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Marie Biering erinnert sich an den 9. November 1989 und wie verunsichert alle waren.

Serienstart
Nach dem Mauerfall: Keiner wusste, was kommt

Blättert in alten Unterlagen: Marie Biering war 39 Jahre Bürgermeister von Neu Mahlisch.
Blättert in alten Unterlagen: Marie Biering war 39 Jahre Bürgermeister von Neu Mahlisch. © Foto: Johann Müller
Doris Steinkraus / 16.07.2019, 06:00 Uhr
Neu Mahlisch (MOZ) Der Abend des 9. November 1989 ist an Marie Biering schlichtweg vorbeigegangen. "Am Tage habe ich  Bekannten bei einer Geburtstagsfeier geholfen", erinnert sich die Neu Mahlischerin. "Und am Abend hatten wir Gemeindevertretersitzung. Damals gab es Internet und Handy noch nicht. Mein Mann und ich haben die Maueröffnung erst am anderen Morgen mitbekommen." Ihr Mann war Fahrdienstleiter bei der Bahn in Seelow, musste zeitig raus. Als sie vom Fall der Mauer im Radio hörten, konnten sie es kaum glauben. Aber dann sei das im Laufe des 10. November natürlich bei allen schnell rumgewesen. "Alle fragten wir uns nur, was jetzt wohl kommt", erinnert sich die 83-Jährige.

Rente wurde im Dorf ausgezahlt

Am Arbeitsalltag habe sich erst mal gar nichts geändert. Marie Biering war Bürgermeisterin in dem kleinen Ort, so wie schon ihr Vater Otto Starke (1946 bis 1962). Die Tochter sollte das Amt gleich übernehmen, doch das wollte sie nicht. "Ich habe mich aber in den Gemeinderat wählen lassen und dann schon einiges für die Gemeinde gemacht", erzählt die Seniorin. Sie übernahm die Buchhaltung. Steuern brachten die Hausbesitzer damals noch in die Bürgermeisterei und die Rente wurde auch dort bar ausgezahlt. Marie Biering fuhr meist mit dem Fahrrad nach Seelow, um sie zu holen. "Angst hatte ich nie", sagt sie lachend. 1969 wurde sie letztlich doch Bürgermeisterin und das sogar hauptamtlich.

Dann folgte ein Beschluss des DDR-Ministerrates, wonach es den hauptamtlichen Posten nur noch in Dörfern mit mehr als 300 Einwohnern gab. Marie Biering ging ins Ehrenamt, bekam aber für Buchhaltung, Bibliotheksbetreuung und Reinigungsarbeiten Geld. Mit dem Ertrag der kleinen Wirtschaft zu Hause habe es letztlich gereicht.

Als Bürgermeisterin durfte sie keinen Kontakt in den Westen haben. Heute kann sie nur noch darüber schmunzeln. Als die Mauer fiel, ließ sie sich mit ihrem Mann noch bis März 1990 Zeit für einen ausgiebiigen Westbesuch bei Verwandten. Ende November seien sie aber nach Westberlin gefahren und hätten sich das Begrüßungsgeld geholt. "Wir sind am Adenauer Platz ausgestiegen und waren erst mal enttäuscht von dem berühmten Kudamm", weiß sie noch. Es sei recht schmutzig gewesen und überall habe Hundekot gelegen. "Wir haben bei Bolle zwei Beutel Mandarinen gekauft. Das war unser erster Westausflug."

Viele waren verunsichert

Zu Hause habe erst mal große Verunsicherung geherrscht. Es gab monatliche Dienstberatungen der Bürgermeister beim Rat des Kreises. Bei den ersten Runden nach dem Mauerfall wusste keiner, wie es nun weiter geht. Also machte jeder erst mal so wie gewohnt. Marie Biering wollte weiter mitgestalten, wurde im Mai 1990 wiedergewählt, blieb bis 2008 im Amt und war damit damals dienstälteste Bürgermeisterin des Altkreises Seelow. Da hatte sie schon all die Umwälzprozesse hinter sich – Amtsbildung, neue Verwaltungsstrukturen, Verordnungen und Gesetze, die Gründung des Wasserverbandes. 2010 wurde sie Ehrenbürgerin der Gemeinde Lindendorf, zu der Neu Mahlisch seit 2003 gehört. Es sei eine spannende und aufregenden Zeit gewesen, sagt sie. Vieles habe sich verändert, nicht alles sei besser. Doch ihr gehe es gut. Sie organisiert noch immer für die Senioren Veranstaltungen, kümmert sich. Es liegt halt im Blut.

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