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Interview
Andreas Goldthau: "Leider bauen Länder im südlichen Afrika Kohlekraftwerke"

Andreas Goldthau
Andreas Goldthau © Foto: www.vegeldaniel.com
André Bochow / 19.08.2019, 09:57 Uhr - Aktualisiert 19.08.2019, 10:20
Potsdam (NBR) Auch wenn viele glauben, es gäbe eine Energiewende nur in Deutschland, sind die erneuerbaren Energien weltweit auf dem Vormarsch.

Professor Andreas Goldthauvon der Willy Brandt School of Public Policy leitet am Potsdamer IASS (Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung) ein Projekt, das sich mit den Auswirkungen der globalen Energiewende befasst. Mit ihm sprach André Bochow.

Es gibt das Entwicklungsziel, bis 2030 allen Menschen Zugang zu Elektrizität zu ermöglichen. Steht dieses Ziel dem Ziel, den globalen CO2-Ausstoß zu senken,entgegen?

Es gibt durchaus einen Konflikt. Mehr Menschen mit Energie zu versorgen, bedeutet auch,mehr Energien zu generieren. Auf der Basis der Energiesysteme der Gegenwart folgt daraus ein höherer CO2-Ausstoß. Daher sollten wir die zusätzliche Energie, wie überhaupt alle Energieressourcen,über erneuerbare Träger gewinnen. Aber dafür bedarf es, wie auch für die Erreichung der Entwicklungsziele, größerer Anstrengungen als sie bislang unternommen werden.

Sie leiten ein Projekt, das sich mit den Folgen der Energiewende in den sich entwickelnden Ländern beschäftigt. Reden wir da über eine künftige Energiewende oder über eine, die sich gerade vollzieht?

Das kommt darauf an, wohin man schaut. In Südostasien zum Beispiel erleben wir tatsächlich einen starken Ausbau der Erneuerbaren Energien, gleichzeitig aber auch das Wachstum der Systeme auf fossiler Basis. In großen Teilen Afrikas ist der Strom-und Energieverbrauch pro Kopf extrem niedrig, und Biomasse spielt eine große Rolle. Hier kann von einer wirklichen Umwandlung des Energiesektors noch nicht die Rede sein.

Dort muss überhaupt erst einmal ein Energiesektor geschaffen werden?

Und zwar einer, der dem großen Bevölkerungswachstum Rechnung trägt. Die Frage ist, wie man das schafft. Afrika beispielsweise ist sehr reich an Erneuerbaren Energieressourcen und könnte hiermit seinen Energieverbrauch decken. Leider bauen gerade Länder im südlichen Afrika, wie beispielsweise Kenia,im Moment neue Kohlekraftwerke, auch mit ausländischer Hilfe. Manche Länder, wie Sudan und Nigeria planen zusammen mit China und Russland Kernkraftwerke.

Viele halten dezentrale Lösungen bei der Energieversorgung für zukunftsträchtig – zumindest für die ärmsten Länder.

Die Lösung muss in der Tat dezentral sein. Gerade auf der Basis von Solarstrom passiert da einiges. Das sind wichtige Initiativen, die auf lokaler Ebene auch helfen. Aber das Problem der Energiearmut wird so allein nicht gelöst. Hinzukommen muss Know-How und Kapazitäten für innovative heimische Lösungen.

Welche Rolle spielt die Politik bei der Entscheidung darüber, welche Energien genutzt werden sollen?

Eine sehr große. Oft handelt es sich bei den Energieversorgern um staatliche Kohle- oder Gas-Unternehmen, die kaum Interesse an einer Veränderung des Status Quo haben. Die Unternehmen werden auch von der Politik genutzt, um jeweilige Anhänger mit Posten zu versorgen.Bei den Entscheidungsträgern besteht daher auch wenig Interesse daran, auf erneuerbare Energien umzustellen.

Und was ist mit Bodenschätzen als Einnahmequelle?

Tatsächlich verfügen nicht wenige Länder in Afrika über gewaltige Ressourcen an fossilen Energieträgern. Die Verlockung, sie zu Geld zu machen, ist natürlich groß. Zusammen mit der großen Energienachfrage und der Förderung des Öl-und Kohleabbausvon außen – etwa von China – führt das vorerst zur wachsenden Bedeutung der fossilen Energien.

Und schon jetzt sind Länder wie Algerien oder Nigeria aufErdöl angewiesen – könnten solche Länder einfach auf erneuerbare Energien umstellen?

Nicht so ohne weiteres. Es gilt dabei auch die sozialen Folgen zu bedenken. Nehmen wir ein Beispiel: Südafrika. Dort basiert die Energiegewinnung im Wesentlichen auf Kohle. Es gibt aber ein Nachdenken über den Umstieg auf Erneuerbare. Darüber wirdgesellschaftlich diskutiert, etwa über die positiven gesundheitlichen oder wirtschaftlichen Auswirkungen. In Nigeria ist das Öl vor allem Export undEinkommensquelle für die Eliten. Dort würde das Öl als politisches Schmiermittel fehlen. Die Energieversorgung der Bevölkerung hat damit wenig zu tun.

Die Vorteile der Erneuerbaren Energien liegen auf der Hand – aber Sie untersuchen auch die Risiken – welche sehen Sie da, jenseits möglicher politischer Verwerfungen?

Die Investitionen in Erneuerbare Energien gehen mehrheitlich in den globalen Süden. Das ist neu und eine gute Nachricht. Aber bei genauerem Hinschauen erkennen wir, 85 Prozent dieser Investitionen landen in China, Indien und Brasilien. Das Bevölkerungswachstum und damit Energienachfragewachstum von morgen erleben wir jedoch anderswo.

Dem Klima ist die Investitions-Verteilung erst einmal egal.

Ja, aber es geht auch um die Verteilung von Zukunftschancen. Hinzu kommt eine wachsende Abhängigkeit von denjenigen, die auf den Patenten für Erneuerbare Energietechnologien sitzen. Das sind ausnahmslos westliche Industriestaaten und China.Natürlich kann man diese Abhängigkeiten überwinden. Durch faire Technologietransfer-Initiativen, durch Partnerschaften. Hier bräuchten wir aber mehr.

In den westlichen Ländern spielt die Idee, die Wertschöpfungskettegrüner zu machen, eine immer größere Rolle. Bedeutet das:Wenn Länder des Südensihren Energiesektor nicht transformieren, werden sie inZukunft von diesen Wertschöpfungsketten ausgeschlossen sein?

Die Gefahr ist jedenfalls da. Unternehmen wie Walmart oder Apple wollen tatsächlich grüner werden. Und das hat natürlich Folgen für die Zulieferer. Wer da mit einem hohen CO2-Fußabdruck arbeitet, fällt aus der Kette heraus. Und das trifft unter den gegebenen Umständen Zulieferer aus Ländern, die sich keine Investitionen in Erneuerbare Energien leisten können.

Kann man es nicht auch umkehren und positiv sehen? Der Druck wird so groß, dass alle alles tun, um weitgehend CO2-neutral zu arbeiten?

Theoretisch sieht das wie der Idealfall einer konzertierten Aktion aus, derer es aus Klimagründen ja auch bedürfte. In der Praxis bremsen Industrienationen die Entwicklungsländer aus, weil sie Wertschöpfung im Land halten wollen, auch im Bereich Erneuerbaren Energien. Dahinter stecken handelsstrategische und politische Entscheidungen. Aber aus der Entwicklungs- und Klimaperspektive sind diese weder zukunftsträchtig noch nachhaltig.

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