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Theater
Mit Fontane nach Frankreich

Szenenbild
Szenenbild © Foto: Marlies Kriss
Inga Dreyer / 22.08.2019, 08:00 Uhr - Aktualisiert 21.08.2019, 20:21
Frankfurt (Oder) (freie Autorin) "Kriegsgefangenschaft" klingt einsam und entbehrungsreich. Dass einem dabei Burschen dienen und Katzen um die Beine streunen, würde man kaum erwarten. Doch bei seiner Gefangenschaft auf der Île d’Oléron hatte Theodor Fontane gewisse Privilegien.

Am Dienstagabend wurde das Stück "Souvenir 1870" des Theaters "Das letzte Kleinod" zum ersten Mal in Frankfurt (Oder) aufgeführt. Noch bis heute zeigt die Gruppe ihr Porträt der Atlantik-Insel, das von 1870 bis in die Jetztzeit reicht. Autor und Regisseur Jens-Erwin Siemssen hat Bewohner der Insel interviewt und verwebt ihre Geschichten geschickt mit den Beobachtungen Fontanes.

Auf dem unwirtlichen Frankfurter Bahngelände, mitten in der Stadt, aber gefühlt ganz weit weg, lässt das Ensemble Geschichten von der Île d’Oléron lebendig werden. Bespielt wird ein hoher Wagen, auf dem sonst Autos auf der Schiene transportiert werden. Das Bühnenbild ist einfach, aber effektvoll. Alte Austernkörbe dienen den Schauspielern als Stiefel und andere Utensilien. Ein Höhepunkt ist der mehrstimmige Gesang.

"Souvenir 1870" zeigt eine wilde Melange aus Schnipseln unterschiedlicher Epochen – besonders stark ist das Stück, wenn sich Parallelen ergeben. Etwa, wenn Fontane über das Sterben der an Typhus erkrankten preußischen Gefangenen berichtet und danach ein Mann von der Kriegsgefangenschaft seines Vaters bei den Deutschen im Zweiten Weltkrieg berichtet. In solchen Momenten wird die Universalität menschlichen Leids greifbar. "Souvenir 1870" taucht in Alltag, Sitten und Gewohnheiten der Insel ein. Da ist von Bestattungsritualen oder der schweren Arbeit der Austernfischer die Rede. Und zu Austern sollte man immer Weißwein trinken, um die Bakterien bei schlechten Exemplaren abzutöten, rät eine Insel-Bewohnerin.

Fontane beschäftigt sich derweil mit der Frage, wann er wieder preußischen Kaffee trinken kann – und streichelt seine Katze Blanche (Margarita Wiesner). Seine teils lakonischen, teils involvierte Beschreibungen und die Berichte der Inselbewohner ergeben zusammen ein fragmentarisches, aber lebendiges und stimmungsvolles Gesellschaftsporträt.

Donnerstag Frankfurt (Oder), 25./26.8. Potsdam, je 20 Uhr, Tickets 0335 40 10 120 und Abendkasse

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