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Die 87-jährige Panketalerin Anna-Maria Reichwald hat die Werke von Mutter und Bruder jetzt in einem Buch herausgegeben.

Gedichtband
Auf den Schwingen der Poesie

Andrea Linne / 14.07.2019, 12:00 Uhr
Panketal (MOZ) Das Leben hat sich auf ihren Rücken gelegt. Und doch strahlt die 87-jährige Anna-Maria Reichwald Freude aus. In Händen hält sie einen Band mit Gedichten ihrer Mutter Irmgard Sassenroth und Zeichnungen und Versen des geliebten Bruders Gotthard. Beide leben nicht mehr. Geblieben aber ist die Poesie, die sich irgendwie auch durch das Leben der alten Dame zieht.

Lange trug sie sich mit dem Gedanken, die fantasievollen Gedanken ihrer Mutter in einer Sammlung herauszubringen. "Die Buchhändlerin aus Panketal, Sabine Bache, hat mich an den kleinen Bernauer Verlag von Andrea Schröder vermittelt. Das war ein Glück", erzählt die Herausgeberin. Kleine Bücher liegen vor ihr auf dem Tisch, teils eng beschrieben in Sütterlin-Schrift. "Als Kind waren mir zwar die Hefte gegenwärtig, aber wir durften sie nicht anfassen", erinnert sich die Seniorin, die auch schon eigene Gedanken zu Papier gebracht hat. Als dann die Schwester starb, die den Fund verwahrt hatte, und das Ehepaar Reichwald vom Haus in eine Wohnung umzog, fielen ihr die Werke der Mutter wieder in die Hände. "Mein liebstes Gedicht heißt Zwiesprache. Meine Mutter hat es für mich geschrieben, als sie mit mir schwanger war. Das berührt mich noch immer sehr", sagt die frühere Außenhandels-Mitarbeiterin, die mehrere Fremdsprachen spricht. Ihren Mann Manfred heiratete sie vor 65 Jahren. In wenigen Tagen wird diamantene Hochzeit gefeiert. "Still, mit der Familie", sagt Anna-Maria Reichwald.

Lyrischer Schatz

Das dichterische Talent der Mutter, die aus gutem Hause stammte und später gegen den Willen ihrer Eltern einen Gärtner heiratete und mit diesem vier Kinder bekam, vererbte sich auch auf Bruder Gotthard. Doch während Irmgard Sassenroth, erzählt Tochter Anna-Maria, versuchte, die Kinder durchzubringen, später sogar als Neubäuerin, woran sie scheiterte, starb der Vater im Februar 1947 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Gotthard, der gern im Wald herumstrich, spielte mit Kriegsmunition. Das Unglück ereignete sich 1949, da war Anna-Marias Bruder gerade 15 Jahre alt. "Der Verlust ihres Gefährten, unseres Vaters, hat ihre Kraft geschwächt, und den tragischen Tod ihres Kindes Gotthard hat sie nie verwunden. Von diesen Schicksalsschlägen hat sich Mutter nie erholt", weiß die Panketalerin zu erzählen, die selbst drei Kinder und Enkel hat. Sie hält kurz inne, streicht mit den Händen über Fotos und kleine Erinnerungsstücke. Alles hat sie liebevoll verwahrt, auch wenn sie sonst eher pragmatisch an das Leben herangeht. Weiß sie doch, wie sehr die Mutter Kraft darin fand, sich auszudrücken und ihren Schmerz niederzuschreiben.

Dass viele der Zeilen schwermütig, ja traurig klingen, aber doch immer der Blick aus dem Fenster oder in die Sonne geht, das ringt der Tochter noch heute Hochachtung ab. "Meine Mutter hat außerdem alles aufgehoben, was Gotthard auf Papierfetzen schrieb oder zeichnete." Vieles davon ist in dem Gedichtband verwahrt und nachzublättern. Auch wenn Anna-Maria Reichwald in ihrem Leben viele Jahre in Moskau verbrachte, später auf Kuba, von Berlin nach Panketal kam und einen großen Freundes- und Bekanntenkreis hat, so hat sie der "lyrische Schatz" ihrer Mutter doch nie losgelassen. Das anthroposophisch geprägte Leben der Eltern, der Vater probierte sich schon in den 1930er-Jahren in biodynamischer Gärtnerei, ringt ihr Staunen ab. Getragen von viel Gefühl möchte sie die erhaltenen Texte aber auch für die nachfolgenden Generationen verwahren.

Verlegerin Andrea Schröder spricht voller Hochachtung von Anna-Maria Reichwald. "Die Texte, die sie mir übergab, waren sensible und gefühlvolle Verse, denen so viel Kraft, Leid und Sehnsucht, aber auch Glück und tiefe Dankbarkeit innewohnt, das ich überwältigt war. Die Texte geben Zeugnis der damaligen Zeit, Gedanken und Gefühle in einer teils schweren, dunklen Zeit, die ohne Hoffnung gar nicht möglich war." Darin liegt für die Bernauer Geschäftsfrau auch das Aktuelle, noch Gültige. "Ich weiß, dass diese Gedichte wahrscheinlich nur ausgewählte Menschen ansprechen, nicht die breite Masse. Dennoch wollen wir diesen großen Schatz gerne in die Welt hinaussenden."

Das Buch "Gedichte und Gedanken 1925–1950" von Irmgard und Gotthard Sassenroth ist im Verlag Andrea Schröder erschienen, ISBN: 9-783944-990309, 15,95 Euro.

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