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Plädoyer
Anwalt wittert Komplott beim Tod der kleinen Emily

Das Plädoyer dauerte mehr als sechs Stunden: der Angeklagte Angelo S. (l.) mit seinem Anwalt Alrik Kohrs
Das Plädoyer dauerte mehr als sechs Stunden: der Angeklagte Angelo S. (l.) mit seinem Anwalt Alrik Kohrs © Foto: Mathias Hausding
Mathias Hausding / 12.06.2019, 18:30 Uhr - Aktualisiert 13.06.2019, 11:31
Frankfurt (Oder) (MOZ) Im Prozess um den Tod von Emily greift die Verteidigung die Staatsanwaltschaft an und fordert eine recht milde Strafe für den angeklagten Kindsvater.

Im Prozess um den Tod der kleinen Emily aus Eberswalde hat die Verteidigung am Mittwoch eine Haftstrafe von zehn Jahren gefordert. Der Angeklagte habe wegen der Vernachlässigung und der Misshandlung des zweieinhalb Jahre alten Kindes "gewaltige Schuld" auf sich geladen und "eine empfindliche Strafe verdient", sagte Rechtsanwalt Alrik Kohrs. Er plädierte vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) mehr als sechs Stunden lang. Sein Mandant habe "moralisch ein Kind auf dem Gewissen", im strafrechtlichen Sinne jedoch nicht.  "Ich sehe hier keinen Mord und auch kein anderes Tötungsdelikt", sagte er.

Emily wurde laut Gerichtsmedizin über Monate vernachlässigt und schwer misshandelt. Im Oktober 2017 wurde sie mit schwersten Kopfverletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Ein halbes Jahr später erlag das Kind seinen Verletzungen. Die Strafkammer hatte Ende 2018 in einem rechtlichen Hinweis mitgeteilt, dass für den wegen Misshandlung angeklagten Angelo S. auch eine Verurteilung wegen Mordes in Betracht komme.

Kohrs hielt der Staatsanwaltschaft "Rosinenpickerei", "Taktiererei" und "Trickserei" vor. Sie habe sich in ihrem Plädoyer "teilweise einseitig" auf Aspekte gestützt, die den Angeklagten belasten und andere Punkte ignoriert, die gegen seine Schuld sprechen würden. Staatsanwalt Jochen Westphal hatte für den 29 Jahre alten Vater von Emily eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen gefordert. Angelo S. soll das Mädchen über Monate vernachlässigt und immer wieder körperlich misshandelt haben, weil er sich von ihr gestört gefühlt habe.

Alrik Kohrs hielt dem entgegen, dass eine möglicherweise gemeinschaftliche Tatbegehung des Angeklagten mit seiner Lebensgefährtin nicht ausreichend geprüft worden sei. In den Augen des Anwalts hätte die gesondert verfolgte Stiefmutter von Emily ebenfalls schon jetzt auf die Anklagebank gehört. Die Ankläger hätten das Verfahren gegen sie aber lange Zeit ruhen lassen und sich allein auf Angelo S. konzentriert, kritisierte Kohrs. Er hielt der Staatsanwaltschaft vor, der Frau eine Bewährungsstrafe in Aussicht gestellt zu haben, wenn sie zur Aufklärung beitrage.

Zu berücksichtigen sei bei einer Gesamtschau auch, dass die Behörden versagt hätten, so der Anwalt. Jugendamt und Familiengericht seien diversen Anzeigen wegen Kindeswohlgefährdung nur zögerlich nachgegangen. Obwohl die Erziehungsprobleme des asozialen und drogenabhängigen Vaters bekannt gewesen seien, hätten die verantwortlichen Stellen nichts getan, um Emily aus der Situation herauszuholen.

Verbotene Verhörmethoden?

Alrik Kohrs kritisierte außerdem, dass sein Mandant von der Polizei auf verbotene Weise verhört worden sei. Dabei ging es um die möglichen Ursachen für Emilys Verletzungen, zu denen sich Angelo S. geäußert hatte. "Er wurde vor seinen ersten Aussagen nicht ordentlich belehrt. Diese Einlassungen dürfen nicht verwertet werden", sagte der Anwalt. Auch sei er zuweilen in übermüdetem Zustand verhört worden.

Es war für Prozessbeobachter mitunter schwierig, den Ausführungen des Verteidigers zu folgen. Er las über weite Strecken ordnerweise seine stichpunktartigen Notizen aus dem Prozessverlauf vor, führte Sätze und Gedankengänge nicht zu Ende, sodass offenblieb, welche juristischen Schlussfolgerungen aus dieser oder jener Zeugenaussage seiner Meinung nach zu ziehen sind.

Sicher war sich Kohrs darin, "dass es auch andere Personen gewesen sein könnten, die Emily ihre schweren Verletzungen zugefügt haben". Auch die genaue Todesursache sei unklar und das Ableben des Kindes nicht dem Angeklagten zuzurechnen. Dass Angelo S. das Kind als "Störfaktor" empfunden habe, sei ebenso wenig belegt wie die Behauptung, dass er in der Familie bestimmend aufgetreten sei.

In den ihm zustehenden letzten Wort sagte der Angeklagte: "Ich bin nicht gefühllos, und ich habe Emily nicht verachtet. Ihr Tod hat mich hart getroffen, ich kann aber meine Trauer nicht nach außen tragen. Ich habe meiner Tochter weder absichtlich oder versehentlich irgendwelche Verletzungen zugefügt." Die von seinem Anwalt geforderte Strafe von zehn Jahren empfinde er als zu hoch.

Am 21. Juni soll das Urteil gesprochen werden.

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