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Wahlen
Vom Sportplatz in den Landtag

Seit 20 Jahren im Gemeinderat, seit zehn Jahren im Kreistag: Jetzt will Elke Bär für die Linken im Landtag die Dinge erreichen, die sie auf kommunaler Ebene nicht durchsetzen konnte.
Seit 20 Jahren im Gemeinderat, seit zehn Jahren im Kreistag: Jetzt will Elke Bär für die Linken im Landtag die Dinge erreichen, die sie auf kommunaler Ebene nicht durchsetzen konnte. © Foto: Tilman Trebs
Tilman Trebs / 28.08.2019, 08:26 Uhr
Oberhavel (MOZ) Die Glienicker Linke Elke Bär bewirbt sich in Oranienburg. Liebenwalde und Leegebruch für den Landtag. Die Lehrerin will Eltern nicht mehr für Schulbusse und Mittagessen zahlen lassen.

Wie werden die Linken bei den Landtagswahlen in Oranienburg abschneiden? Das ist eine der spannenden Fragen vor dem Urnengang am Sonnabend. Viele Jahre war der Wahlkreis 9 eine sichere Bank für die Partei. Zweimal holte Gerrit Große hier das Direktmandat, beim dritten Mal verlor sie nur knapp gegen die SPD, blieb dank sicherem Listenplatz aber dennoch im Parlament. Nun zieht sie sich zurück. Eigentlich sollte ihr die Leegebrucherin Stefanie Rose auf dem Posten folgen. Doch die frühere Kreisvorsitzende der Linken ließ sich vom parteilosen Oranienburger Bürgermeister Alexander Laesicke als Sozialdezernentin ins Rathaus locken. Und weil sich in den eigenen Reihen niemand fand, der einspringen wollte, muss es mit Elke Bär nun eine Frau aus Glienicke richten.

Die 60-jährige weiß, dass es gegen die in der Stadt lebende Konkurrenz von CDU und Sozialdemokraten nicht ganz einfach wird. "Die Wahlergebnisse von Gerrit Große sind nicht so einfach zu wiederholen. Aber ich trete an, um zu gewinnen." Und sie sieht sich auch nicht als Not- oder Verlegenheitslösung. Sie wolle in den Landtag. Das macht sie im Interview immer wieder deutlich. Doch weil die Kandidatur in den S-Bahn-Gemeinden auch aus strategischen Gründen an Vadim Reimer ging – er soll vor allem jüngere Wähler ansprechen – hat Elke Bär die Vakanz in Oranienburg nur zu gern aufgehoben. Und sie rechnet sich auch Chancen aus. Schon deshalb, weil sie nicht glaubt, dass die Oranienburger Kandidaten Heimvorteil genießen. "Ich arbeite hier und habe hier jeden Tag mit jungen Menschen und deren Eltern zu tun", sagt die Lehrerin, die am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum Sport, Wirtschaft und Soziales, Politische Bildung und Geschichte unterrichtet. Sie halte es für sinnvoll, dort zu kandidieren, wo sie arbeitet. "Die Probleme der Menschen hier sind mir geläufig." Und sie wirft in die Waagschale: "Ich bin erfahrene Kommunalpolitikerin."

Ende der Neunziger Jahre zog Elke Bär für die Linke in die Glienicker Gemeindevertretung ein. Im Kreistag, dem sie jetzt in der dritten Legislaturperiode angehört, ist sie Vorsitzende ihrer Fraktion. Letztlich haben sie die Jahre im Kreistag auch im Wunsch bestärkt, es eine Etage höher in Potsdam zu versuchen. "Dort hatten wir oft die Situation, dass wir etwas fordern und durchsetzen wollten und dann zu hören bekamen: Dafür ist aber das Land zuständig." Deshalb wolle sie nun dort für die Veränderungen werben, die ihr wichtig sind. Zu nennen wäre da zum Beispiel das kostenfreie Mittagessen für Schulkinder. Auch für den Schülertransport mit öffentlichen Verkehrsmitteln sollen Eltern nichts mehr bezahlen müssen. Und das Land müsse dafür sorgen, dass überhaupt mehr Geld in die Bildung fließe. "Es ist ja richtig, dass der Landkreis viel Geld in seine Schulen steckt. Sie sehen auch alle sehr schön aus und sind gut ausgestattet. Das Problem ist nur: Es reicht noch nicht. Wir haben kaum noch Klassen mit weniger als 28 Schülern. Einige müssen weit fahren. Was wir deshalb brauchen, sind noch mehr Schulen. Dafür brauchen die Kreise mehr Geld aus Potsdam." Und Geld aus Potsdam könne man eben nur dort organisieren.

Themen, die die Linken in den vergangenen Jahren auch schon im Kreistag gesetzt haben. Nachhaltigen Eindruck hat das Engagement beim Wahlvolk nicht hinterlassen. Einst schöpfte auch die Linke reichlich aus dem nicht unerheblichen Protestwählerpotenzial. Ein Teil der Wähler ist nun ausgerechnet zur AfD übergelaufen. Warum wurden sie verloren? Eine Frage, die auch Elke Bär ein wenig ratlos zurücklässt. Hat es daran gelegen, dass die Linken inzwischen selbst an der Regierung sind? "Natürlich haben wir nicht alles erreicht, was wir erreichen wollten. Es ist in den letzten zehn Jahren aber auch nicht alles den Bach herunter gegangen. Brandenburg steht verhältnismäßig gut da. Nach der Wende war die Arbeitslosigkeit hoch. Viele haben es dann aber zu Wohlstand gebracht und fürchten nun, ihn wieder zu verlieren." Die Aufgabe der Politik bestehe deshalb darin, "wieder Vertrauen und Zuversicht zu vermitteln, Wohlstand zu erhalten und die Menschen mitzunehmen, die nicht soviel haben", sagt Elke Bär. "Das geht schon damit los, die Menschen nicht vor einem Berg an Formularen verzweifeln zu lassen. Wir müssen weg vom Beamtenstaat und uns auch in der Bürokratie stärker am Bürger orientieren."

"Gute Politik" lautet ihre Lösung. Von der AfD erwartet sie diese gerade nicht. "Den Menschen muss bewusst sein, dass sie ihren Wohlstand nicht sichern, in dem sie andere Menschen aussperren. Und sie sichern ihren Wohlstand auch nicht, wenn sie allein auf einen starken Nationalstaat vertrauen. Wir sind Bürger Europas und brauchen Europa", betont die Lehrerin, die vor fast 30 Jahren schon einmal für den Deutschen Bundestag kandidierte – und zwar in Rheinland-Pfalz als Spitzenkandidatin für die PDS.

In Rheinland-Pfalz? Tatsächlich hatte Elke Bär, die in Pritzwalk aufwuchs und seit vier Jahrzehnten in Glienicke wohnt, dort nie gelebt. Bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen Ende 1990 trat die PDS auch im Westen an, hatte dort aber kaum Mitglieder. Bär, die schon als Studentin der SED beitrat, saß damals im Brandenburger Landesvorstand der PDS und übernahm den Job. "Sechs Wochen haben wir Wahlkampf gemacht. Die Leute waren interessiert. Wir waren ja Exoten und für viele die ersten Menschen aus der DDR, die ihnen begegneten. Gewählt hat uns natürlich aber kaum jemand von ihnen."

Dieses Schicksal befürchtet die Frau, die von ihren Schülern einmal den Preis als "optimistischste Lehrerin am OSZ" erhielt,  diesmal nicht. Auch wenn die Ausgangslage für ihre Partei schon einmal besser war. "Ich bin immer zuversichtlich. Warum auch nicht? Als Miesepeter erreicht man schließlich auch nichts."

Zur Person

Elke Bär wurde vor 60 Jahren in Pritzwalk geboren. Seit rund 40 Jahren lebt sie in Glienicke. Ihre familiäre Situation ist kompliziert, weshalb sie an dieser Stelle nicht näher beschrieben wird. Nur ein Detail: Ihre Tochter Josephin Bär ist inzwischen wie die Mutter auch kommunalpolitisch für die Linke aktiv.

Nach der Schule  absolvierte Elke Bär zunächst eine Berufsausbildung mit Abitur zur Anlagentechnikerin. Später studierte sie Geografie und Sport in Berlin. Nach der Wiedervereinigung studierte sie noch Politik. Heute arbeitet sie am Georg-Mendheim-Oberstufenzentrum in Oranienburg und Zehdenick.

Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl trat sie für die PDS als Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz an. Nach den Kommunalwahlen 1998 zog sie in die Glienicker Gemeindevertretung ein. Zehn Jahre später wurde sie auch in den Kreistag gewählt.  ⇥til

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