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"In fremden Gärten"
Geteilte Kolonie - gemeinsame Leidenschaft

Alexandra Gebhardt / 14.07.2019, 09:15 Uhr
Brandenburg (MOZ) Mehr als 28 Jahre trennte die Berliner Mauer den Osten und Westen der Stadt, ehe sie mit der Wiedervereinigung Deutschlands am 9. November 1989 fiel. Ein Schicksal, auf das die Mitglieder Kleingartensparte "Helgoland" wohl nicht mehr hoffen dürfen.

Sie besteht bereits seit 1903, feierte im vergangenen Jahr ihren 115. Geburtstag und ist damit die älteste Gartensparte Brandenburgs – und eine der größten. Vormals 123 Parzellen gehörten zum Kleingartenverein, ehe Ende der Siebzigerjahre der Bau der Otto-Sidow-Straße, mitten durch die Kolonie, den Abriss von mehr als einem Dutzend Parzellen als auch dem einstigen Vereinsheim forderte.  Seitdem befindet sich ein Teil "Helgolands" zwischen der Otto-Sidow-Straße und der "Grünen Aue", der größere liegt zwischen Otto-Sidow- und Franz-Ziegler-Straße.

"Diese Situation macht unsere Gartensparte schon einzigartig, war vor allem zu Beginn jedoch nicht immer leicht. Die Mitglieder waren auf einmal auseinandergerissen, durch eine stark befahrene Straße getrennt. Deshalb dauerte es schon ein paar Jahre, bis man sich als Sparte gemeinsam wiederfand", erzählt Uwe Braun, der den Vorstand der Gartensparte inne hat – und das, obwohl der 60-Jährige eigentlich gar kein hausgemachter Gartenfreund ist. "Ich war immer vom Campen begeistert, habe mit meiner Frau viel Zeit in unserem Wohnwagen auf Kienwerder verbracht. Als wir das aufgegeben haben, wollte ich das Grün und die Natur jedoch nicht missen und habe mich 2007 für meinen Garten hier entschieden."

Wie groß die Lust am Gärtnern und der Position im Vorstand heute ist, ist ihm jedoch sofort anzumerken: noch während des Rundgangs durch die Sparte hat er ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte, die die Mitglieder plagen, bietet Hilfe an, wo er kann. Und das, obwohl der Vorstand für diese Fälle eigentlich extra eine monatliche Sprechstunde eingerichtet hat. "Für kleinere Anfragen nehmen wir uns natürlich auch zwischendurch Zeit", sagt Katharina Bauermeister, die Uwe Braun im Vorstand und als Gartenfachberaterin unterstützt. Sie pflegt eine innige Beziehung zu "Helgoland", denn schon die Mutter der 37-Jährigen hatte ihren Garten in der Kolonie. "Ich bin hier praktisch mit aufgewachsen, deshalb liegt mir die Sparte sehr am Herzen, auch wenn ich als Hausbesitzer mit Garten hier keine eigene Parzelle mehr habe. Mitglied kann man ja zum Glück auch so sein", so Bauermeister.

So engagiert sich das Duo jedoch auch zeigt – leicht wird ihnen die Arbeit im Vorstand längst nicht immer gemacht. Zunehmend hat der Kleingartenverein – wie so viele Sparten in der Havelstadt – mit unzuverlässigen Pächtern zu tun. Das beginnt beim Nicht-Bewirtschaften der eigenen Parzelle und endet beim Nicht-Bezahlen der fälligen Pacht. Ein echtes Ärgernis für Uwe Braun und Katharina Bauermeister, die oft nur machtlos dabei zusehen können, wie so mancher Garten nach und nach seinem Schicksal erliegt. "Gerade jetzt im Sommer, wenn es sehr heiß ist, reichen zwei, drei Wochen ohne Bewässerung, um den Garten verkommen zu lassen. Wir selbst können da jedoch wenig tun, weil es uns nicht gestattet ist, ohne Zustimmung auf die Parzelle zu gehen. Und bis man eine Enteignung beim Kleingartenverband erwirkt hat, kann es mitunter Monate dauern", erklärt Uwe Braun das Ärgernis.

Weil Zusammenhalt bei "Helgoland" jedoch groß geschrieben wird, werden auch solche Situationen gemeinsam gemeistert. Erst kürzlich wurde während eines freiwilligen Arbeitseinsatzes übers Wochenende eine verwahrloste Parzelle wieder hergerichtet, soll nun einen neuen Pächter finden. "Leider kann man bei der Vergabe nicht immer in die Menschen hinein schauen. Viele sind zunächst einmal Feuer und Flamme für einen Garten, merken dann aber, wie viel Arbeit und Zeit für eine Parzelle von 400-500 Quadratmetern nötig ist", so Bauermeister weiter.

Erfreulich sind für den Vorstand deshalb umso mehr Gärten wie jener von Birgit Muschert. Sie hat aus ihrer Parzelle, die sich bei der Übergabe ebenfalls in einem vernachlässigte Zustand befand, ein wahres Kleinod gemacht. Hübsch blühen rechts des Weges duftende Blumen, während zu linker Hand grüne Bohnen, Kartoffeln und Zwiebeln gedeihen. Gut zehn Jahre Arbeit hat Muschert in diesen Zustand investiert, zufrieden ist sie jedoch noch lange nicht. "Ich habe immer wieder neue Ideen und Dinge, die mir nicht so ganz zusagen. Deshalb ist der Garten für mich eine Art schönes Endlosprojekt", so die Brandenburgerin.

Nicht selten wird so viel Engagement auch belohnt. "Wir planen, den Garten von Frau Muschert beim Kreisverband für eine Auszeichnung vorschlagen zu lassen", zeigen sich Uwe Braun und Katharina Bauermeister stolz. Verliehen werden könnte er dann schon bald im Rahmen des nächsten Spartenfestes.

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