Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ernährung
Bio-Waren werden massentauglich

Bio-Ware ist längst keine Sache kleiner Öko-Läden mehr – hier ein Beispiel von Lidl.
Bio-Ware ist längst keine Sache kleiner Öko-Läden mehr – hier ein Beispiel von Lidl. © Foto: Lidl
Nina Jeglinski / 09.07.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 09.07.2019, 16:34
Berlin (MOZ) Supermärkte, Anbauverbände, Öko-Giganten: Vom Siegeszug einer Allianz, die bis vor wenigen Jahren keine Gemeinsamkeiten hatte – und nun die schleichende Revolution der Landwirtschaft zum Ziel hat.

Auf den ersten Blick hat der Kunde den Eindruck, in einem herkömmlichen Supermarkt einzukaufen, doch in den Regalen finden sich Marken wie Rapunzel, Demeter oder Lebensbaum. Der Laden gehört der Bio Company. Die Supermarktkette hat das Gebäude aus den 60er Jahren in Berlin Moabit vor kurzem übernommen. In der Gegend eröffnen Galerien und Cafés. Das Gebiet rund um die Turmstraße ist komplett im Umbruch.

Das kann auch von der Bio­-Branche behauptet werden. Bio­-Lebensmittel sind längst keine Nischenprodukte mehr. 2018 gaben die Konsumenten in Deutschland 10,91 Milliarden Euro dafür aus, 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Zwei Drittel der Bio-Käufe wurden 2018 bei den großen, konventionellen Anbietern Rewe, Aldi und Lidl gemacht.

"Die Kunden nahmen das größere Angebot gern an", schreibt der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Zudem habe die Auswertung hunderter Forschungsergebnisse aus den vergangenen 30 Jahren durch das staatliche Thünen-Institut gezeigt: Bio hat beim Gewässer-, Boden und Klimaschutz, in Sachen Artenvielfalt und Ressourceneffizienz klar die Nase vorn und gelte zu Recht als ein Schlüssel auf dem Weg zu einem nachhaltigen Landwirtschaftssystem, heißt es beim BÖLW.

Mit der Zukunftsstrategie ökologischer Landbau (ZöL) setzte sich die Bundesregierung vor zwei Jahren eine konkrete Agenda. Demnach sollen bis 2030 mindestens 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland für den Bio-Anbau genutzt werden, derzeit liegt die Quote bei sechs Prozent.

Allerdings kennt der Bio-Trend nicht nur Gewinner. Während die Großanbieter und Ketten massive Zuwächse erlebten, mussten viele kleine Naturkostläden oder inhabergeführte Bioläden sogar schließen. "Ein Umbruch zeichnet sich ab, wie ihn der klassische Handel in den 70er Jahren erlebte, als Supermärkte und Discounter die Tante-Emma-Läden vom Markt fegten", bilanziert die Wirtschaftswoche.

Pionier der ersten Stunde

Einige Bio-Pioniere starten gerade voll durch. Zum Beispiel Demeter und Bioland. Demeter ist der älteste Bioverband Deutschlands, seit 1924 bewirtschaften Demeter-Landwirte ihre Felder nach streng ökologischen Vorgaben. Die Demeter-Landwirtschaft gilt als die nachhaltigste Form der Landbewirtschaftung. Während Demeter-Produkte bis vor kurzem nur im Hofladen oder einem Naturkostladen erworben werden konnten, findet man sie nun auch in Drogerien und Supermärkten mit überwiegend konventionellem Sortiment. Das hat dazu geführt, dass eingefleischte Demeter-Fans auch mal dm-Läden ansteuern.

Johannes Kamps-Bender, Demeter-Vorstand, sieht im starken Wachstum eine Gefahr: "Da der Biomarkt wächst und neue Käuferschichten erschlossen werden, sind auch Investitionen nötig. Aber auch der Weg des Geldes muss nachhaltig sein." Demeter finanziert sein Wachstum partizipativ, etwa über Biobodenfonds. "Die Basis des Biomarktes müssen mittelständische Strukturen bilden, die transparenten, fairen Strukturen und verlässlichen Beziehungen verpflichtet sind – und nicht dem Shareholdervalue."

Bioland, der andere Pionier neben Demeter, hat Anfang des Jahres einen Coup gelandet, der vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre: Das Biolabel verkauft einen Teil seiner Produkte nun beim Discounter Lidl. Und etliche Öko-Erzeuger und Bio-Bauern sind über solche Partnerschaften nicht unglücklich, steigen die Absatzchancen doch enorm an, wenn sich Bio zum Massenmarkt entwickelt. Die Branche erwartet auch für die kommenden Jahre Zuwächse. "Wir gehen davon aus, dass Bio in allen Segmenten wachsen wird", sagt Johannes Kamps-Bender.

Die Branche im Überblick

Insgesamt wirtschaften 31 122 Biobetriebe auf rund 1,48 Millionen Hektar Fläche ökologisch. Das sind elf Prozent der landwirtschaftlich Unternehmen und 8,2 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland.

Fast 940 000 Hektar (63,3 Prozent der gesamten deutschen Öko-Fläche) werden nach den besonders hohen Standards der Verbände bewirtschaftet.

Seit zehn Jahren wächst die ökologisch bewirtschaftete Fläche kontinuierlich, im Jahr 2017 um 9,7 Prozent.

Um das 20-Prozent­­-Ziel zu erreichen, müssten 30 000 bis 40 000 Landwirte zusätzlich auf Öko umstellen, die Fläche müsste sich mehr als verdoppeln.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG