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Terrorprozess
Wer war der zweite Mann?

Die Anwälte Tarig Elobied (l) und Türker Kerem stehen in einem Gerichtssaal und warten auf ihren Mandanten. Zu Beginn des Prozesses verweigerte der Angeklagte seine Vorführung so lange, bis die Pressevertreter aus dem Saal waren.
Die Anwälte Tarig Elobied (l) und Türker Kerem stehen in einem Gerichtssaal und warten auf ihren Mandanten. Zu Beginn des Prozesses verweigerte der Angeklagte seine Vorführung so lange, bis die Pressevertreter aus dem Saal waren. © Foto: Paul Zinken/dpa
Maria Neuendorff / 18.05.2019, 07:30 Uhr
Berlin (MOZ) Nur weil Polizisten an der Wohnungstür von Magomed-Ali C. in Buch klingelten, haben er und seine Komplizen den Plan, 2016 im Gesundbrunnen-Center ein Blutbad anzurichten, aufgegeben. Das zumindest glaubt die Bundesgeneralstaatsanwaltschaft, die dem 31-jährigen russischen Staatsbürger vorwirft, zusammen mit dem in Frankreich inhaftierten Clément B. sowie dem Breitscheidplatz-Attentäter Anis Amri einen Sprengstoffanschlag vorbereitet zu haben.

Bisher wurde in den Medien immer wieder überliefert, dass es eine sogenannte Gefährderansprache war, die das Terror-Trio 2016 aufschreckte und zum Rückzug zwang. Am zweiten Prozesstag nun kam heraus, dass die Beamten zumindest am 26. Oktober 2016  Magomed-Ali C. nicht darüber aufklärten, dass er als islamistischer Gefährder observiert wird. Ganz im Gegenteil. Die Fahnder dachten sich sogar eine Ausrede aus, warum sie an der Tür ihrer "Zielperson" klingelten und klopften, berichtet Andreas H. am Freitag im Zeugenstand.

Der Berliner Kriminalbeamte und seine Kollegen hatte am besagten Tag die Anordnung zur Observation der Wohnung des Angeklagten in Berlin-Buch erhalten. Der Grund: "C. ist in der islamistischen Szene vernetzt und kommt für erhebliche Straftaten infrage", erinnert sich der 40-jährige Einsatzleiter. Erst am späten Nachmittag sei Magomed-Ali C. gemeinsam mit einer den Zivilfahndern unbekannten Person in die Wohnung im zweiten Obergeschoss des Mietshauses gegangen. Daraufhin forderte der Einsatzleiter eine zusätzliche Polizeistreife an. Die regulären Streifenpolizisten sollten gemeinsam mit einer  als Praktikantin getarnten LKA-Kollegin bei C. klingeln.  "Es ging darum, seine Kontaktperson zu identifizieren", erklärt der Zeuge. Da es in dem Bucher Mietshaus häufiger Polizeieinsätze wegen Ruhestörung und häuslicher Gewalt gibt, hätten die uniformierten Beamten "Lärmbelästigung" als Grund für den unerwarteten Hausbesuch vorgeschoben.

Die Beamten erzählen später, C. habe nur den Kopf aus der Tür geschoben und verhindert, dass sie Einblick in Flur und Wohnung bekommen. "Selbst als ein Kollege zur Eigensicherung die Tür ein wenig aufschieben wollte, hat er vehement dagegen gehalten", berichtet Einsatzleiter H. Weil sich C. aber ruhig und sehr kooperativ verhalten habe, hätte man nur seine Personalien überprüft.

Geräusche einer zweiten Person

Obwohl die LKA-Kollegin zwei unterschiedlich große Paar Männerschuhe registrierte und Geräusche einer zweiten Person in der Wohnung vernahm, seien die Beamten, die keinen Durchsuchungsbeschluss hatten, unverrichteter Dinge wieder abgezogen. "Ziel war schon herauszufinden, wer sich noch in der Wohnung befand, aber das wäre nur mit der Einwilligung von Herrn C. möglich gewesen", erklärt der Zeuge.

Die Ermittler gehen heute davon aus, dass es sich bei C.s Besuch um den Franzosen Clément B. gehandelt hat. Ein Sprengstoff-Experte mit Verbindungen zum späteren Berlin-Attentäter Anis Amri und internationalen islamistischen Terrornetzwerken. Besonders makaber ist, dass in der Berliner Wohnung zum Zeitpunkt der missglückten Polizei-Aktion Sprengstoff gelagert haben soll. Davon erfahren die Ermittler aber erst im August 2018 durch abgehörte Gespräche. Clément B. war nach dem Polizeibesuch zurück nach Frankreich geflüchtet, wo er im April 2017 mit drei Kilogramm des hoch explosiven Sprengstoffs TATP verhaftet wurde. In Gesprächen im Besucherraum des Marseiller Gefängnisses plauderte er von den Berliner Plänen. "Hey, wir hätten uns da in die Luft gesprengt", soll er seinem Vater berichtet haben.

Auf genau diese Gespräche stützt sich allerdings auch die Verteidigung. Denn nach Angaben von C.s Anwalt soll der französische Islamist seinen Mandanten auch entlastet haben. Der Verteidiger will beweisen, dass Amri und Clément B. den Anschlag ohne C. geplant hätten.

Auch B. soll als Zeuge gehört werden. Seine Aussagen sind auch deshalb so brisant, weil sie Licht in das Dunkel um Anis Amri bringen könnten. Der Tunesier soll sich kurz nach B.s Abreise für den Alleingang entschieden haben. Am 19. Dezember 2016 raste er mit einem gestohlenen Lkw in die Menschenmasse auf dem Berliner Weihnachtsmarkt.

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