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Die Fantastischen Vier
"Alle wollten nur Udo Lindenberg hören"

Zurzeit auf Tour: Die Stuttgarter Musiker Michi Beck (vorn), Thomas D. (rechts) und Smudo touren noch bis Ende August durch Deutschland. Das zehnte Album der Fantastischen Vier – Captain Fantastic – erschien 2018.
Zurzeit auf Tour: Die Stuttgarter Musiker Michi Beck (vorn), Thomas D. (rechts) und Smudo touren noch bis Ende August durch Deutschland. Das zehnte Album der Fantastischen Vier – Captain Fantastic – erschien 2018. © Foto: dpa/Axel Heimken
Annika Funk, Conradin Walenciak / 13.07.2019, 14:30 Uhr - Aktualisiert 13.07.2019, 14:51
Dresden (MOZ) Die Fantastischen Vier um Smudo, Michi Beck, Thomas D. und And.Ypsilon sind seit 30 Jahren mit ihrem Hip-Hop erfolgreich. Am Rande eines Konzerts in Dresden sprachen Annika Funk und Conradin Walenciak mit Smudo und Michi Beck über die Anfänge ihrer Bandgeschichte, legendäre Auftritte und eine Polonaise in Schwedt. Ein unkompliziertes Gespräch – mit wortloser Einigung aufs Du.

Ihr habt in diesem Jahr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Das wird sicherlich gefeiert, oder?

Michi: Unser erstes Konzert als Die Fantastischen Vier haben wir am 7. Juli 1989 gespielt, also am vergangenen Sonntag vor 30 Jahren. Am Wochenende haben wir in Stuttgart deshalb mit all unseren Wegbegleitern ganz schön die Puppen tanzen lassen. Im Sommer 2020 gehen wir dann noch auf große Open-Air-Tour, quasi zum Abschluss unseres 30. Geburtsjahres.

Euren Durchbruch hattet Ihr 1992 mit dem Song "Die da!?!". Was wäre denn passiert, wenn Ihr diesen Durchbruch nicht gehabt hättet? Würdet Ihr dann heute trotzdem Jubiläum feiern? Oder wart Ihr von Anfang an nur darauf aus, großen Erfolg zu haben?

Smudo: Der Erfolg war schon wichtig für uns. Das musste am Anfang nicht gleich bedeuten, dass wir sofort in die Hitparade kommen und viel Geld verdienen müssen. Aber wir haben schon immer den nächsten Schritt angepeilt. Zu Beginn wollten wir erstmal ein Konzert veranstalten. Und dann wollten wir mal eine Schallplatte machen. So ging das dann immer weiter. Wichtig war aber vor allem, dass wir keine längere Phase von Misserfolg hatten. Ich glaube nämlich, dass der gemeinsame Erfolg unserer Arbeit lebensverlängernd wirkt.

Habt Ihr auch mal Sachen entgegen Eurer persönlichen Vorlieben gemacht, nur um eben diesen Erfolg zu haben?

Smudo: Es kommt schon vor, dass wir Kompromisse machen müssen zwischen unseren künstlerischen Wünschen und den Dingen, die betriebswirtschaftlich wichtig sind. Ein Beispiel dafür war unser Auftritt Anfang der 90er in der Schlagerparade "Musik liegt in der Luft" mit Dieter Thomas Heck. Da geht man eigentlich nicht hin als knallharter Hip-Hopper. Unsere Plattenfirma hat uns aber versichert, dass da zehn Millionen Zuschauer zugucken, die uns alle noch nicht kennen. Und unsere coolen Punkkumpels würden das eh nicht mitkriegen.  Was übrigens nicht stimmte.

Michi: Was auch nicht stimmte, ist, dass wir knallharte Hip-Hopper waren.

Smudo: Naja, jedenfalls ist das bis heute einer unser schrecklichsten Auftritte gewesen. Aber im Nachhinein würde ich trotzdem nicht sagen, dass das falsch war.

Michi: Es ist halt wahnsinnig kultig geworden. Diesen Ausschnitt haben hunderttausende Menschen gesehen.

Smudo: Also man kann nicht sagen, dass irgendwelche Fehler, die wir gemacht haben, hätten rückgängig gemacht werden sollen. Selbst Dinge, die nicht so gut liefen, haben uns vorangebracht.

Das heißt, Geld spielte schon eine große Rolle bei Euch?

Michi: Klar machen wir manche Dinge, die verkaufsfördernd sind und unsere Popularität erhöhen. Das würden wir nicht machen, wenn wir nicht verkaufen wollen würden. Aber die Grenze ist gezogen, wenn wir wirklich etwas nicht vertreten können.

Smudo: Aus künstlerischer Sicht haben wir diese Grenze noch nie übertreten.

Eure Band wird 30 Jahre alt, auch der Mauerfall liegt bald 30 Jahre zurück. Könnt Ihr Euch noch an Euer erstes Konzert im Osten erinnern?

Smudo: 1990 in Dresden. Das war einfach unvergesslich.

Michi: Das war etwas abstrus. Wir haben in der Uni-Mensa gespielt, keine Sau kannte uns, und alle wollten die ganze Zeit Udo Lindenberg hören. Keiner hat getanzt, alle standen hinten an der Wand, wir auf der Bühne und dazwischen ein leerer Raum. Als unser Manager nach unserem Auftritt dann noch Funk-Musik aufgelegt hat, waren die Leute restlos verwirrt. Die konnten mit der Musik einfach nichts anfangen. Das war also echte Pionier-Arbeit damals.

Smudo: Alle Beteiligten hatten einen Scheiß-Abend. Die Gäste wie auch wir.

Michi: Unser Hotel war auch krass.

Smudo: (lacht) Das Sommerhotel Dresden. Das sah aus wie komplett aus Holz geschnitzt und was auch unvergesslich war…

Michi: Der Burger King-Wagen vor dem Hotel. Gerade ist die Mauer gefallen und als allererstes war Burger King da.

Smudo: Das war so nachkriegsmäßig. Wir kommen da am Bahnhof an, und es sieht aus wie auf einem russischen Basar. Überall wurden DDR-Sachen verkauft oder auch Cola-Dosen, ein tierisches Durcheinander und Gewusel und mittendrin zwei Trucks von Burger King. Das war so absurd.

Welche Erfahrungen habt Ihr denn mit den Menschen kurz nach der politischen Wende in Ostdeutschland gemacht?

Smudo: Wir haben da ganz erstaunliche Erfahrungen gemacht. Entweder sind die Leute auf unseren Konzerten mit einer großen Offenherzigkeit und Neugier auf uns zugekommen oder eben mit Ablehnung. Ich erinnere mich auch noch an einen wirklich legendären Abend in Schwedt. Das war damals glaub ich schon Platz vier in den Nazi-Charts

Michi: Platz zwei.

Smudo: Ne, ich weiß noch: Platz vier. Also meiner Meinung nach ist Schwedt ja auch ein ganz trauriges Beispiel dafür, wie eine Stadt veröden kann. Die Bühne, auf der wir da gespielt haben, wurde mittlerweile von den Faschos abgebrannt. Das heißt, der Spaß ist dann also auch schonmal weg. Die restlichen Leute, die noch da waren, sind auch noch weggezogen. Und der arme Bürgermeister sucht händeringend nach irgendwelchen Gründen, dass man in Schwedt bleiben soll. Und da haben wir gespielt, als Haupt-Act auf der Kulturbühne.

Hat den Leuten Eure Musik gefallen?

Smudo: Die hatten keine Ahnung, was wir da machen. Aber die Stimmung war gut, es war Stadtfest, es war schönes Wetter und am Nachmittag ist dann noch eine lustige All-Star-Ossi-Band aufgetreten. Die haben die Hits aus Ost-Deutschland gespielt und alle haben mitgesungen. Die Band hat die Besucher dann auch noch animiert: ‚Und jetzt alle Polonaise‘, dann haben die alle Polonaise gemacht. Und wir stehen da und fragen uns, was denn jetzt hier gerade los ist. ‚Und jetzt alle auf den Rücken!‘ Dann haben sich alle auf den Rücken gelegt. ‚Und jetzt Fahrrad fahren!‘ Dann haben alle mit den Beinen in der Luft gestrampelt, als ob sie Fahrrad fahren würden. Das war unglaublich.

Michi: Ehrlich? Das hab ich alles schon verdrängt.

Nochmal zurück zu den Nazis in Schwedt: Würdet Ihr sagen, dass das ein ostdeutsches Problem ist?

Smudo: Ich bin kein Freund davon, das Image zu pflegen, dass nur im Osten Deutschlands die Nazis sind. Die sind leider überall. Aber speziell in Schwedt war das damals schon was Ordentliches. Wir kommen da an mit unserem Promotion-Fahrzeug – ein alter Opel Admiral – und der ist uns liegengeblieben an der Tankstelle. Auf einmal steht so eine Glatze vor uns, breites Kreuz, mit seinen beiden beglatzten Freunden. ‚Na wat seid ihr denn für Wessi-Vögel?‘ Da war uns klar, ein falsches Wort und es gibt aufs Maul. ‚Ick kenn´ mich aus mit Autos. Wahrscheinlich der Anlasser.‘ Dann holt der einen Hammer raus und haut damit auf unseren Anlasser drauf. ‚Mach nochmal an.‘ Lief natürlich nicht. ‚Pech. Ist im Arsch. Tschau.‘ Und dann ist der abgefahren. Wir haben dann den Wagen 60 Kilometer nach Berlin abschleppen lassen.

Michi: Man muss dazu sagen, das Bedrohliche war ja nie der Hammer, sondern die 16 Glatzenfreunde, die da noch rumstanden.

Smudo: Die 16-jährigen Glatzenfreunde.

Michi: Ne, ne, da stand schon noch eine ganze Clique rum.

Smudo: Wir haben das offensichtlich vor lauter Panik unterschiedlich abgespeichert. Aber das war auf jeden Fall einer unserer krassesten Ost-Gigs. Wir hatten aber auch viele schöne Gigs im Osten.

Gibt es heutzutage noch Unterschiede zwischen Konzerten im Westen oder Osten Deutschlands?

Michi: Eine Zeit lang haben wir immer gesagt, dass die Leute im Osten mehr abgehen. Aber inzwischen ist das ausgeglichen.

Wünscht Ihr Euch irgendetwas aus der Wendezeit zurück?

Michi: (lacht) Weniger Falten.

Smudo: (lacht) Mehr Haare. Bisschen weniger Bauch. Solche Sachen. So ganz persönliches Zeug.

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