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Sommerserie
Mit 17 Meter Höhe schon ein "Berg"

Ulf Grieger / 01.07.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 02.07.2019, 09:20
Sophienthal (MOZ) Wer im Oderbruch höher hinaus will, der muss auf den Deich klettern. Der überragt das platte Land um mehrere Meter. Oder man schaut von den Höhenrändern ins Bruch – von Seelow etwa, von Bad Freienwalde oder Oderberg. Mitten im oberen Bruch gibt es aber eine alte, vom Strom  abgelagerte Sanddüne, die als "höchster Berg" des Oderbruchs gilt, den Garnischberg im Sophienthaler Polder. Schon vor 4000 Jahren  war er bewohnt. Bei Grabungen fanden Archäologen Überreste aus der Steinzeit. Lange führte der Weg zur Oderfähre über den Berg. Die Fähre setzte nach Klewitz (Chlewice) und Neumühl (Namyslin) über. Das Areal gehörte zu Kalenzig (Kalensko), von der es aber ab 1787 durch die Oderbegradigung abgeschnitten wurde.

Sage erzählt vom Prinzen

Die Höhenangaben schwanken von 16,2 bis 17 Meter. Zu DDR-Zeiten stand dort ein hölzerner Turm über dem trigonometrischen Punkt. Der Markierungsstein ist noch da. Der Turm allerdings wurde durch einen rot-weißen Pfahl ersetzt. Rings um diesen Hügel weiden die "Oderwiesenrinder" der Mila Genschmar und der AGO Zechin. Unweit fließt der Altoderarm "Jesargraben".

Es gibt eine Sage zu diesem Berg: Sie besagt, dass sich ein verzauberter Prinz darin aufhält. Als vor mehr als 500 Jahren in dieser Gegend das Christentum eingeführt wurde, ließ sich auch der Prinz taufen. Dadurch zog er sich den Hass seiner noch heidnischen Untertanen zu. Diese überfielen sein Schloss und wollten ihn töten. Der Prinz flüchtete in die dichten Wälder der Neumark zwischen Küstrin (Kostrzyn) und Bärwalde (Mieszkowice). Die Heiden verfolgten ihn aber und holten ihn bald ein. Am Garnischberg hatten sie ihn beinahe gefangen genommen. Plötzlich war er jedoch verschwunden. Der Christengott hatte ihn im Berg verborgen und noch heute sitzt er darin. Wem es gelingt, dreimal um den Berg zu laufen, ohne dabei zu atmen, der kann den Prinz erlösen. Am Johannistag, 12 Uhr, läutet im Innern des Berges ein Glöckchen. Aber nur Sonntagskinder hören es läuten. Vor einer Woche war es wieder so weit.

Der Berg, der sich in der Gemarkung von Genschmar befindet, ist seit 2018 durch eine Landmarke in Form eines "Gipfelkreuzes" sichtbar gemacht worden. Eingeweiht wurde es zur 5. "Kleinen Friedensfahrt", die die MOZ gemeinsam mit den Gemeinden Letschin und Bleyen-Genschmar sowie dem Gewässer- und Deichverband "Oderbruch" in Erinnerung an den vor 80 Jahren begonnenen Krieg veranstalten. Warum gerade dort?

525 ha Acker gewonnen

Vor 81 Jahren begann der damalige Deichverband mit der Umsetzung des Planes, zwischen Genschmarer Loose und Kienitz einen neuen Deich zu bauen und somit 800 ha Land in drei Poldern "dem Oderwasser zu entziehen". Die Originalkarten weisen detailliert den Verlauf des 9,6 km langen neuen Deiches aus, der den 14 Kilometer langen alten ersetzen sollte. Viele junge Männer aus dem Reichsarbeitsdienstlager und Kriegsgefangene waren am Bau des letztlich nur fünf Kilometer langen Deiches am Sophienthaler Polder beteiligt. Rund 525 ha fruchtbaren Ackers wurden gewonnen. Auf Schautafeln am Von-Haerlem-Blick in Sydowswiese wird der Deichbau dokumentiert. Die Kleine Friedensfahrt erinnert an den Naziterror nach innen, wie er in den RAD-Lagern herrschte, und an die Zwangsarbeit der Kriegsgefangenen, die ab 1939 flächendeckend eingesetzt wurden.

Heute nutzen Landwirte den Polder für die extensive Weidewirtschaft. Der Sophienthaler Polder ist Brutplatz der Brandgans. Auch der Wiedehopf und andere seltene Vögel sind dort heimisch. Deshalb gibt es auch keine Hinweise auf den Garnischberg. In diesem Jahr findet die Kleine Friedensfahrt am 25. August statt. Sie ist dem 80. Jahrestag des Kriegsgefangenenlagers gewidmet.  Das "Stammlager IIIc" in Drewitz bei Küstrin (Kostrzyn) war 1939 nach Kriegsausbruch eingerichtet worden.

Ausflugsziele entlang des Oderdeiches

Am "Von Haerlem-Blick" direkt am Deich bei Sophienthal können sich Besucher über weitere Ausflugsziele im Umland informieren. So gibt es den Verweis zum einzigen noch existierenden jüdischen Friedhof in Groß Neuendorf, zur Bockwindmühle in Wilhelms-aue oder zu den Letschiner Heimatstuben. Gewürdigt wird zudem das Wirken des Oberdeichinspektors Simon Leonard von Haerlem. Er lieferte das Gutachten und den Plan zur Trockenlegung des Oderbruchs vor 250 Jahren. Ihr folgte die Kolonialisierung. Viele neue Dörfer entstanden. ⇥dos

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Oderbruch Simon Leonard von Haerlem Hügel Seelow Sanddüne

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