden die Konzerne das komplizierte EU-Recht als Wettbewerbsvorteil. Für ihre mit Elitejuristen gespickten Rechtsabteilungen ist es ein Leichtes, die Auflagen zu erfüllen und schwammig formulierte Paragrafen zu ihrem Nutzen auszulegen. Das ist ungerecht und verzerrt den Wettbewerb. Denn während Google, Facebook und Co. ein unreguliertes Internet erobern konnten, müssen ihre Herausforderer auf diesen Vorteil verzichten.

So hofft das Silicon Valley aus reinem Eigennutz, mit einem Bekenntnis zu mehr Datenschutz rigideren Maßnahmen zu entgehen. Denn in den USA spitzt sich die Debatte um eine strengere Regulierung der Tech-Konzerne zu. Längst ist von Zerschlagung die Rede, um den außer Kraft gesetzten Wettbewerb wiederherzustellen. Lieber wäre den Konzernen da natürlich, die Vereinigten Staaten übernähmen einfach das europäische Recht.

Dieses hat sich nicht als das erhoffte scharfe Schwert erwiesen, das für Transparenz im Datendschungel sorgt. Stattdessen führte das umständliche Regelwerk zu einer umständlichen Umsetzung. Anstelle einer bequemen Jacke, die sich jeder überziehen kann, ist Datenschutz leider zum kratzigen Pullover geworden. Genervt klicken Nutzer die unzähligen Privatsphäre-Hinweise beim Surfen ungelesen weg. Längst haben sie den Überblick verloren, wie tief sie Datenfirmen, von denen sie wahrscheinlich noch nie gehört haben, in ihr Leben gelassen haben.

Über die bekannten US-Riesen hinaus hat eine Reihe von Unternehmen das Netz flächendeckend verwanzt. Auf einem intransparentem Markt handeln sie untereinander mit den Daten der Nutzer, die sie aus deren Surfverhalten generieren. Die Detailtiefe der Schattenprofile ist dabei erschreckend. Wüssten die Nutzer, dass Datensätze mit Hinweisen auf Krankheiten, politische Überzeugungen und sexuelle Vorlieben über sie existieren, würden sie den Datenschutzhinweisen diverser Webseiten und Apps wohl niemals zustimmen. Mit ausreichend Rechenleistung ist es ein Leichtes, die Profile auf reale Personen zurückzuführen.

Was aber, wenn eines Tages sich Krankenkassen oder Arbeitgeber für diese Daten interessieren? Das Ringen um die Standards in der digitalen Welt ist in vollem Gange. Weil man nie wissen kann, auf welche Ideen zukünftige Regierungen kommen, muss die Privatsphäre ein unantastbares Grundrecht bleiben. Die EU muss den Datenschutz deswegen zwingend transparenter und einfacher gestalten. Jeder Bürger muss wissen, wer welche Informationen über ihn sammelt. Und es verhindern können.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG