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Stechlinsee
Tauchlehrerin Silke Oldorff: "Man hört nur seinen eigenen Atem"

Thomas Sabin / 10.07.2019, 13:09 Uhr - Aktualisiert 10.07.2019, 17:44
Neuglobsow (MOZ) Eine Leidenschaft hat die Naturschutztaucherin Silke Oldorff zur anderen geführt. Unterwasser hat sie Inspiration, Ruhe und eine wichtige Lebensaufgabe gefunden.

Mit schweren Schritten stapft Silke Oldorff durch den Sand am Ufer des Stechlinsees in Neuglobsow. Immer an ihrer Seite, ihr "Tauchbuddy". Über 30 Kilogramm Ausrüstung tragen die beiden am Körper. Unterwasser wird davon kaum noch etwas zu spüren sein. Ein letzter gegenseitiger Check. "Alles okay", geben sie sich mit Handzeichen zu verstehen. Dann schreiten sie voran. Ein paar letzte Luftblasen zerplatzen zwischen den seichten Wellen des Sees. Dann ist nichts mehr von ihnen zu sehen.

Es herrscht bestes Tauchwetter. Die Sonne zeigt sich bei jeder Gelegenheit zwischen den Wolken. Die Wassertemperatur liegt bei 21 Grad Celsius. Die Sicht im See sei heute etwas milchig, berichten andere Taucher. "Natürliche Carbonatfällung", tippt Oldorff und zwängt sich in der Tauchbasis Stechlin ins Neopren – ein Kraftakt.

Seit über zehn Jahren taucht sie nun schon. Das Projekt "Tauchen für Naturschutz" vereinte zwei Leidenschaften in Oldorffs Leben. "Natur und ihr Schutz haben mich schon immer interessiert", sagt die Landschaftsplanerin für den Naturpark Stechlin Ruppiner Land. Mit dem Projekt habe die 53-Jährige mit jugendlichem Lächeln und schwarzem Lockenkopf schon bald festgestellt, dass Wasserpflanzen sie ganz besonders inspirieren.

Es war 2008, als die Sporttaucher vom Tauchclub Nemitzsee auf sie zu kamen und fragten, ob sie im Schutzgebiet  tauchen könnten. Silke Oldorff hatte das nicht zu entscheiden, war jedoch skeptisch. "Ich wusste, dass man das nicht mit Müll sammeln, wie die Taucher vorschlugen, rechtfertigen kann", gesteht sie.

Damals wusste sie nicht viel vom Tauchen. "Erst dachte ich, dass es wieder nur eine Gruppe ist, die im Schutzgebiet ihrem Hobby frönen will", verrät sie. "Doch da völlig unklar war, wie es den 180 Seen im Naturpark geht, wie es Unterwasser aussieht, fragte ich die Taucher, ob sie Lust hätten, Wasserpflanzen zu kartieren. Sie waren sofort dabei". Und das Projekt war geboren. Sporttaucher wurden zu Bürgerwissenschaftlern und Naturschützer zu Sporttauchern. "Wir lernten von ihnen das Tauchen, sie von uns etwas über die Indikatoren der Gewässer". Das war der Schlüssel zum Erfolg.

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Bürgerwissenschaften werden immer populärer. Dabei werden Projekte von interessierten Laien durchgeführt. Sie melden Beobachtungen, führen Messungen durch, werten Daten aus. "Man möchte damit erreichen, dass sich die Menschen wieder mehr mit der Natur auseinandersetzen", erklärt Oldorff. Tauchen für den Naturschutz sei ein Paradebeispiel.

Im ersten Jahr hat sie noch am Ufer gestanden und auf die Wasseroberfläche geschaut. Im zweiten Jahr brachte man ihr das Tauchen bei. Sie wollte unbedingt in die Unterwasserwelt eintauchen, alles mit eigenen Augen sehen. Die Fische, die Pflanzen, die Farben. In all das hat sie sich verliebt. Zehn Jahre nach Projektstart ist ihre Leidenschaft für das Naturschutztauchen ungebrochen. Heute ist sie überzeugt: "Wir brauchen Taucher. Sie sind es, die berichten, wie es den Seen geht. Sie sind so eine Art Frühwarnsystem."

Naturschutztaucher tauchen ehrenamtlich. Über 3 000 Stunden haben sie allein im Naturpark am Grund der Seen verbracht. Das Projekt war so erfolgreich, dass es 2013 den Deutschen Naturschutzpreis gewann. Mittlerweile beteiligen sich über 20 Gruppen in elf Bundesländern.

Die Notwendigkeit des Projekts wird in einer Kleinen Anfrage des Abgeordneten Benjamin Raschke (Bündnis 90/Die Grünen) deutlich. Aus der Antwort des Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft geht hervor: den Seen in Oberhavel geht es schlecht.

Allein in Brandenburg erstreckt sich das Fließgewässernetz über 32 000 Kilometer und mehr als 3 000 Seen. Zu den berichtspflichtigen Gewässern, also jene, die eine Bewertung über den Zustand zulassen, gehören insgesamt 1 364 Fließgewässer und 190 Seen. 98 Prozent der Fließgewässer und rund 72 Prozent der Seen in Oberhavel sind demnach in einem schlechten Zustand. Im Vergleich: In Ostprignitz-Ruppin sind rund 93 Prozent der Fließgewässer und rund 92 Prozent der Seen in einem schlechten Zustand. Im Gesamtbild geht es den Gewässern in Brandenburg eher schlecht als gut.

Auf Herz und Nieren

Die Naturschutztaucher kämpfen dagegen an. Sie notieren bei jedem Tauchgang unter anderem die Deckung der Unterwasservegetation. Sie schauen, ob Grundrasen-Pflanzen, wie Armleuchteralgen, vorhanden sind. Sie suchen nach lebensraumtypischen Arten. Sie bewerten die untere Vegetationsgrenze, in welcher Tiefe die letzte Pflanze wächst. Und all das verrät ihnen, wie es einem See geht und was zu tun ist.

"Viele Faktoren sieht man Unterwasser auf den ersten Blick", sagt Silke Oldorff. Unterstützung bekommt sie von ihrer Truppe am Stechlinsee. "Wir haben einen Landmaschinenschlosser, einen Steinmetz, einen Verkaufsstellenleiter, einen Versicherungsmakler, einen Polizisten und eine Eisverkäuferin dabei. Gemeinsam prüfen wir die Seen auf Herz und Nieren".

Die Leute seien mittlerweile so sattelfest beim Bestimmen der Pflanzen, da könne sich manch ein Biologe eine Scheibe abschneiden, sagt sie stolz. Die Erkenntnisse, die sie vom Grund der Seen holen, seien von großem Wert und gehen deshalb in Forschungsarbeiten mit ein. Fast genauso wertvoll, wie das Gefühl, dass das Tauchen der Naturschützerin gibt.

"Unterwasser zu sein, das ist einfach der Wahnsinn. Man vertraut seinem Tauchpartner sein Leben an. In diese Weite hinein zu tauchen, das ist einfach toll. Man wird ganz ruhig, hört nur seinen eigenen Atem und wird eins mit dem Gewässer. Es ist eine Welt, die wir schützen und erhalten müssen."

"Oberhavel unterirdisch": In unserer neuen Serie stellen wir Orte und Plätze aus der Region vor, die sich unter der Erde befinden, und porträtieren Personen, die unterirdisch aktiv sind.

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