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zum Verhältnis von Parteien zur Jugend
Sprachlose Politiker

Mathias Puddig
Mathias Puddig © Foto: Thomas Koehler
Meinung
Mathias Puddig / 23.05.2019, 20:00 Uhr
Berlin (MOZ) Wenigstens einer in der CDU lässt sich die gute Laune nicht verderben.

"Mein Video ist klasse", findet Philipp Amthor und verspricht, dass er von seiner Schlagfertigkeit nichts verloren hat. Ob er recht hat, darf aber nach dem Willen des CDU-Bundesvorstandes niemand erfahren. Die Parteispitze will, dass das Video, das der 26-jährige Bundestagsabgeordnete als Reaktion auf den Fünf-Millionen-Zuschauer-Clip "Die Zerstörung der CDU" gedreht hat, nicht veröffentlicht wird.

Stattdessen lädt Generalsekretär Paul Ziemiak ein elfseitiges Statement hoch und bietet dem Youtuber Rezo, der die Partei erst in diesen Schlamassel gestürzt hat, ein Gespräch an. Was für ein kommunikatives Desaster – und das nur wenige Tage vor der Europawahl. Und doch ist es keine Ausnahme, sondern zeigt, wie sprachlos etablierte Politiker oft sind, wenn es um junge Leute geht.

Der Grund dafür: Die Parteien haben immer noch nicht richtig verstanden, wie sehr das Internet den politischen Raum verändert hat. Während sich junge Leute über Facebook-Veranstaltungen organisieren, lassen CDU und Co. Plakate kleben und sind dann von der Wucht überrascht, mit der Proteste über sie hinwegfegen. Dazu kommt: Nicht nur die Form der politischen Organisation hat sich verändert, sondern auch die Inhalte. Wer nicht versteht, wie sehr sich das Leben mittlerweile im Digitalen abspielt, der ist natürlich überrascht davon, wie heftig Proteste gegen die EU-Urheberrechtsreform werden können. Es gibt einen Graben zwischen denen, die im Digitalen fit sind, und denen, die es nicht sind. Und oft genug ist der identisch mit dem zwischen den Generationen. Es wird Zeit, dass die Politik ihn überwindet.

Denn spürbar war er zuletzt am laufenden Band. Beispiel Kevin Kühnert: Als der Juso-Chef vor anderthalb Jahren mit der NoGroKo-Kampagne die Große Koalition ernsthaft gefährdete und damit die SPD-Spitze in arge Bedrängnis brachte, wurde er in Diskussionsrunden ein ums andere Mal als einziger geduzt. Auch seine Argumente wurden immer wieder mit Verweis auf mangelnde Erfahrung abgetan. Erst spät begann die SPD, ihn ernst zu nehmen. Heute, kurz vor seinem 30. Geburtstag, ist Kühnert immer noch Juso-Chef, wird aber intern bei der programmatischen Erneuerung der SPD gehört und setzt nach außen Akzente, die zuletzt zwar heftig, aber doch überwiegend ernsthaft diskutiert wurden.

Gehört fühlen sich viele jungen Menschen aber immer noch nicht. Auch als Tausende Schüler begannen, jeden Freitag gegen die aus ihrer Sicht zu zögerliche Klimapolitik auf die Straßen zu gehen, fiel vielen Politikern – vor allem aus der Union – nichts besseres ein, als sie an die Schulpflicht zu erinnern. Ihnen gönnerhaft zuzugestehen, dass sie ja auch am Wochenende demonstrieren können, tat dann sein Übriges. Denn natürlich haben die Klimaaktivisten recht, wenn sie kontern, dass das ja längst nicht so einen Eindruck auf die Politik machen würde. Und deshalb gehen sie auch an diesem Freitag wieder auf die Straße.

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Kevin Kühnert Duzen Philipp Amthor Schlagfertigkeit

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