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Turmfalken
Der Kirchturm als Kinderstube

Nö, Besuch mögen sie nicht wirklich, die drei bis vier Wochen alten Turmfalkenbabys in Pausin.
Nö, Besuch mögen sie nicht wirklich, die drei bis vier Wochen alten Turmfalkenbabys in Pausin. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 16.06.2019, 17:15 Uhr
Pausin Aus großen Knopfaugen schauen sie den Besuchern entgegen, der konsternierte Blick spricht Bände. Muss das jetzt sein, scheinen sie zu fragen. Die sechs jungen Turmfalken sind nicht unbedingt erfreut über den Besuch. Ja, doch ab und an ist die Kontrolle nötig und Konrad Bauer muss ein klein wenig die Kinderstube stören. Nur ein Blick in den Nistkasten werfen und dann schließt er die Holzklappe wieder, atmet erleichtert auf. Gesunder, prächtiger und vollständiger Nachwuchs.

Konrad Bauer ist passionierter Naturschützer beim Naturschutzbund (NABU) Osthavelland. Er ist spezialisiert auf sogenannte Turmvögel, also Vögel, die gern in höheren Gebäuden ihre Nester bauen. So wie die Turmfalken, die dieser Vorliebe sogar ihren Namen verdanken.

Zuletzt war Bauer vor zwei Wochen in der Pausiner Kirche und freute sich über den Bruterfolg. Fünf Junge fand er in dem Nistkasten und ein Ei. Das wurde nun offensichtlich erfolgreich ausgebrütet, mit dem Nachzügler sind es nun sechs fiepende und fortwährend hungrige Schnäbel, die die Eltern der Kleinen bedienen müssen. Zwei bis drei Mäuse frisst ein Turmfalke täglich und diese Mäuse sollten gut genährt sein. Mäuse sind die Hauptnahrung der eleganten Turmbewohner.

Die Natur gab ihnen, was es für die erfolgreiche Mäusejagd braucht. Turmfalken könnten den Urin von Wühlmäusen sehen, erklärt Bauer. Wo sie viel Urin erspähen, bleiben sie im Standschwebeflug quasi in der Luft stehen. Dabei nehmen die Flügel einen besonders großen Anstellwinkel ein, dass der sehr schnelle Flügelschlag keinen Vortrieb, sondern nur Auftrieb erzeugt. Rüttelflug nennt man das.

Eidechsen, Frösche und Insekten können die Ernährung ergänzen. Eher selten auch ein Sperling oder eine unaufmerksame Amsel. Tatsächlich sei die Jagdtechnik nicht für das Greifen anderer Vögel geeignet, erzählt Bauer. Taubenzüchter müssten sich wegen der Turmfalken nicht sorgen. Nicht nur wegen der Art des Jagens, denn der Turmfalke wiegt nur 200 bis 250 Gramm, Tauben sind ihm definitiv zu schwer. Ihre Verwandten, die Wanderfalken, freuen sich schon eher mal über ein Täubchen.

In etwa zwei Wochen werden die Jungvögel selbst ausfliegen. Statistisch betrachtet werden nur drei von ihnen älter als ein Jahr. Die Sterblichkeitsrate bei jungen Turmfalken liegt bei rund 50 Prozent. Noch im Nest müssen die Tiere den Marder fürchten. "Und war der Marder einmal in der Nähe der Brutstätte, merken sich die Vögel das und kommen nie wieder hierher zurück", weiß Bauer zu berichten.

Die Brutstätten vor Mardern zu schützen, ist oberstes Gebot für ihn. Vor Verkehrsunfällen kann er die Tiere ebenso wenig bewahren, wie vor Vergiftungen. In der Landwirtschaft eingesetzte Gifte gegen Mäuse gehen mit der Nahrungskette auch in den Organismus der Vögel über. Sie verenden jämmerlich. Für Bauer, der sich über jeden einzelnen Jungvogel freut, ist das jedes Mal ein Trauerspiel. Ist die Brut verloren, war es das für die Saison. Turmfalken brüten für gewöhnlich nur einmal im Jahr. Drei bis vier Junge ziehen junge Turmfalken-Eltern heran. Sechs Jungvögel lassen für Pausin auf ein erfahrenes Falkenpaar schließen.

Den Nistkasten für die Turmfalken in Pausin brachte Bauer 2015 an. Seit 2016 brüten die Turmfalken hier erfolgreich. Diese Nistkästen liefern den Vögeln eine enorme Sicherheit. Die Falken würden, wenn sie ein Einflugloch finden, auch ohne menschliches Zutun in den Türmen nisten. Dann bauen sie ihre Nester auf den hohen Dachbalken im Turm. Hier ist die Gefahr für die Jungvögel ungleich größer als in Bauers Nistkästen. Auf den Dachbalken des Kirchturmes droht die Gefahr eines Absturzes und den freien Fall aus dieser Höhe überleben die Tiere nicht. Ganz nebenbei bleibt auch das Kircheninnere sauberer.

Ungefähr 30 Nistkisten für Turmfalken hat Bauer inzwischen im Osthavelland angebracht. Etwa genauso viele sind es für die Schleiereulen, dazu kommen 45 Nistkästen für Dohlen. Die Nistkästen werden von ihm und zwei weiteren Ehrenamtlichen des NABU nicht nur aufgehangen, sie werden regelmäßig gereinigt, die Bewohner und ihr Nachwuchs dokumentiert.

Manchmal werden die Nistkästen, kaum das Bauer sie angebracht, auch schon bezogen. Wie schnell die neuen Bewohner einziehen, hängt von der Jahreszeit ab. Und ja, gelegentlich zieht auch eine andere als die ursprünglich gedachte Vogelart ein. Dann besetzt die Schleiereule schon mal den Turmfalkenkasten. "Auch in Ordnung", sagt Bauer. "Wir erheben keine Fehlbelegungsabgabe."

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