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Bertolt Brecht
Näherung an einen treuen Polygamisten

Brecht und Frauen: Sabine Kebir (l.) und Gina Pietsch boten tiefe Einsichten.
Brecht und Frauen: Sabine Kebir (l.) und Gina Pietsch boten tiefe Einsichten. © Foto: Thomas Berger
Thomas Berger / 09.07.2019, 06:45 Uhr - Aktualisiert 09.07.2019, 08:20
Buckow Tiefe Einsichten über das komplexe Verhältnis Brechts und der Frauen gab es mit Sabine Kebir und Gina Pietsch in Buckow.

Es mag im Rahmen des Literatursommers im Buckower Brecht-Weigel-Haus eine der bemerkenswertesten, tiefgründigsten Veranstaltungen seit Jahren gewesen sein, wie auch Museumsleiterin Margret Brademann persönlich den ebenso unterhaltsamen wie spannenden Abend würdigte. Nicht zum ersten Mal stand das Thema Brecht und die Frauen auf dem Programm, immer wieder in der Vergangenheit war der Blick auf den einstigen Hausherrn und dessen neutral als kompliziert zu bezeichnendes Liebesleben geworfen worden. Dem Duo Sabine Kebir und Gina Pietsch, am Klavier ergänzt um Christine Reumschüssel, gelang aber das bisher vielleicht umfassendste Bild. Und ganz bewusst wollten die beiden Brecht-Kennerinnen, wie sie betonten, auch mit allerlei Vorurteilen und nachweislich irreführenden Darstellungen aufräumen.

Aus Liebe folgt Verantwortung

Brecht mag, so ließe sich zusammenfassend zu den knapp zwei Stunden formulieren, als Beweis dafür gelten, dass sich Treue und Polygamie nicht ausschließen. Nicht nur für die besonders lange als Ehefrau an seiner Seite stehende Helene Weigel, sondern auch die anderen mag zwar manches in der Praxis nicht immer leicht gewesen sein, wenn er mal wieder parallel auf Amors Pfaden wandelte. Doch hat er aus allen Liebschaften immer auch Verantwortung abgeleitet.

Das war, illustrierten Kebir und Pietsch, schon ganz früh der Fall, als er noch in Augsburg als junger Mann in Paula Bannholzer verliebt war, die dann auch von ihm schwanger wurde. "Sogar um ihre Hand hatte er danach angehalten", doch die potenziellen Schwiegereltern lehnten ab, sahen in ihm einen jungen Flegel ohne Zukunft. Sohn Frank kam 1919 zur Welt, und Brechts Beziehung zu Paula, der er zartfühlende Liebesgedichte widmet, dauerte insgesamt sieben Jahre. Schneller vorbei war es mit Jugendliebe Marie Rose Amann.

"Er liebte eigentlich immer selbstständige und selbstbewusste Frauen", so ein Grundtenor des Abends. Das galt auch für die Opernsängerin Marianne Zoff, die später Theo Lingen heiratete: "Ich schlief auch mit ihr und machte ihr ein Kind" – Sohn Stefan, der im November 1924 zur Welt kam. Fast zeitgleich war auch Helene Weigel von ihm schwanger. Die Nachricht erreichte Brecht in Italien, wo er mit Marianne auf Urlaub war.

Helli, "eine Charakterdarstellerin, die zunächst gar nicht in seine Rollen passte", heiratete ihn nicht nur, sondern hatte gemeinsam mit Hanns Eisler als frühe Linke großen politischen Einfluss auf den anfangs noch etwas orientierungslosen Brecht, führte Sabine Kebir aus. Und das "Lob der dritten Sache", eine Art Sprechgesang, erklärt ein bisschen die vielschichtige Verknüpfung von persönlicher Beziehungsebene mit dem gesellschaftspolitischen Wirkungsanspruch. Eben auf diese "dritte Sache" nahm er auch später Bezug, als er nacheinander bzw. teils parallel auch mit seinen engen Mitarbeiterinnen Elisabeth Hauptmann, Margarete Steffin und Ruth Berlau Liebschaften unterhielt. Gerade die Hauptmann wirkte an vielen Stücken mit, erhielt auch 30 Prozent der Tantiemen an der "Dreigroschenoper". "Brecht konnte Einwände recht schnell verarbeiten, das ging bei ihm wie mit einem Hackmesser", sagte sie später über das Zusammenwirken auf Augenhöhe.

Selbstbewusstes Gegenhalten

Ausdrücklich räumen Sabine Kebir und Gina Pietsch nicht nur bei diesem Zitat mit jenen Verurteilungen auf, Brecht habe als Macho seine Mitarbeiterinnen ausgebeutet. Ganz im Gegenteil: "Am liebsten aber nenne ich dich Muck, weil du, wenn du aufmuckst, mir so gut gefällst", heißt es auch im 10. Sonett für Grete, der er mit "Liebesgewohnheiten" zudem ein erotisch besonders deutliches Gedicht widmete. Die Steffin, aus einem Lichtenberger Arbeiterhaushalt stammende hochbegabte Solorezitatorin, als sie Brecht und Weigel traf, folgte dem Paar auch ins Exil, erlag aber in Moskau ihrer in Skandinavien wetterbedingt verschärften Tuberkulose. Ein Verlust, den er nur schwer verwindet: "Seit du gestorben bist, kleine Lehrerin, gehe ich blicklos umher ..."

Die Dänin Ruth Berlin, die für Brecht ihre Ehe mit einem Arzt aufgab, hatte u. a. an der "Kaukasische Kreidekreis" großen Anteil. Auch die späten Lieben in Berlin, Isot Kilian und Käthe Reichel, blieben nicht ausgespart. Und gewissermaßen als Sinnbild für all die starken Frauen stand am Ende noch mal das Lied der Seeräuber-Jenny. Bevor als Zugabe alle gemeinsam "Anmut sparet nicht noch Mühe" anstimmten.

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