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Leichtathletik
Einmal auf dem Gipfel des Vulkans

Edgar Nemschok / 18.05.2019, 02:15 Uhr - Aktualisiert 18.05.2019, 12:50
Strausberg (MOZ) Nur noch wenige Schritte, dann hat Kurt Sakowski das Ziel erreicht. Die Strapazen und die Qualen haben dann ein Ende.

Sakowski hat nach 50 Kilometer Gehen sein Ziel erreicht. "Sakko", wie ihn alle nennen, befindet sich auf der letzten Stadionrunde vor der Ziellinie und sieht diese auch. Er sieht aber auch seinen Gegner, den er nicht mehr einholen kann. Kurt Sakowski ist den Tränen nahe, obwohl er seinen größten Erfolg in seiner sportlichen Karriere erlebt. Vor ihm ist Alexander Schrebina aus der damaligen UdSSR unterwegs und Sakowski kann ihn nicht mehr einholen. Er wird schließlich Vierter bei der Europameisterschaft in Budapest 1966.

"Wäre die Strecke noch etwas länger gewesen, ich hätte ihn eingeholt und dann Bronze gewonnen", sagt der 88-jährige Strausberger heute. "Zur Halbzeit der 50-Kilometer-Strecke hatte ich noch über zwei Minuten Rückstand", erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. "Ich hätte ihn gehabt!", sagt er, und die Freude über die gute Platzierung überwiegt schließlich. "Ich war Vierter bei einer Europameisterschaft, das war großartig. Im Unterschied zur heutigen Zeit war es auch ein riesiger Erfolg. Damals war das alles ein wenig anders", erinnert er sich. Selbst ein achter Platz, den er zwei Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen in Tokio gewann, bleibt für ihn unvergessen und ist etwas ganz Besonderes. "Heute zählt ja nur der erste Platz und als Zweiter ist man schon der erste Verlierer", sagt er.

Per Zufall zum Sport

Es war ein Zufall, dass er überhaupt zum Sport kam. Geboren ist er einen Tag vor dem Heiligen Abend 1930 in Berlin. Und er hatte eine sehr behütete Kindheit, obwohl die Zeiten schwierig waren. Sport war kaum ein Thema in der Familie. Erst während der Lehre, er wurde Maurer, sprach ihn ein Freund an. "Mensch, du bist so groß und so schlank, willst du nicht mal mitkommen. Ich hätte da was für dich." Sakowski war 1,85 Meter und wog 67 Kilogramm. Er landete schließlich in der Abteilung Gehsport, wie man die Disziplin damals nannte, bei der BSG Einheit Nordost Berlin.

Der Sport gefiel ihm. Sein erster Trainer, er hieß Hörlemann, erkannte sofort sein Talent. "Es war für mich genau das Richtige und vor allem die langen Distanzen, also z. B. die 50 Kilometer, machten mir richtig Spaß. Ich hatte kaum Probleme, solche Strecken zu meistern – auch im Training nicht." Der Trainingsfleiß zahlte sich schnell aus, denn schon beim ersten echten Wettkampf, der DDR-Meisterschaft, holte er 1951 den zweiten Platz in 5:26:04 h. "Heute hätte man mit dieser Zeit keine Chancen mehr", sagt er mit einem Lächeln.

1953 gewann Sakowski in 4:59:45 h über 50 Kilometer seinen ersten Meistertitel. 1954 belegte er über 50 Kilometer den vierten und über 25 Kilometer den zweiten Platz. In den nächsten Jahren trat er bei DDR-Meisterschaften im 20-Kilometer-Gehen an. 1955 erreichte er in 1:38,10 h den zweiten Platz hinter Max Weber. Nach einem fünften Rang 1956 siegte er 1957 in 1:34:05 h und gewann seinen zweiten Titel.

Enttäuschung in Rom

1960 qualifizierte sich Sakowski für die gesamtdeutsche Mannschaft und trat über 50 Kilometer bei den Olympischen Spielen in Rom an. Der Wettkampf endete für ihn mit einer großen Enttäuschung. Auf Grund eines technischen Fehlers wurde er disqualifiziert. "Beim Gehen wird man nach einer dritten technischen Unsauberkeit ausgeschlossen. Wir starteten damals noch in einer gesamtdeutschen Mannschaft und wir DDR-Sportler waren sehr unbeliebt im Team", erinnert er sich und berichtet, dass er schon, an dritter Stelle gehend, nach dem zweiten Fehler aus dem Rennen genommen wurde. "So war das damals eben!"

Auf dem Gipfel des Fudschi

Sein größtes Abenteuer kam vier Jahre später, als er sich für die XVII. Sommerspiele in Tokio qualifizierte. "Die Tage in Japan werde ich nie vergessen. So eine Stadt wie Tokio hatten wir alle noch nicht gesehen." Sakowski landete mit einer Zeit von 4:20:31 h auf dem achten Platz, hinter Burkhard Leuschke (4.) und Christoph Höhne (6.). "Und ich hatte Gelegenheit, sogar einen kleinen Ausflug zu machen." Mit leichten Tränen in den Augen erzählt er, wie er den höchsten Berg Japans, den Vulkan Fudschi oder auch Fudschijama, besuchen durfte. "3776,24 Meter – und ich war oben", erinnert er sich.

Drama in Budapest

1966 und 1967 war Sakowski jeweils Zweiter bei den DDR-Meisterschaften über 50 Kilometer hinter Peter Selzer. Bei den Europameisterschaften 1966 in Budapest war er mit einer Zeit von 4:21:35 h bester Geher der DDR und verpasste als Vierter nur knapp eine Medaille.

Die langen Kanten reizten ihn schon immer, und so nahm er unter anderem auch zweimal am berühmten und berüchtigten Straßen-Gehen Lugano – Olivon teil. Er war dort gemeinsam mit seinem Freund Christoph Höhne am Start. Höhne wurde 1968 in Mexiko Olympiasieger über 50 Kilometer.

"Nach einem recht unüberschaulichen Qualifikationsmodus konnte ich mich für die Spiele in Mexiko leider nicht qualifizieren." Aber die 100-Kilometer-Rennen in der Schweiz bleiben für ihn unvergessen. "Die Ersten sind damals regelrecht losgeprescht. Im Ziel hatten wir dann, obwohl kaum Erfahrung über so eine lange Strecke, bis zu 20 Minuten Vorsprung", erinnert er sich.

Sein letzter großer Erfolg war ein sechster Platz bei der DDR-Meisterschaft 1970. Er war danach noch einige Jahre als Trainer bei der BSG Empor aktiv. Seit vielen Jahren lebt Sakowski, der als Bautechniker bei der Stadt Berlin gearbeitet hatte, in Strausberg.

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