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Homöopathie
Eine Frage des Glaubens

Ein Fläschchen mit Globuli.
Ein Fläschchen mit Globuli. © Foto: Pixarbay
Hajo Zenker / 11.06.2019, 06:15 Uhr
Berlin (MOZ) Die Wirkung von Globuli ist Glaubenssache. Kleine Zuckerkügelchen, die minimalste bis gar keine Reste eines heilsamen Stoffes enthalten sollen, um Menschen von Leiden zu befreien, dürften rational denkenden Menschen eigentlich kaum zu vermitteln sein.

Und doch schwören viele Deutsche auf homöopathische Produkte; diverse Krankenkassen bezahlen zudem die Behandlungskosten.

Das sorgt für Streit. Kritiker berufen sich auf diverse Studien, die belegen, dass homöopathische Mittel nicht mehr erreichen als Placebos. Doch, da ist mehr, sagen die Verfechter, die sich ebenfalls auf diverse Studien berufen. Gegenseitig zieht man die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Untersuchungen in Zweifel. Und neuerdings geht man gar juristisch gegeneinander vor.

Wäre ein Verbot Bevormundung?

Für Jürgen Windeler, der das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) leitet, widerspricht das Konzept der Homöopathie "unserem Wissen darüber, wie die Welt aufgebaut ist: Was verdünnt wird, wird nicht mehr. Und ein Wirkstoff, der nicht mehr da ist, kann nicht mehr wirken." Dagegen warnt etwa der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie davor, solche Behandlungen zu verbieten. Das würde die Therapievielfalt beschneiden und Patienten bevormunden. "Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, bei denen homöopathische Arzneimittel erfolgreich eingesetzt werden", meint BPI-Hauptgeschäftsführer Kai Joachimsen.

Weniger umstritten ist, dass sich Homöopathen beim ersten Gespräch mit dem Patienten viel Zeit nehmen – gern ein oder zwei Stunden statt der üblichen acht Minuten beim Hausarzt. Die Patienten fühlen sich also ernst genommen, können sich auch Probleme von der Seele reden. Was der Gesundheit durchaus zuträglich sein kann. Aber, das räumen selbst die Homöopathen ein, nicht bei schweren Schäden. Die Organe müssten noch völlig funktionsfähig sein. Geschädigte Organe könne die Homöopathie nicht kurieren.

Der Umsatz mit homöopathischen Mitteln lag laut dem Beratungsunternehmen IQVIA 2018 in Deutschland bei 670 Millionen Euro. Das klingt erst einmal viel. Im Vergleich zu 38,9 Milliarden Euro, die alle gesetzlichen Krankenkassen 2018 für Arzneimittel ausgegeben haben, ist das allerdings Kleingeld. Zumal neun von zehn Packungen Globuli sowieso privat von den Patienten bezahlt werden. Kein Wunder, dass mehrere Krankenkassen die Mittel bezahlen. Sie fallen finanziell kaum ins Gewicht, machen im Wettbewerb um neue Versicherte aber einen guten Eindruck. Und sind auch in Krankenkassen-Rankings von Bedeutung. Dass Globuli tatsächlich wirken, behaupten die großen Kassen lieber nicht.

In Großbritannien zahlt das staatliche Gesundheitssystem seit dem Jahr 2017 keine Globuli mehr. In Frankreich wird über solch eine Regelung nachgedacht. Das offenbar hat den deutschen Hersteller Hevert sehr aufgeschreckt: Seit Monaten werde gegen die Homöopathie "gehetzt". Gesetzliche Einschränkungen dürfe es nicht auch noch "in Deutschland, dem Mutterland der Homöopathie" geben, nun gehe man "auf juristischem Weg gegen ungerechtfertigte Diskreditierungen" vor, heißt es bei dem Unternehmen.

So forderte Hevert die Ärztin und bekannte Homöopathie-Kritikerin Natalie Grams auf, nicht länger zu behaupten, die Wirksamkeit von Homöopathie gehe "nicht über den Placebo-Effekt hinaus". Gehe sie darauf nicht ein, drohe ihr eine Strafe von 5100 Euro. Grams weigert sich, die Unterlassungserklärung zu unterschreiben. Hevert sieht offenbar das eigene Geschäft in Gefahr.

Hevert verdient gut mit Globuli

Das Familienunternehmen aus Rheinland-Pfalz, nach eigenen Angaben einer der weltweit zehn wichtigsten Homöopathie-Hersteller, gibt auf seiner Internetseite als letzte Umsatzzahl den Wert von 2013, nämlich 20 Millionen Euro, an. Wie das heute aussieht, war auch auf Nachfrage nicht zu erfahren. Trotz des juristischen Vorgehens betont Hevert aber, dem Unternehmen sei eine "sachliche Diskussion rund um das Thema Homöopathie ausgesprochen wichtig", so Stefanie Brenneisen von der Unternehmenskommunikation. Zumindest politisch könnte der Schuss nach hinten losgegangen sein. SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach denkt denn schon einmal laut über ein Erstattungsverbot für deutsche Krankenkassen nach – gerade als Reaktion auf die Hevert-Attacke, die sei nämlich "eine Frechheit".

Für entspannten Umgang

Bisher dagegen dürfen Krankenkassen über die Erstattung nicht nur selbst entscheiden, der Gesetzgeber hat, anders als bei jeder anderen Arznei, geregelt, dass sich die Homöopathen quasi selbst die Wirksamkeit ihrer Mittel bescheinigen dürfen. Die Helmholtz-Gemeinschaft wirbt trotzdem für einen entspannten Umgang mit den bezahlten Zuckerkügelchen.

"Mit der Homöopathie erhalten die Patienten einen ausgeklügelten Placebo-Effekt auf Rezept", schreibt die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands auf ihrer Internetseite. Wer daran glaubt, soll also mit Globuli glücklich werden. Zumindest dann, wenn es sich nicht um schwere Erkrankungen handelt.

Bienengift gegen Insektenstiche

Der deutsche Arzt Samuel Hahnemann hat vor rund 200 Jahren den Leitsatz der Homöopathie geprägt: Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden. Stoffe, die Ähnliches wie die Erkrankung auslösen, sollten hochverdünnt in Globuli "verpackt" verabreicht werden. Stark verdünntes Bienengift soll etwa gegen Insektenstiche und andere Hautentzündungen helfen. Nach der Logik der Homöopathie ist ein Mittel mit besonders hoher Verdünnung besonders wirksam. Ein naturwissenschaftliches Unding, wie viele Wissenschaftler oder Gesundheitspolitiker finden.

Jeder zweite Deutsche bekennt sich trotzdem laut Umfragen dazu, schon einmal homöopathische Mittel geschluckt zu haben. Zwei Drittel der Anwender waren mit dem Ergebnis zufrieden. Das wird von der Schulmedizin gern mit dem sogenannten Placebo-Effekt erklärt: Auch wenn ein Scheinmedikament, das wie Arznei aussieht, aber keine Wirkstoffe enthält, verabreicht wird, ist immer wieder beobachtet worden, dass sich Besserung einstellt. Weil der Patient darauf vertraut, gut behandelt zu werden, verliert er seine Ängste, kann entspannen und Selbstheilungskräfte aktivieren.

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