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Geschichte
Der Bus, der zu den Bananen fuhr

Busse der Baureihe MAN 2H 75 verkehrten vor dem Mauerfall zwischen Tegel und der Autobahnabfahrt Stolpe. Allerdings schrieb die DDR vor, dass sie keine Werbung haben durften.
Busse der Baureihe MAN 2H 75 verkehrten vor dem Mauerfall zwischen Tegel und der Autobahnabfahrt Stolpe. Allerdings schrieb die DDR vor, dass sie keine Werbung haben durften. © Foto: Katrin Knoke BVG
Roland Becker / 01.07.2019, 20:00 Uhr - Aktualisiert 02.07.2019, 09:08
Hennigsdorf (MOZ) Sie war wohl eine der ungewöhnlichsten Busverbindungen Berlins: Die Linie 98 verkehrte zwischen Tegel in Westberlin und der Autobahnabfahrt Stolpe in der DDR.

Ehe am 20. November 1982 erstmals ein Linienbus der Westberliner BVG den Grenzübergang Stolpe bei Hennigsdorf überqueren konnte, dürfte es langer Verhandlungen mit der DDR bedurft haben. Einige dieser Bedingungen, die der sozialistische Staat an die den Kapitalismus mit dem Sozialismus verbindende Buslinie knüpfte, kann Dr. Burkhard Klein aus dem Effeff aufzählen: "Die Westberliner Busse durften keine Werbung an Außen- und Innenwänden haben. Und den Fahrern war es auf DDR-Gebiet verboten, den Betriebsfunk der BVG zu nutzen."

Rentner auf Einkaufstour

Solche und andere Geschichten wird der Berliner Hobbyhistoriker, der übrigens in Hennigsdorf arbeitet, am Sonnabend seinen Fahrgästen erzählen. Denn an diesem Tag wird auf Initiative der Traditionsbus GmbH ein Bus der Baureihe MAN E2H 75, der es mittlerweile auf stolze 39 Jahre bringt, nochmals die Strecke fahren. Was dabei fehlt: die Grenzkontrolle und der Umstieg mitten in der Pampa.

Nachdem 1972 der Grundlagenvertrag zwischen der DDR und der Bundesrepublik geschlossen worden war, rang der westdeutsche Staat dem Ulbricht- und später Honecker-Regime nach und nach kleine Erleichterungen im innerdeutschen Verhältnis ab. Eine solche stellte diese Buslinie dar. Rentner, die nach Westberlin wollten, mussten nicht über den Außenring bis Lichtenberg fahren, um von dort mit der S-Bahn den Bahnhof Friedrichstraße anzusteuern. Stattdessen stiegen sie am Hennigsdorfer Bahnhof in einen Bus. So ein richtiges Westgefühl kam dabei allerdings noch nicht auf, denn auf dem Postplatz stand kein Bus mit Westberlin-Kennzeichen, sondern einer der Marke Ikarus. Mit dem wurden die Rentner bis zur Autobahnauffahrt Stolpe gebracht. Auf einem eigens dafür erbauten Parkplatz stiegen sie in den Westbus um, der sie zum U-Bahnhof Tegel (heute Alt-Tegel) brachte. "An dem Bus mussten bei jeder Ein- und Ausfahrt sämtliche Klappen aufgemacht werden. Der Bus wurde ständig kontrolliert", erzählt Klein. Im Volksmund wurde das Fahrzeug gern Banane genannt, verraten Internet-Quellen. Das bezog sich einerseits auf die Farbe des Fahrzeugs, spielt aber auch auf die Bananen mitbringenden Rentner an.

Bis zum Mauerfall verkehrten nur Eindecker. "Wochentags saßen pro Fahrt nur zwei, drei Personen im Bus", berichtet der Hobbyhistoriker. Touristen, die von Westberlin aus die Industriestadt Hennigsdorf ansteuern wollten, dürften eher die Ausnahme gewesen sein. Mit dem Mauerfall änderte sich das rasant. Nun waren es Doppeldecker, die die Fahrgäste ohne nervende Grenzkontrolle nach Tegel oder Hennigsdorf kutschierten.

Die beiden für diesen Sonnabend angekündigten Traditionsfahrten sind bereits ausverkauft. "Wir überlegen aber, zum Maue rfall-Jubiläum das Angebot zu wiederholen", tröstet Klein. Jetzt werden es erst einmal 60 Interessierte pro Fahrt sein, die auf historischen Rädern rollen. Eigentlich würden 70 Personen Platz finden. "Wegen der Begrenzung der Hennigsdorfer Havelbrücke auf 17 Tonnen dürfen nur 60 Menschen im Bus sitzen", erläutert der Bus-Enthusiast. Und  einen weiteren Engpass will er sich in dieser Woche nochmals genau anschauen: Ob der alte Bus auch unter der Eisenbahnbrücke an der Feldstraße passt.

GrenzübergangStolpe

Hinter der Abkürzung GÜST versteckte sich im offiziellen DDR-Deutsch das Wort Grenzübergangsstelle. Die auf der Autobahn zwischen Heiligensee und Hennigsdorf hieß GÜST Stolpe. Sie wurde 1982 eröffnet.

Transitreisende zwischen Westberlin und der Bundesrepublik konnten ihn erst ab Weihnachten 1987 nutzen, bis dahin war er Skandinavien-Reisenden vorbehalten.⇥rol

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