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Jeder dritte Grundschüler wird zur Schule gefahren. Aber die Rechnung "Mit dem Auto zur Schule = sicher zur Schule" geht nicht immer auf.

Verkehrssicherheit
"Goodbye, Elterntaxi!"

Dietmar Rietz / 22.05.2019, 21:00 Uhr - Aktualisiert 23.05.2019, 17:11
Schwedt (MOZ) Elterntaxis sind eine eher beunruhigende Entwicklung, glauben Polizisten, Psychologen und selbst Automobilklubs. Auch in Schwedt?  Wohlmeinende Eltern fahren auch hier ihren Nachwuchs bis ans Schultor.

Mittwochmorgen kurz vor Unterrichtsbeginn vor der Erich-Kästner-Schule Schwedt. Viele Kinder kommen zu Fuß oder auf dem Fahrrad zur Schule. Andere rollen im Elterntaxi an. Schätzungsweise jeder fünfte Schüler wird an diesem Morgen  gefahren. Auf dem Parkplatz an der kleinen Straße Am Aquarium und am Bürgersteig vor der Schule gegenüber herrscht kurz vor Unterrichtsbeginn auffällig mehr Verkehr als üblich. Elterntaxis stoppen in kurzer Folge.  Ranzen und Kinder werden entladen. Oft wird gleich gewendet. "Wenn die Helikoptereltern hier mit Karacho wieder abdüsen, treffen sie auf die, die zu Fuß oder mit dem Rad aus der Siedlung und über die Straße vom Parkplatz kommen", hat eine Anwohnerin beobachtet. Die Gleichung vieler Eltern "Mit dem Auto zur Schule = sicher zur Schule" geht so nicht auf.

Eine Studie im Auftrag des ADAC hat das Elterntaxi-Phänomen untersucht und festgestellt: Es ist in einem schleichenden Prozess größer geworden. Etwa ein Drittel der Schüler wird heute bei mäßiger Witterung regelmäßig mit dem Auto zur Grundschule gebracht. Erhoben worden sind Mobilitätsdaten von über 100 Grundschulen. Gründe für die Zunahme der Elterntaxis gibt es viele: freie Schulwahl und damit längere Schulwege, Zeitdruck in den Familien, das Wetter, Faulheit. Manchmal ist auch Prestigedenken dabei. Da möchten Mama oder Papa den neuen Wagen vor der Schule präsentieren. Für andere, viel beschäftigte Eltern, ist die Fahrt sogar die einzige gemeinsame Zeit mit den Kindern.

Parken direkt vor dem Schultor

Von in Schwedt befragten Eltern war am Mittwoch zu hören: Eigentlich geht mein Kind zu Fuß zur Schule. Aber  heute habe ich unsere Kinder auf dem Weg zur Arbeit mal mitgenommen. Oder: Wir wohnen so weit außerhalb, da wären die Busfahrt oder ein Fußmarsch unzumutbar. Oder: Mit dem schweren Ranzen kann das Kind doch nicht laufen. Oder: Der Schulweg ist mir zu unsicher, ich habe Angst, dass mein Kind belästigt oder überfallen wird. Oder: Sonst läuft der Junge zur Schule, aber heute haben wir verschlafen. Kann ja mal passieren! Aber auch dann empfehlen Fachleute, das Kind eine gute Strecke von der Schule entfernt aussteigen und den Rest des Weges allein laufen zu lassen. In einem Fall sind die befragten Eltern aufgebracht und motzen: Wollt ihr uns jetzt auch noch das Autofahren verbieten? Nein, das nicht.

Theoretisch ist aber schon ein Erstklässler  in der Lage, den Weg zur Schule allein und zu Fuß zurückzulegen. Das hängt aber natürlich von vielen Faktoren ab. Wenn die Eltern mit dem Kind den besten und sichersten Schulweg aussuchen und ihn immer wieder üben, sind Kinder schnell fit. Ein Elterntaxi oder die Begleitung bis zum Schultor brauchen die wenigsten jungen Schüler länger als für ein paar Wochen.

Die meisten Eltern in Schwedt achten am Mittwochmorgen auf Sicherheit für ihr und für andere Kinder. Etliche sind allerdings in großer Eile oder Hektik. Sie achten fast nur darauf, wie sie mit dem Elterntaxi einen Parkplatz möglichst nahe vor der Schule ergattern können. Gern auch im Halteverbot, in der Kurve oder auf dem Fußweg. Daraus resultieren gefährliche Verkehrssituationen, Stopp- und Wendemanöver. Kinder kommen  in Gefahr, weil sie die für einige entscheidende Minuten stark frequentierte  Straße überqueren müssen.

Verkehrsunfallstatistiken aus anderen Städten zeigen: Immer mehr Kinder verunglücken, während sie zum Beispiel als Beifahrer im Auto sitzen. Gleichzeitig sinken die Unfallzahlen für diejenigen, die sich aktiv im Straßenverkehr bewegen – also etwa zu Fuß zur Schule gehen. Kinder lernen wohl nirgendwo besser als auf dem Schulweg, sich selbstständig und sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Das funktioniert, wenn sie sich aktiv daran beteiligen.

Nach Schätzung des Psychotherapeuten Martin Klett aus Freiburg tendieren ungefähr 15 Prozent bis 20 Prozent der Eltern zu extremer Überbehütung. Ein Grund: die Sorge um die Zukunft der Kinder – mit manchmal schlimmen Folgen.

Eines  der Probleme sind die Elterntaxis. Und es wird schlimmer. Die Bequemlichkeit wächst. Trotz aller Appelle kommt es zu Verkehrsverstößen vor Schulen. Die Sicherheit von Kindern wird beeinträchtigt.

Ordnungsamt und Polizei kontrollieren in Schwedt gewöhnlich nur vor und nach längeren Ferien, bestätigt das Schwedter Rathaus. Der Automobilclub ACE Europa hat die wachsende Zahl von Elterntaxis als Problem ausgemacht. Er startet die Aktion "Goodbye, Elterntaxi!". Thomas Tenner ist in er Uckermark ACE-Kreisvorsitzender. Er erklärt: "Die Aktion soll Eltern über die Gefahren aufklären, die die Schulfahrten bringen, und ebenso die selbstständige, sichere Teilnahme der Kinder am Straßenverkehr fördern." Tenner fügt hinzu: "Wir wollen mit der Kontrolle in Schwedt an alle Familien mit Kindern im Vor- und Grundschulalter appellieren, das Elterntaxi stehen zu lassen."

Die Aktion "Goodbye, Elterntaxi!" richtet sich auch an die Schulen und die Kommunalpolitiker. Sie sollen das Engagement des Automobilclubs unterstützen. Sie sollen mit dafür sorgen, dass Kinder und Eltern lernen, wie alle gesund und sicher, zu Fuß oder mit dem Fahrrad in die Schule und zurück nach Hause kommen.

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