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Am 20. Juli ist es ein Jahr her, dass auf der Friedrich-Ebert-Straße über Nacht Zebrastreifen aufgebracht wurden. Perspektivisch könnte dort sogar eine Fußgängerzone entstehen.

Mit Umfrage
Ist Eberswalde auf dem Weg zur Autofreiheit?

Sven Klamann / 20.07.2019, 12:30 Uhr - Aktualisiert 20.07.2019, 15:43
Eberswalde (MOZ) Es war ein Akt des zivilen Ungehorsams, der eine lebhafte Debatte angestoßen hat und bis heute nachwirkt. Dabei blieb der Fußgängerüberweg Marke Eigenbau im vorigen Sommer nur kurze Zeit bestehen. Die Rathausspitze zeigte die unbekannten Täter bei der Polizei an, weil sie mit dem Aufbringen der weißen Farbe massiv in den Verkehr eingegriffen und damit ein Unfallrisiko geschaffen hätten. "Uns bleibt nach wie vor nichts anderes übrig, als die damalige Aktion illegal zu nennen", sagt Eberswaldes Baudezernentin Anne Fellner. Gleichwohl sei es wichtig und richtig gewesen, den auf unorthodoxe Art und Weise artikulierten Bürgerwillen nicht einfach zu ignorieren, betont sie.

Wie es weiterging, ist bekannt: Im November hat das Baudezernat auf der Fahrbahn der Friedrich-Ebert-Straße gelbe Zebrastreifen auf Probe verkleben lassen, um den tatsächlichen Bedarf nach einem Fußgängerüberweg zu ermitteln. Die Testphase ist im Frühjahr ausgewertet worden. Die gestaffelten Zählungen haben ergeben, dass im Herbst täglich etwa 1000 Fußgänger die Zebrastreifen benutzt haben. Zugleich sind täglich etwa 6800 Fahrzeuge durch die Friedrich-Ebert-Straße gerollt. "Seither steht fest, dass der Fußgängerüberweg dauerhaft angeordnet wird", sagt Anne Fellner.

Dem Provisorium, das auf den ersten Blick an den gelben Streifen zu erkennen ist, fehlen unter anderem noch behindertengerechte Absenkungen und eine vorschriftsmäßige Beleuchtung. Die beiden Leuchten sind bestellt. Bis Anfang September sollen auch die restlichen Arbeiten für diese Variante der Verkehrsberuhigung erledigt sein. Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte, deren erstes Kapitel von den Unbekannten geschrieben wurde, die genau vor einem Jahr heimlich Tatsachen geschaffen haben.

Denn mittlerweile werden in Eberswalde Forderungen danach lauter, die Friedrich-Ebert-Straße zu einer Fußgängerzone zu machen. Immer wieder wird von Befürwortern dieses Vorschlags das Argument angeführt, dass ein solcher Schritt die Aufenthaltsqualität im Zentrum erheblich erhöhen könnte. "Die Idee hat etwas für sich, würde sich aber nicht ohne Weiteres verwirklichen lassen", sagt die Baudezernentin. Und verweist zum Beispiel darauf, dass der Verkehrsfluss in der Innenstadt völlig neu geregelt werden müsste. Deshalb sei auch nicht an eine Einzellösung zu denken, bei der es nur um die Friedrich-Ebert-Straße gehe.

Gemeinsames Nachdenken

Ohnehin schwebt Anne Fellner auch in Sachen Verkehrsberuhigung eine breit aufgestellte Bürgerbeteiligung vor. "Schließlich sind die unterschiedlichsten Interessenlagen zu berücksichtigen", erklärt sie und verweist auf die Debatte zum Bau des getrennten Geh- und Radweges an der Eberswalder Straße in Finow, für den pro Fahrtrichtung eine Autospur weggefallen ist.

Was die Fußgängerzonen-Idee betrifft, hält es die Baudezernentin vielleicht für einen gangbaren Weg, die Friedrich-Ebert-Straße zunächst oder dauerhaft nur abschnittsweise von Autos zu befreien. Am stärksten werde der Bereich zwischen Breiter und Goethestraße durch den Verkehr in Anspruch genommen. "Was wann wie umgesetzt wird, sollten wir in Eberswalde gemeinsam beraten und entscheiden", hebt Anne Fellner hervor.

Zentrum nicht attraktiv genug

Für Wilhelm Westerkamp, den Niederlassungsleiter von Fielmann in Eberswalde, würde es unter den gegebenen Umständen wenig bringen, die Friedrich-Ebert-Straße komplett oder teilweise in eine Fußgängerzone zu verwandeln. "Dafür ist das Zentrum bei Weitem nicht attraktiv genug", urteilt er. Der Innenstadt fehle ein Kundenmagnet wie ein großes Möbelhaus. "Prenzlau und Bernau machen Eberswalde vor, wie es besser geht", sagt der Geschäftsmann.

Wie Sylvia Pöschel, Inhaberin des Blumenhauses am Markt, findet Wilhelm Westerkamp, dass eine Fußgängerzone zu früh käme. Beide setzen darauf, dass die Brachfläche auf der südlichen Friedrich-Ebert-Straße tatsächlich bebaut wird und sich Geschäfte ansiedeln, die für Kunden spannend sind. "Dann würde auch eine weitergehende Verkehrsberuhigung etwas bringen", schätzt die Händlerin ein.

Für Björn Wiese, Mitinhaber der Privatbäckerei Wiese, steht fest, dass die Stadt Eberswalde gut beraten ist, auf Schnellschüsse zu verzichten. "Der Ansatz, einen Nachdenkprozess anzustoßen, ist sinnvoll", sagt er. Wenn die Entscheidung gut vorbereitet und von vielen Akteuren mitgetragen werde, könnte eine Fußgängerzone von Vorteil sein.

Aktuell profitiere die Backwerkstatt an der Friedrich-Ebert-Straße noch von den Autofahrern, die in der Frühe kurz anhalten würden, um sich mit Brot, Brötchen oder Kuchen einzudecken. "Dieser Umsatz würde dann wegbrechen. Aber das ließe sich ja durchaus im sonstigen Tagesgeschäft kompensieren", betont Björn Wiese.

Für Manfred Herber, den Inhaber des City-Kaufhauses in der Rathauspassage, hat der Vorschlag, eine Fußgängerzone einzurichten, etwas Verführerisches an sich. "Von mir aus sofort", sagt der Unternehmer. Dann wäre für die Kundschaft ein entspannteres Bummeln und Einkaufen möglich. Eine autofreie Friedrich-Ebert-Straße wäre "zweifelsohne ein Gewinn".

Seit 2011 Vorbildim AltstadtCarrée

Die Friedrich-Ebert-Straße wäre Eberswaldes zweite Flaniermeile. Bereits seit Herbst 2011 gibt es im AltstadtCarrée einen 59 Meter kurzen Straßenabschnitt, auf dem Autos nur zu Lieferzwecken geduldet werden. Das Fußgängerzönchen, das bei der Händlerschaft zunächst umstritten war, erfreut sich längst allgemeiner Beliebtheit. Und gilt immer noch als Deutschlands kleinste Bummelpiste. Immer wieder gab es Überlegungen, den Bereich auszuweiten. Übers Anfangsstadium ging dieses Nachdenken bisher aber nicht heraus.

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Volker Schmidt 21.07.2019 - 21:22:23

Eine verkannte Ironie`?

Der Titel des Berichts ist doch wohl als Ironie zu verstehen. Aber möglicherweise überschätzen Sie Ihre Leser: einige werden diese nicht erkennen. Eine der wenigen Städte Deutschlands, in denen es bisher so gut wie keinerlei Einschränkungen für den Autoverkehr gibt, abgesehen von jenen, die die STVO zwingend vorgibt auf dem Weg zur Autofreiheit... wirklich ein gelungener Scherz!

Edgar Kirschke 20.07.2019 - 14:11:41

was soll das?

Der Autor des Berichts schreibt "Die Friedrich-Ebert-Straße wäre Eberswaldes zweite Flaniermeile." Ich frage mich, was es hier zu flanieren und zu entdecken gibt. Weiter beschreibt er die Beliebtheit des Altstadtcarées. Ja es ist nett aber wieviel Attraktionen hat es zu bieten? Seit geraumer Zeit steht ein Ladenlokal leer, was darauf hindeutet, dass der Einzelhandel wohl doch nicht auf seine Kosten kommt. Die Attraktivität der Friedrich-Ebert-Straße ist, zumindest momentan, sehr gering. Eine autofreie Zone würde würde diesen Ist-Zustand noch verstärken. Ich frage mich ohnehin wer die Befürworter einer Fussgängerzone sind. Stadtplanung sollte man nicht Durchreisenden überlassen.

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