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Auf dem hohen Mühlenberg thront Neuenhagens ziegelroter Wasserturm.

Hoch hinaus
Weitblick auf Berlin – vom Neuenhagener Rathausturm

Irina Voigt / 16.07.2019, 07:00 Uhr - Aktualisiert 16.07.2019, 08:44
Neuenhagen Das Neuenhagener Rathaus ist etwas Besonderes. Hier schaut man aus 40 Metern Höhe bis zum Fernsehturm oder zum Flughafen nach Schönefeld als auch in eine spannende und bewegte Vergangenheit. Die Worte, die der damalige Ortsvorsteher Max Thormann im Mai 1925 zur Grundsteinlegung sagte, haben auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren: "Nicht stets gewann, wer kühn gewagt. Doch stets verlor, wer feig verzagt."

Der Bauboom hatte mit der Inbetriebnahme der Ostbahn begonnen, die einen Anschluss an die Großstadt im 30-Minuten-Takt für gerade einmal 30 Pfennige ermöglichte. Andersherum zog es Berliner daraufhin ins Grüne, wo sie billige Baugrundstücke und kleine Parzellen für Einfamilienhäuschen oder Wochenendlauben fanden.

Wasserversorgung als Problem

Wie beim Ortschronisten Dr. Erich Siek nachzulesen ist, besitzt die Gemeinde seit 1877 eine regelmäßig gewählte Vertretung, die bis 1919 ihre Sitzungen im Hause des jeweiligen Vorstehers abhielt, wo sich auch das Verwaltungsbüro befand. Nun aber brauchte man Räume für den Gemeindevorstand und die größere Zahl der Angestellten der verschiedenen Ressorts. 1925 waren es bereits neun hauptberufliche Verwaltungsleute. Ein anderes dringendes Problem war die Wasserversorgung. Neuenhagen litt des Sommers regelmäßig unter Wasserknappheit. Früher hatten, trotz ungünstiger Schichtenwasserverhältnisse, Hausbrunnen und öffentliche Brunnen für Mensch und Vieh ausgereicht. Seit 1914 versorgte das Kreiswasserwerk Niederbarnim am Dämeritzsee bei Erkner die Neuenhagener über eine 62 Kilometer lange Druckrohrringleitung. Deren Wasserdruck reichte aber für die stark wachsenden Gemeinden am Rand der Großstadt nicht mehr aus. Um das zu beheben, plante das Kreiswasserwerk daher in Neuenhagen einen Wasserturm.

Der Turm sollte ursprünglich auf dem höchsten Berg des Ortes, dem 67,8 Meter hohen Bullenberg (heute etwa Entrichstraße/Ecke Bergstraße), stehen. Schon 1922 kam in der Gemeindevertretung der Gedanke auf, den Bau eines Rathauses und den eines Wasserturms zu kombinieren. Aber Inflation und leere Kassen verhinderten das Projekt. So schrieb das Kreiswasserwerk allein einen Wettbewerb zum Bau eines Wasserturms aus, den Baurat Wilhelm Wagner aus Berlin-Charlottenburg als Projektant der Allgemeinen Bau-Aktiengesellschaft gewann. Als schon die Baugruben ausgehoben waren, entschloss sich die Gemeinde in letzter Minute für eine frühere Variante des Baurates Wagner, Wasserturm und Rathausbau in einem Bauwerk zu verbinden. Die unteren Geschosse mit Wohnungen und Büros sollte die Gemeinde finanzieren. Die Kosten dafür beliefen sich auf 168 000 Reichsmark. Für dieses Projekt war der Bauplatz am Rand der Gemeinde allerdings nicht mehr geeignet. Ein optimaler Standort wurde auf dem 66,6 Meter hohen Mühlenberg gefunden, an dessen Fuß die Kleinbahn Hoppegarten–Altlandsberg verkehrte, was für den Transport des Baumaterials besonders günstig war.

Fast wäre das Schicksal des markanten Wasserturms, der im Zweiten Weltkrieg den Bombern als Markierung in Richtung Berlin gedient hatte, in den letzten Kriegstagen besiegelt gewesen. Wie die Neuenhagenerin Dr. Else Ackermann für die Erinnerungsreihe "Lebenszeit" recherchiert hatte, befahl die SS Ende April 1945, den Turm zu sprengen, um ihn der anrückenden Roten Armee nicht zu überlassen. Verhindert habe das der Polizist Heinz Berla, zu diesem Zeitpunkt in Neuenhagen im "Heimatdienst", schrieb sie. Bürger der Gemeinde hatten sich mit weißen Fahnen auf dem Platz vor dem Rathaus versammelt, während Berla die bereits gelegten Zündschnüre durchtrennte und so das Rathaus und die Wasserversorgung der Neuenhagener rettete.

Inzwischen hat sich das Wasserproblem der Neuenhagener auf andere Weise gelöst. Der Tank im Inneren des Turmes ist leer und als Denkmal zu besichtigen. Nach umfangreichen Sanierungs- und Renovierungsmaßnahmen Mitte der 1990er-Jahre prangt das Gebäude mit Hilfe vieler Sponsoren wieder in altem-neuen Glanz. Rathausmitarbeiterin Jutta Skotnicki kennt sich in Historie und Gegenwart gut aus. Sie begleitet Besucher gern über die steilen Stufen um den Wassertank he­rum bis auf die Aussichtsgänge sowie in den prachtvollen Ratssaal.

Wer wohnte im Turm? Wer besucht ihn heute?

Im 1925/26 errichteten Bauwerk befanden sich außer Büroräumen auch Wohnungen für Ortsvorsteher, Polizei und Hausmeister sowie ein Ratskeller. Der in 40 Meter Höhe aufragende Turm beherbergt den 1000 Kubikmeter fassenden Wassertank. Der Ratssaal – heute Max-Thormann-Saal – erinnert in originalgetreuer Farbkombination an die Bauhauszeit.

Interessenten an Geschichte und Ausblick sollten sich vorsorglich bei Jutta Skotnicki anmelden: Tel. 03342 245150, Eintritt 3 Euro

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Walter KUBE 16.07.2019 - 16:22:15

Befreiung vom Faschismus

Am 20.April 1945 wurde Neuenhagen von der Roten Armee befreit.

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