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Rettungsaktion
Storchendrama über Cammer

Bärbel Kraemer / 07.06.2019, 09:39 Uhr
Cammer Mit bangen Blicken verfolgten Einwohner von Cammer das Geschehen auf dem Storchenhorst am Rand des Dorfes. Die Nachricht, dass am Abend zuvor ein Altstorch verletzt auf dem Kietz eingefangen werden musste, hatte sich schnell herumgesprochen.

"Es ist eine traurige, spannende Angelegenheit", fasst Andreas Koska die Geschehnisse zusammen. Werner Paul, sein Nachbar, hatte ihn gegen 21.30 Uhr angerufen. "Er sagte, vor deinem Haus steht der Storch. Es sieht so aus, als ob er verletzt ist", erzählt der 63-Jährige.

Sekunden später standen die Männer dem Vogel auch schon gegenüber. "Man hat sofort gesehen, dass der rechte Flügel gebrochen war", so Koska weiter. Sofort griff er zum Telefon und rief die örtliche Tierärztin Gudrun Schmidt und ihren Lebenspartner, den Storchenkümmerer Gerhard Rettig an.

Mit Unterstützung weiterer Nachbarn gelang es, den verletzten Vogel einzufangen, sodass er in die Tierarztpraxis gebracht werden konnte.

Tierärztin Gudrun Schmidt zog unverzüglich einen Experten für Wildtiere aus Magdeburg zu Rate, wohin der verletzte Altstorch dann auch gebracht wurde. Die bange Frage, ob der verbliebene Altstorch allein in der Lage ist den Nachwuchs im Storchenhorst aufzuziehen, war zu diesem Zeitpunkt von Experten bereits einem klaren nein beantwortet worden.

"Sie würden verhungern oder, wenn der Altstorch auf Nahrungssuche ist, von Krähen oder Raben gefressen werden. Ein Altvogel allein kann nicht genügen Futter heranschaffen und die Jungen sind zu klein, um Angreifer abzuwehren", so Gerhard Rettig.

Bernd-Roderich Thiele von der ENG Niemegk, der sich wie Rettig seit Jahren um das Storchenwohl bemüht, erklärte sich bereit, die Jungvögel aus dem Horst zu holen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, wie viele Eier das Storchenpaar ausgebrütet hatte. Seine Ankunft mit dem Spezialfahrzeug wurde bereits erwartet. Als das Fahrzeug einsatzbereit war, dauert es nur wenige Minuten, bis der Storchennachwuchs aus dem Horst genommen und vorsichtig in eine Transportbox gelegt war.

"Die Altstörche sind am 1. April bei uns angekommen", erläuterte Rettig, während die Box in das bereitstehende Auto umgeladen wurde. Dann begann die Reise der Mini-Rotstrümpfe zum Storchenhof Loburg (Sachsen-Anhalt), wo sie aufgezogen, ausgewildert und von wo aus sie im Herbst die Reise in den Süden antreten sollen. Für den Altstorch ging die unfreiwillige Reise zur Weiterbehandlung in eine Magdeburger Spezial-Tierklinik weiter.

Zurück in Cammer blieb ein einsamer Altstorch. Ob er irgendwann einen neuen Partner findet? "Ich hoffe. Wenn nicht, wird es keinen Storchennachwuchs in Cammer mehr geben. Das wäre sehr schade", befürchtete Andreas Koska mit Blick auf den einsam über dem Dorf kreisenden Rotstrumpf.

"Nachdem unsere Störche in den vergangenen zwei Jahren jeweils vier Junge aufgezogen haben, ist das ein bitterer Verlust", fasst Gerhard Rettig zusammen. Er hatte 1978 den Storchenhorst auf seiner Wiese neu aufbauen lassen. Er ergänzt: "1983 haben wir bereits einmal ein Altstorch verloren. Durch einen Stromschlag" und deutet auf die Infotafel am Rand der Wiese. Dort ist genau dokumentiert, wann die Störche ankamen, wieder gen Süden aufbrachen und wie viele Jungstörche jährlich flügge wurden. Die Bruterfolge der Cammeraner Störche kann sich sehen lassen: Es sind exakt 51 Jungstörche seit 2002.

Stunden später sind Tierärztin Gudrun Schmidt und Storchenkümmerer Gerhard Rettig wieder zurück. Bei der Aufnahme der Ministörche in Loburg wurde festgestellt, dass beide die unfreiwillige Reise gut überstanden hatten und rund zwei Wochen alt sind. Mit einem Gewicht von 390 und 500 Gramm wurden die beiden Leichtgewichte zu bereits aufgenommenen Storchenkindern gesetzt. "Acht Junge sind mit unseren beiden jetzt im Storchenkindergarten Loburg", so Rettig und ergänzt, dass die Minis die Neuankömmlinge sofort mit Schnabelklappern begrüßten. Er weiß die beiden Cammer-Störche dort in guten Händen und will sie bei Gelegenheit besuchen.

Am Sonnabend gab es dann auch vom Altstorch eine hoffnungsvolle Nachricht. Dr. Niels Mensing in Magdeburg hat entschieden, dass der Flügel nicht amputiert und ein Heilungsversuch unternommen wird. Ist die Verletzung ausgeheilt, wird der Altstorch auf dem Storchenhof Loburg ein neues zu Hause finden.

Der in Cammer verbliebene Rotstrumpf, so die Experten, wird sich einen neuen Partner suchen. "Er bleibt nicht allein", so Rettig. Und vielleicht macht er sich ja schon im August in Gesellschaft eines neuen Gefährten auf die 5.000 Kilometer weite Reise nach Afrika.

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