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Historisches
Mit Weltruf – im Traum nicht erhofft

Manfred Lutzens / 14.07.2019, 10:00 Uhr
Brandenburg Brandenburg. Wenn es demnächst mit den Deutschen Meisterschaften im Kanu-Polo (8.-11.8.) sowie danach im Kanu-Rennsport (27.8. -1.9.) weitere Wettkampf-Höhepunkte auf dem Beetzsee gibt, ist die Regattastrecke bereits 50 Jahre alt. Denn am kommenden Dienstag besteht diese Sportstätte genau ein halbes Jahrhundert. Seit langem hat sie sich einen ausgezeichneten Ruf in aller Welt erworben, wird mehr denn je allen Ansprüchen gerecht. Und darauf ist unser Brandenburg stolz.

Berechtigter Stolz erfüllte aber bereits auch die Erbauer sowie alle, die irgendwie Anteil daran hatten, dass dieser Regattakurs Kurs an jenem Mittwoch, dem 16. Juli 1969, eingeweiht werden konnte. Darüber berichtete, neben vielen anderen Journalisten, auch der damalige Lokalredakteur Georg Jopke in den "Brandenburgischen Neuesten Nachrichten", die zuvor das Wachsen und Werden mit vielen aktuellen Beiträgen anschaulich begleitet hatten: "Gestern Vormittag, 11 Uhr: Oberbürgermeister Reinhold Kietz empfängt bei prächtigem Wetter am Eingang des Sportgeländes die zahlreichen Ehrengäste, die zur feierlichen Übergabe dieses imposanten Baus nach Brandenburg gekommen sind (...). Die ‚Väter’ der Regattastrecke, Fritz Sumpf und Alfred Prollius, die Hervorragendes als ehrenamtliche Bauleiter geleistet haben, werden als ‚Aktivisten’ ausgezeichnet."

Zwei Tage danach folgte am Heinrich-Heine-Ufer vor nahezu 30 000 (!) Besuchern die Eröffnungsveranstaltung zum 1. Verbandstreffen der Ruderer. Und dieses Stelldichein der mehr als 4000 Aktiven aus 112 Klubs und Sportgemeinschaften erwies sich zugleich als eine riesige, mit Bravour bestandene erste Bewährungsprobe für Brandenburgs neue Wettkampfstätte. Dort, wo schon seit 1883 gerudert wurde und bald danach Kanuten ebenfalls ihre ersten Bahnen zogen, hatte sich nun ein lang gehegter Wunsch(-traum) erfüllt. Maßgeblich beteiligt waren daran die überaus engagierten, ja geradezu von der Idee besessenen Sportler der hiesigen BSG Einheit in ihrem Bootshaus an der Hammerstraße. Allen voran die zwei vorgenannten, so umtriebigen Havelstädter. Im Wissen um derartiges Potential hatte der Deutsche Turn- und Sportbund sich im März 1967 eben auf Brandenburg orientiert.

Schon drei Monate später gab es "grünes Licht" für dieses  bedeutende, ja, schier unmögliche Vorhaben. Gleichermaßen wurde die Grundkonzeption für den Bau der Strecke am Westufer des Beetzsees bestätigt. Dabei hinterließen vornehmlich die hiesigen Architekten Hartmut Töpel und Horst Grätz ihre Handschrift. Wie schon zuvor beim Errichten des Volksbades (siehe BRAWO vom 16. Juni) gelang es, innerhalb des sogenannten, von der Nationalen Front gelenkten "Mach-mit!"-Wettbewerbs enorme Initiativen zu entfachen. Abermals mußten vielerlei Probleme und Schwierigkeiten gemeistert werden. Dabei wurden wiederholt abenteuerlichste Wege beschritten, sogar geltende Vorschriften gelegentlich umgangen. Den Auftakt zu jenem zweifelsohne gewagten, planmäßig und finanziell nicht unterlegten Projekt gab es am 15. September 1967. Nach nur gut eineinhalb Jahren Bauzeit war schließlich das "Werk"  vollbracht. Sportler und viele weitere Havelstädter, überdies wiederum auch Soldaten der Volks- und der Sowjetarmee, hatten in ungezählten Einsätzen tatkräftig Hand angelegt.

Sie alle trugen ebenso wie eine Reihe von volkseigenen Betrieben, Handwerkergenossenschaften und etlichen damals noch privaten Firmen - so beispielsweise die Schlosserei Windeck - mit Eigenleistungen im Wert von nahezu einer dreiviertel Million Mark zum Gelingen bei. Eine Plakette am markanten, 15 Meter hohen Zielrichterturm aus jener Zeit - diese Stahlkonstruktion mit ihren Glas-Aluminium-Fassadenelementen wurde zum unverwechselbaren Symbol der Regattastrecke -, erinnerte alsbald daran. Außerdem entstanden auf dem weitläufigen Gelände ein 36 x 12 Meter großer, für 800 Sportler konzipierte Sanitärtrakt, die offene Zuschauertribüne sowie der 12 000 Quadratmeter  umfassende Sattelplatz für 360 Ruderboote. Nicht zu vergessen die von Ingenieur Dieter Zechmeister aus der Betriebsakademie der Energieversorgung konstruierte 4,20 x 2,60 m große elektrische Anzeigetafel. Nachdrücklich verwiesen die "Pioniere" der Regattastrecke darauf, dass diese als 12. in der Welt nach dem Albaner System angelegt worden war. Mit seinen transportablen, absenkbaren Stahlseilen sowie den farbigen Bojen ließen sich die von den Ruderern und Kanuten benötigten sechs bzw. neun Bahnen bestens markieren. Zum anderen gab es eine Weltpremiere: feste Anlagen auf drei Punkten ermöglichten Starts im Fünf-Minuten-Abstand. Zweites Novum: Die Wettkämpfe wurden nun ohne Schiedsrichter-Begleitboote gefahren. So war es gerade folgerichtig, dass dem Regattakurs, der ohnehin schon den Bestimmungen des Weltruderverbandes FISA entsprach, nach wenigen Monaten die Klassifizierung für internationale Vergleiche, bis hin zu Europamameisterschaften, zuteil wurde. Übrigens, um die erforderliche Breite für die Wettkampfstrecke zu schaffen, wurde schon damals der Hünenstieg (nicht "-steg"!) erheblich "angeknabbert". Die dabei dort abgebaggerten Sandmassen bilden seitdem, aufgespült an der Massowburg, den Strand für die dort entstanden Freibadestelle. Und direkt neben dem Sattelplatz erhob sich fortan die zunächst als Freisitzfläche konzipierte Gaststätte, das von HP-Schalen gebildete sogenannte Adlerdach.

Ein dringend benötigtes Hotel indes konnte vornehmlich aus finanziellen Gründen nicht errichtet werden. Schließlich sei hier eine Begebenheit aus der Phase des schwierigen Aufbaus der Regattasrecke, deren erster Leiter Walter Neinert war, geschildert. Gelang es doch, binnen 24 (!) Stunden, von der Brielower Brücke aus bis hin zum Eingangsbereich eine asphaltierte Strasse anzulegen. Bis 1990, dem Ende der DDR, war unsere Stadt dann Austragungsort von 365 Veranstaltungen. Dazu gehörten auch internationale Vergleiche, tolle Motorbootrennnen sowie andere wassersportliche Wettbewerbe. Höhepunkte auf dem in gewissen Abständen weiter verbesserten Kurs bildeten in diesem Zeitraum die Ruder-Europameisterschaften der Frauen sowie die Junioren-Welttitelkämpfe 1972 bzw. 1985. Seit der politischen Wende (1989) wurde die Regattastrecke mit hohem finanziellen Aufwand, der in die Millionen geht,  etappenweise nach modernsten Gesichtspunkten gestaltet. Das reicht bis hin zu überdachten und erweiterten Tribünen, einem erneut "verschobenen" Hünenstieg und dem nun allen Ansprüchen gerecht werdenden Zielrichterturm. Er verdeutlicht in Harmonie mit der ursprünglichen Konstruktion wohl bestens, welche Entwicklung diese Sportstätte genommen hat. Und über ihren 50. Geburtstag am Dienstag, dem 16. Juli, hinaus wird sie auch künftighin von sich weltweit reden machen. Mehr als 1000 nationale und internationale Veranstaltungen trugen bisher schon maßgeblich dazu bei.

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