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Auswirkungen
Forscher untersuchen Folgen des Klimawandels im Stechlinsee

Seemann und Forscher: Mark Gessner fährt auf einem Ruderboot mit elektrischem Antrieb zum Seelabor.
Seemann und Forscher: Mark Gessner fährt auf einem Ruderboot mit elektrischem Antrieb zum Seelabor. © Foto: Thomas Sabin
Thomas Sabin / 21.07.2019, 07:56 Uhr
Neuglobsow (MOZ) Mark Gessner hat noch fünf Minuten und wendet sich seinem Computerbildschirm zu. Für den Gewässerforscher gibt es viel zu tun. In seinem Büro am Stechlinsee in Neuglobsow stapeln sich Fachmagazine und Akten rund um das Thema Wasser. Alles liegt Seite an Seite, akkurat platziert.

Dr. Gessner ist Abteilungsleiter der Nebenstelle des Leibnitz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei. "Ein komplizierter Name", gibt der Professor zu und lächelt gelassen. Nicht weniger kompliziert als die Forschung, die er hier am Klarwassersee mit seinem Team betreibt. Seit 2011 ist der 58-Jährige in der Forschungseinrichtung auf der Suche nach den Auswirkungen des Klimawandels auf Seen. Und die Zeit drängt. "Der Klimawandel ist schon längst da und in vollem Gange", sagt der Professor.

Die Klimaveränderung hat die Seen in der Welt erwärmt. Das Ziel der internationalen Gemeinschaft, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, wurde in vielen Seen bereits erreicht oder überschritten. Das zeigen Messungen der Temperaturen des Oberflächenwassers. Die Folgen dieser Erwärmung könnten sich in Zukunft gravierend auf den Schutz und die Nutzung der Seen auswirken.

Das 60-köpfige internationale Team am Stechlinsee forscht heute dort, wo früher eine Fischerhütte stand. Vom Ufer aus, knapp 100 Meter entfernt, sind futuristisch anmutende Kreise auf dem grün-blauen Seewasser zu sehen. Nicht nur der Ort hat sich mit der Zeit verändert. Seit über 30 Jahren beschäftigt sich Mark Gessner mit den Prozessen im aquatischen Ökosystem. Die Veränderungen, die er bemerkte, überraschen ihn nicht wirklich. "Das Klima ist heute ein anderes. Und das verändert die Seen." An ihnen könne der Klimawandel dingfest gemacht werden.

"Seen zeigen den gleichen Temperaturanstieg, den wir in der Atmosphäre beobachten", erklärt er. Bei der Betrachtung vieler Seen auf der ganzen Welt über einen längeren Zeitraum zeige sich fast überall eine Zunahme: "Es gibt nur ganz wenige Punkte auf der Karte, wo sich die Temperatur nicht verändert hat. In der ganz überwiegenden Anzahl der Seen, für die Langzeitdaten vorliegen, nahm die Temperatur zu." Das betreffe auch Seen in der Region. Teil der Studie waren unter anderen der Stechlinsee und der Müggelsee in Ostberlin.

Seen seien ausgezeichnete Indikatoren für den Klimawandel. Sie sagen dem Menschen, dass es in den vergangenen Jahrzehnten wärmer geworden ist. Sie sprechen eine eindeutige Sprache und zeigen, dass der Klimawandel bereits da ist. Auch der Stechlinsee spricht diese Sprache.

Eine Besonderheit dieses Sees ist, dass die Forscher die Einflüsse des naheliegenden, erst 1989 abgestellten Kernkraftwerkes herausrechnen mussten, um den Trend zu erkennen. Denn während des KKW-Betriebs wurde das erwärmte Kühlwasser in den See geleitet. "Das sorgte für sehr hohe Oberflächentemperaturen, stellenweise bis zu 10 Grad Celsius über den Normaltemperaturen. Nachdenklich stimmt mich, dass der See heute ohne Kühlwassereinleitung bereits dieselbe Jahresmitteltemperatur erreicht hat wie damals mit den Einflüssen des Kraftwerks", so Gessner.

Hier und überall auf der Welt

Im Augenblick würden die Forscher ganz starke Veränderungen im See beobachten. "Das ist sicher auch schon den Besuchern aufgefallen. Der See zeigt eine größere Trübe, er ist nicht mehr so klar wie früher. Auch da könnte der Klimawandel eine Rolle spielen. Dieser verändert nämlich die Zeitspanne der Seenschichtung. Und das kann zu einer erhöhten Nährstoffanreicherung und Sauerstoffzehrung führen."

Im Zuge des Klimawandels nehmen außerdem extreme Wetterereignisse zu. Sommerliche Stürme zum Beispiel könnten in Zukunft häufiger vorkommen. Eine neue Studie, die im Seelabor durchgeführt wurde, zeigt: Die Auswirkungen auf Ökosystemprozesse, gerade unberührter Seen, sind enorm. Der Stechlinsee hat zum Beispiel nach einem ungewöhnlichen Sturm im Juli 2011 seine große Klarheit einige Wochen verloren. Der Grund: Sowohl Nährstoffe als auch Algen sind durch den Windeinfluss aus den tieferen Wasserschichten an die Oberfläche gelangt, wodurch sich die Algen unter den guten Lichtbedingungen rasant vermehren und kleine Kalkkristalle ausfällen konnten, die zusammen die Trübung verursacht haben.

Mit dem Versuch im Seelabor konnte gezeigt werden, dass im Zuge des Klimawandels häufiger auftretende Stürme den Stoffhaushalt unbelasteter Klarwasserseen stark beeinflussen können und gerade dort, in bisher kaum belasteten Gewässern, tiefgreifende Veränderungen herbeiführen können.

Sicher sei, dass die Wassertemperaturen weiter steigen, sich dadurch das Schichtungsverhalten in Seen ändert und die Sauerstoffkonzentrationen im Tiefenwasser abnehmen. Organismen werden tendenziell kleiner, Kälte liebende Arten werden zurückgedrängt, Wärme tolerierende können leichter einwandern. Das wird auch im Fall des Stechlinsees zum lokalen Aussterben einzelner Arten führen.

"Das alles passiert hier und auch anderswo auf der Welt. Und auch Fischer werden sich anpassen müssen, wenn zum Beispiel im Zuge der Umweltveränderungen Artenverschiebungen auftreten. Jetzt muss auf allen Ebenen darüber nachgedacht und gehandelt werden, um dem Klimawandel und seinen Konsequenzen für Seen zu begegnen", sagt Gessner.

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