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zum wachsenden Antisemitismus
Keine Normalität

Peter Strigl
Peter Strigl © Foto: Andreas Faiß
Meinung
Peter Strigl / 21.08.2019, 20:35 Uhr
Berlin (NBR) Die Gürtelattacke auf den Kippa-Träger in Berlin dürfte noch fest in der Erinnerung verankert sein. Vielleicht auch die Attacke auf den amerikanischen Professor in Bonn, der ebenfalls angegriffen wurde, weil er eine Kippa trug.

Aber die Rabbiner in Berlin, Hamburg und München, die jüngst beschimpft, bespuckt und bedroht wurden? Der 55-Jährige in Berlin-Charlottenburg, den zwei Männer zu Boden rissen? Diese Fälle erfuhren aber deutlich weniger mediale Aufmerksamkeit, scheinen fast als Normalität verbucht. Kein Wunder dass Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, kürzlich davor warnte, sich nicht an diesen "Normalzustand" zu gewöhnen.

Auch wenn es viele hierzulande nicht hören wollen, doch ausgerechnet Deutschland hat ein wachsendes Antisemitismus-Problem. Es speist sich aus den ebenso alten wie dumpfen Verleumdungen und Lügen, und es ist in einem gehörigen Maße auch importiert durch den gestiegenen Anteil von Menschen aus islamisch geprägten Kulturen.

Der Hass gegen Juden war nie weg. Viele Studien belegen, dass latent antisemitische Einstellungen in der deutschen Bevölkerung relativ konstant vertreten sind. Ein Blick in die polizeiliche Kriminalstatistik zeigt zudem, dass das Gros der Straftaten aufs Konto von Rechtsextremen geht. Doch führen die Zahlen gleichzeitig in die Irre. Sie projizieren nämlich ein "nach rechts verzerrtes Bild", wie der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus schon 2017 zeigte. Denn antisemitische Straftaten werden immer unter "rechts" verbucht, sofern kein anderes Motiv bekannt ist.

Die Einschätzungen der Opfer sprechen jedoch eine ganz andere Sprache. Hier identifiziert eine überwältigende Mehrheit die Täter als Muslime. Dieser Erkenntnis muss sich das Land stellen, um dagegen vorzugehen. Es hilft nicht, die Zahlen als subjektive Wahrnehmung anzuzweifeln, nur weil keine offizielle Statistik existiert, die ihre Eindrücke bestätigt. Ebenso wenig führen Aussagen wie die des Grünen-Politikers Volker Beck weiter, der davor warnt "jetzt nur über muslimischen Antisemitismus zu sprechen" und auf den Antisemitismus aller Bevölkerungsschichten verweist.

Zwar darf man das Problem nicht allein auf den Islam schieben, wie es etwa in Teilen der AfD geschieht. Es muss jedoch eine Debatte über muslimischen Antisemitismus möglich sein, ohne sich deswegen Vorwürfe einzuhandeln, man sei auf dem rechten Auge blind. Die Feindschaft der Muslime rührt ursprünglich von den Kriegen des Propheten gegen die Juden in Medina her. Heutzutage richtet sich die  Ablehnung vordergründig gegen den Staat Israel. Dahinter verbirgt sich allerdings häufig das Klischee von der jüdischen Weltverschwörung. In seiner extremen Formen trachtet dieser Antisemitismus nach nicht weniger als der Vernichtung aller Juden. Wenn in einer Berliner U-Bahn die Rufe erklingen: "Israel muss brennen! Alle Juden müssen brennen!", muss das gerade in Deutschland für die gesamte Gesellschaft Grund zur Sorge sein.

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