Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

39 Teilnehmende stürzen sich in den Strom. Nicht allen geht es um Sport. Ein Bericht aus den hinteren Reihen

Oderschwimmen
Treiben lassen

MOZ / 11.06.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 11.06.2019, 07:42
Frankfurt (Oder) (Nancy Waldmann) Ziemlich gestählte Körper in schnittigen Schwimmanzügen haben sich am Sonnabend am Holzmarkt zum Oderschwimmen versammelt. Aus Stettin, Bernau und Berlin waren sie angereist. Dehnen, Strecken, Warmmachen. Konzentrierte Blicke. Die Stadtwerke haben einen Pokal ausgelobt.

Ich melde mich noch schnell an und bekomme eine Badekappe mit der Nummer 45, die letzte. Ich bekomme einen Transponder gereicht für die Zeitmessung, den ich mir um das Handgelenk binden soll.

Doch auf Wettbewerb pfeife ich, trainiert habe ich sowieso nicht. Ich will mich treiben lassen mit dem Strom – aus Spaß an der Freude, aus Lust am Perspektivwechsel und an der Doppelstadt. Die Bedingungen sind gut: Wasserstand 2,53 Meter, Wassertemperatur über 20 Grad. Der ältere, polnisch sprechende Mann vor mir wirkt gemütlich. Ich werde ihn noch wiedersehen. Ebenso die zwei, die auf den letzten Drücker kommen und ihr Fahrrad neben mir parken.

Geschützt im Neoprenanzug

Dreieinhalb Kilometer liegen vor uns: vom Ziegenwerder, Nordspitze, zur Marina am Winterhafen. Der Gewinner vom letzten Oderschwimmen vor zwei Jahren – 2018 war es ausgefallen wegen Niedrigwasser – tritt wieder an, Paweł Radzinski ist ein Triathlet aus Stettin. Dort schwimmen sie zwischen zwei Oderbrücken hin und zurück, erzählt er vorm Start. Der Strom flößt vielen großen Respekt ein. Eine Frau überlegt, ob sie sich besser am Rand halten solle. "Nee, du musst in die Mitte, da bist du am schnellsten", antwortet ihr eine andere. Ein Mann trägt einen Neoprenanzug – ist hier nicht erlaubt, deswegen schwimmt er außer der Wertung mit. "So fühle ich mich geschützter", sagt er. Wovor, kann ich nicht mehr fragen, denn schon stürzen sich alle in die Fluten. Die Sportlichen setzen sich sofort rabiat ab. Ich gucke mir beim Tauchen die leuchtenden Grüntöne des Wassers an. Beim Blick an die Seite fliegen die Spundwände und die Leute auf der Promenade vorbei. Der Blick nach vorn hingegen vermittelt ein Gefühl von Abgehängtsein: kraulende Arme immer ferner. In meiner Nähe konsolidiert sich eine kleine Fraktion der Gemütlichen: die zwei, die kurz vor mir zum Start kamen. Wir verständigen uns darauf, dass wir zum Spaß mitschwimmen. Den Herrn hinter mir erkenne ich erst im Ziel wieder. Rechts schwebt das wilde Słubicer "Amazonasufer" vorbei.

Von der Nordspitze des Ziegenwerder bis zur Marina im Winterhafen schwammen am Sonnabend 43 Menschen aus Deutschland und Polen durch die Oder. Nachdem das Oderschwimmen 2018 wegen Niedrigwasser ausgefallen war, hat der Sportbund es in diesem Jahr auf eine neue Route verlegt.
Bilderstrecke

10. Oderschwimmen 2019

Bilderstrecke öffnen

Nach zweieinhalb Kilometern kommt die Kursänderung, auf die wir vorbereitet wurden – fast 180 Grad wenden hin in den Nebenarm zur Marina. Frühzeitig den Hauptstrom verlassen, um die Landspitze rudern. Plötzlich muss man gegen den Strom schwimmen. Meine Glieder fühlen sich da schon kalt und steif an. Das Ufer ist jetzt näher. Aber dieser letzte Kilometer zieht sich. Es dauert, bis ich einen Rhythmus gefunden habe. Als ich wieder Anschluss finde an die beiden Spaßschwimmer, feixt das Mädchen: "Die überholt uns!". Wir beginnen uns zu unterhalten. Er erzählt von einer 400 Kilometer langen Paddeltour, die er mal gemacht hat. Der ältere Mann weiter hinten scheint zu kämpfen. Die Wasserwacht kommt im Rettungsboot immer wieder vorbei und feuert uns mit freundlichen Blicken an. Die Marienkirche schlägt zwölf.

Die Leiden der Kaffeetrinker

Vorm Zieleinlauf jubelt uns eine Fangruppe von einem alten Wehr zu. Jetzt fühlt es sich fast warm im Wasser an. Auf einem grünen Teppich steigen wir aus dem grünen Wasser auf die Bootsrampe, wo uns eine Frau vom Sportbund die Hand reicht.

Gute 59 Minuten war ich im Wasser, fast eine halbe Stunde länger als die Sieger. Schließlich trifft auch der Pan aus Polen ein, sein Gesicht löst sich allmählich. Ich gratuliere ihm. Er stellt sich vor als Andrzej Łaczkowski und zeigt mir sein Słubicer Haus in der Ferne. Den letzten Kilometer hätten ihn Krämpfe geplagt. Er trinke halt gerne Kaffee, lacht er. Aber er wollte durchziehen. "Für die Gesundheit!", sagt er.

This browser does not support the video element.

Video

Das war das Oderschwimmen 2019

Videothek öffnen

Einen Bericht zu Siegern und zum sportlichen Aspekt des Oderschwimmens lesen Sie am Mittwoch auf der Lokalsport-Seite.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG