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Stadtentwicklung
Inbesitznahme auf dem Schlossplatz

Wollen der Stadtentwicklung einen neuen Schub geben: Die Architekten Jens Petzi, Steffen Weber und Malte Reimer (v.l.) entwickeln Ideen für ein Schlosspark-Quartier.
Wollen der Stadtentwicklung einen neuen Schub geben: Die Architekten Jens Petzi, Steffen Weber und Malte Reimer (v.l.) entwickeln Ideen für ein Schlosspark-Quartier. © Foto: Klaus D. Grote
Klaus D. Grote / 23.07.2019, 06:30 Uhr - Aktualisiert 23.07.2019, 09:53
Oranienburg (MOZ) Die historische Chance einer Stadt, sich ihr zerstörtes Zentrum gegenüber dem Schloss neu aufzubauen, gebietet höchsten gestalterischen Anspruch. So lautet der erste Satz in der ersten von sieben Thesen zur Entwicklung des Schlossplatzquartiers. Die Architekten Malte Reimer, Jens Petzi und Steffen Weber aus Oranienburg sowie Oliver Jirka aus Borgsdorf wollen Einfluss auf die Entwicklung der Innenstadt nehmen und liefern dazu erste Ideen. Die Thesen sind zugleich eine Antwort auf die Vorschläge der städtischen Woba, den ersten Block zwischen Breiter und Berliner Straße selber mit Wohnen und Gewerbe zu entwickeln.

Die Architekten wollen gegenüber dem Schloss stadtbildprägende Architektur sowie unternehmerisches und bürgerschaftliches Engagement. Die Fläche sei zu schade, um sie allein der Expertise der Woba und des von ihr beauftragten Planungsbüros zu überlassen. "Wir wollen eine kleinteilige Entwicklung vieler Akteure", sagt Malte Reimer. Am Planungsprozess solle eine breite Öffentlichkeit beteiligt werden. Nur durch Inbesitznahme entstehe auch eine Identifikation mit dem Ort, heißt es im Thesenpapier. "Wir brauche keine Investorenarchitektur, die es überall geben könnte", erklärt Steffen Weber. Eine kleinteilige Parzellierung solle den Rahmen für eine Entwicklung mit unterschiedlichen Gebäuden und Nutzungen ermöglichen. Wichtig sei, so Malte Reimer, dass es Durchgänge und öffentliche Höfe gebe. Das schaffe Akzeptanz, steigere das Interesse und vergrößere die Oberfläche. Statt geschlossener Blockrandbebauung wollen die Architekten Erlebnisräume schaffen, die auf kurzen Wegen miteinander verbunden und erreichbar sind. "Dazu gehört unbedingt auch das Fischerquartier", sagt Malte Reimer. Die direkte Verbindung könnte eine weitere Fußgängerbrücke schaffen, die in einer Skizze als Verlängerung der Blutgasse gezeichnet ist. Kurze Wege und die Möglichkeit, diese auch mit E-Scootern zu befahren, könnten den Autoverkehr reduzieren, sagt Jens Petzi.

Er habe mit vielen Unternehmern gesprochen, die bereit wären, auf dem Schlossplatz zu investieren, sagt Malte Reimer. "Aber nicht mit 40 Millionen, sondern mit drei bis vier Millionen Euro." Für Anziehungspunkte sollen kulturelle Nutzungen sorgen, etwa auch die Volkshochschule. "Das kostet natürlich. Und es braucht Mut", sagt Malte Reimer. Ein technisches Rathaus gehöre jedenfalls nicht ins Zentrum, schon allein wegen des Flächenbedarfs für den dazu gehörenden Fuhrpark. Eine solche Einrichtung habe aber auch keine Anziehungskraft.

Malte Reimer schlägt vor, die Flächen langsam in Richtung Schloss zu entwickeln. Er ist sich sicher, dass dann das Interesse wächst und eine Dynamik entsteht. Die Kopfbauten gegenüber dem Schloss sollten als letztes gebaut werden. "Sie werden als Krone aufgesetzt", sagt Reimer. Steffen Weber wünscht sich dort spannendere Architektur als die Stadtbibliothek, an der es nichts Interessantes für das Auge gebe. Bisher jedoch plant die Stadt aber mit optisch verwandten Gebäuden als Platzbegrenzung.

Einbeziehen ins Schlossplatz-Quartier wollen die Architekten, die sich regelmäßig in einer 20-köpfigen Gruppe zur Stadtentwicklung in Oranienburg austauschen, auch den Schlosspark. Der müsse über mehr Eingänge und ohne Eintritt erreichbar sein und als Querung für Fahrräder zudem befahrbar sein. "Der Park ist schön, aber umzäunt, wie er ist, gehört er nicht zum Zentrum dazu", sagt Reimer. Einen weiteren Steg sieht seine  Skizze deshalb zwischen dem Schloss und dem Haus 2 der Stadtverwaltung vor – von dort ginge es direkt in den Schlosspark. Der Innenhof des Hauses 2 wird begrünt. "Kein Mensch braucht heute mehr einen Exerzierplatz", wischt Steffen Weber mögliche Einwände des Denkmalschutzes beiseite. Insgesamt orientieren sich die Ideen an Fußgängern und Radfahrern. Bisher sei Oranienburg vor allem eine autofahrerfreundliche Stadt, die Schlossbrücke für Fußgänger eher feindlich. Dass es anders gehe, zeigten zukunftsorientierte Städte in Skandinavien, den Niederlanden oder dem Voralpenland. "In Oslo gibt es in der Innenstadt nur noch Fußgänger, Fahrräder, E-Scooter und kleine Elektrolieferfahrzeuge. Es ist ruhig, aber sehr lebendig", sagt Reimer. Er wünscht sich ein zukunftsorientiertes Oranienburg. An der Entwicklung sollen die Einwohner beteiligt werden, das würde für "Bürgerstolz" sorgen.

Jens Petzi bedauert, dass es in Oranienburg nicht zu mehr Kooperationen zwischen Stadt und privater Wirtschaft komme. Eine Veranstaltungshalle könne doch auch mit einem Investor errichtet werden und dann dessen Namen tragen. Es sei auch schade, dass Orafol seine neue, von Stararchitekten geplante Firmenzentrale nicht ins Zentrum gebaut habe. Es fehle in Oranienburg an unternehmerischem und bürgerschaftlichem Gestaltungswillen. Andererseits werde es Architekten häufig viel zu schwierig gemacht – durch den Denkmalschutz, Sanierungsgebietsvorgaben oder weil schon in Ausschreibungen Details festgelegt werden. "Oranienburg achtet nicht auf die Folgekosten. Wir planen so, dass wir auch die Instandhaltungskosten berücksichtigen", sagt Petzi. Aufträge von der Stadt gab es für sein Büro schon lange nicht. Aktuell entsteht im Auftrag des Landkreises der Neubau der Torhorst-Gesamtschule. "Der wird toll", verspricht Petzi, der gern leidenschaftlich über misslungene Neubauten in der Stadt spricht. Der Flache Neubau an der Ecke Bernauer Straße/Straße der Einheit gehöre dazu. Zu den Stadtvillen der Woba sagt Petzi, er wundere sich, dass so etwas heute noch gebaut werde.

Die Stadt brauche ein Baukollegium, dass architektonische Maßstäbe festlegt und Neubaupläne beurteilt. Unbedingt erhaltenswert sei der denkmalgeschützte Speicher. "Es müssen darin keine Wohnungen entstehen", sagt Malte Reimer. Möglich sei auch eine Ausstellungsfläche mit Aussichtsplattform und Café auf dem Dach.

Für Fachkompetenz im Bauausschuss haben sich Steffen Weber und Malte Reimer als sachkundige Einwohner beworben. Als nächstes wollen sie mit den Fraktionsvorsitzenden über ihre Ideen sprechen.

Baukollegium soll Stadtentwicklung begleiten

Drei leere Baufelder liegen gegenüber dem Schloss zwischen Breiter Straße und Havel. Gestaltet wurde bislang nur die Fläche zwischen Havel und Nehringstraße: mit der Bibliothek.

Das Schlossplatz-Quartier wollen die Architekten nun andersherum entwickeln: mit den Kopfbauten zum Schluss.

Die Pläne für ein Einkaufszentrum, die von der Stadt seit den 1990er Jahren verfolgt wurden, sind längst aufgegeben worden. Erste Entwürfe für einen Neubau der neugegründeten Oranienburg Holding verschwanden in der Schublade.

Die Stadt wünscht sich ein technisches Rathaus gegenüber dem Schloss. Die Architekten sehen die Behörde lieber auf der Brache in der Rungestraße. Den Schlossplatz wollen sie mit Kultureinrichtungen attraktiver machen.

Zur Umsetzung der Pläne und zur weiteren Entwicklung der Stadt wollen die Architekten ein Baukollegium etablieren.⇥kd

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