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Tagebücher
Gedanken hinter Schlössern

Annemarie Diehr / 12.06.2019, 10:00 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Weg vom Eingangsbereich führt Simone Kusche zu einem Wandregal mit Bastelutensilien. Hier, zwischen farbigem Papier und Federschmuck, lagert versteckt ein Stapel Bücher. "Ab und zu wird eines gekauft, meist von Erwachsenen für die Kinder und Enkel", sagt Simone Kusche.

Bunt bedruckt mit Schmetterlingen und lachenden Gesichtern sind die quadratischen Bücher. Sie tragen ein Schloss. "Das ist für ein Tagebuch ganz wichtig", weiß die Mitarbeiterin von Tinas Creativity im Fürstenwalder Rathauscenter. Auch sie habe bis zum Alter von 25 Jahren Tagebuch geschrieben, sagt Simone Kusche. "Die Bücher habe ich noch." Damals habe sie sich die Zeit genommen, sich die Dinge von der Seele zu schreiben, die ihr durch den Kopf gingen.

Tagebuch in der Literatur

Schon in der Antike hielten Menschen Ereignisse schriftlich fest. Das Tagebuchschreiben im heutigen Sinne setzte in Europa mit der Renaissance und dem wachsenden Ich-Bewusstsein des Menschen ein. Auch bildete sich daraus ein eigenes literarisches Genre.

Berühmt geworden ist das Tagebuch der Jüdin Anne Frank, die heute 90 Jahre alt geworden wäre. Sie bekam zum 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 ein Notizbuch von ihrem Vater geschenkt, in dem sie in ihrem Versteck in einem Hinterhaus in Amsterdam ihre Gedanken und Erlebnisse bis zu ihrer Deportation durch die Nationalsozialisten niederschrieb.

Aus diesem Grund ist der 12. Juni zum Ehrentag des Tagebuchs erkoren worden. Bis heute ist das Tagebuch der Anne Frank Pflichtlektüre in Schulen. Regelmäßig, sagt Martina Taistra von der Fürstenwalder Stadtbibliothek, werde das Buch ausgeliehen. Beliebt sei das Tagebuch als literarische Gattung allemal, das zeige die erfolgreiche Kinderbuch-Reihe "Gregs Tagebuch". Selbst Tagebuch zu schreiben, das scheint allerdings nicht mehr so gefragt.

Ja, sie habe mal Tagebuch geführt, aber das sei ewig her, sagt etwa Katja Burgstedt. In Trebus, wo sie aufgewachsen sei, hätten das in der Pubertät alle gemacht, erzählt die 35-Jährige. Auch Ivonne Alija war in jüngeren Jahren begeisterte Tagebuch-Schreiberin. "Schöne Erlebnisse halte ich jetzt in meiner Notizen-App im Handy fest", sagt die 39-Jährige.

Die Tagebücher im Schreibwarenladen McPaper in der Eisenbahnstraße sprechen in Pink und Lila und mit Herzschloss nur Mädchen an; Mitarbeiterin Jacqueline Kutschinski zeigt eine neutrale Variante für Erwachsene, sogenannte Boutiquebücher mit weißen Seiten. "Tagebücher sind Mangelware", sagt sie. "Wer etwas Hochwertiges, etwa in Leder Gebundenes sucht, den schicke ich in die Buchhandlung."

Schreiben Sie noch Tagebuch?

Leona-Marie Ullrich (18) aus Fürstenwalde: "Ich schreibe kein Tagebuch und habe auch noch nie eines geführt. Ich wüsste gar nicht, was ich da reinschreiben sollte. Mit zwölf, 13 Jahren hatte ich ein Freundesbuch, in das meine Freunde Sprüche reinschreiben konnten. Das ist eine schöne Erinnerung."⇥Fotos (2): Annemarie Diehr

Sophie Ajete Alija (17) und Yvonne Alija (39) aus Fürstenwalde: "Meine Tochter hatte eine kurze Phase, in der sie Tagebuch geführt hat, ich habe das zwischen 14 und 18 Jahren jeden Tag gemacht. Wenn die Bücher kein Schloss hatten, habe ich selbst eines drum gemacht, da standen ja alle Geheimnisse drin. Es ist lustig, das wieder zu lesen."

Hans Skiba (76) aus Erkner: "Als ich 17, 18 war, habe ich Tagebuch geschrieben.  Da standen Sachen drin, von denen ich nicht wollte, dass meine Eltern sie lesen, über Mädchen und so. Eines Tages hat mein Vater das entdeckt und mir Ärger gemacht, danach war es aus. Ich habe die Tagebücher alle vernichtet."Foto: Joachim Eggers

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