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Vor 50 Jahren begann Harry Sander seine Ausbildung zum Orgelbauer. Heute leitet er die Eberswalder Werkstatt gemeinsam mit Andreas Müller.

Seltenheit
Der Herr der Orgelpfeifen

Jörn Kerckhoff / 03.09.2019, 06:45 Uhr
Eberswalde Ein halbes Jahrhundert im selben Beruf und sogar im selben Betrieb – das schaffen heutzutage nur ganz wenige Leute – Orgelbauer Harry Sander ist eines dieser seltenen Exemplare. Am 1. September 1969 begann er seine Ausbildung in der Eberswalder Orgelbauwerkstatt, seit 14 Jahren leitet er das Unternehmen, das bereits im Jahr 1851 gegründet wurde und damit der zweitälteste Handwerksbetrieb in Eberswalde ist, gemeinsam mit Andreas Mähnert. Sein Lehrmeister, Ulrich Fahlberg, arbeitet mit seinen 80 Lebensjahren ebenfalls noch mit.

Orgel im Olympiastadion

Fünf bewegte Jahrzehnte hat Sander hinter sich. So brach das Geschäft des Orgelbaus direkt nach der Wende beinahe völlig weg, erzählt der Jubilar. Die Orgel in der Kapelle des Berliner Olympiastadions, die im Jahr 2007 eingebaut wurde, stammt aber auch noch aus Eberswalde. Mit Möbelrestaurierung und Möbelbau habe man sich nach der Wende ein zweites Standbein aufgebaut. Darauf ist der kleine Betrieb – dazu gehören auch noch Andreas Müller und Sanders Sohn Julian – heute nicht mehr angewiesen. Orgelsanierung ist heute das Hauptbetätigungsfeld der Eberswalder Orgelbauwerkstatt. In vielen Orten gebe es Fördervereine, die sich für den Erhalt der Kirchenorgeln einsetzen und der Werkstatt Aufträge erteilen. Und dann ist da noch ein ganz besonderes Projekt: "Im vergangenen Herbst haben wir eine Orgel in Schottland abgebaut, die in der Marienkirche Prenzlau aufgebaut werden soll", erzählt Sander. Zehn Meter breit, sieben Meter hoch und drei Meter tief sei das Ungetüm. Die größte Orgelpfeife sei derzeit sechs Meter hoch. Im kommenden Jahr soll der Einbau beginnen, 2021 soll das Werk vollendet sein.

Und mit dem Klang des ersten Tons der sanierten Orgel endet dann seine berufliche Laufbahn? Sanders Frau Monika nickt heftig, als sie die Frage hört. Diese zwei Jahre gesteht sie ihrem Mann noch zu, dann soll Schluss sein mit der Arbeit. Sander und Mähnert sind erst die fünfte Generation an Chefs in dem 168 Jahre alten Betrieb. Seit dem Jahr 2017 gehören sie sogar zum Weltkulturerbe der Unesco – nicht sie persönlich, aber der deutsche Orgelbau.

Am Montagmorgen saßen Mitarbeiter und Familie Sander zur Feier des Tages zusammen beim Frühstück und natürlich wurde dabei so manche Anekdote aus 50 Jahren Berufsleben von Harry Sander erzählt. Zum Beispiel aus seiner Lehrzeit: "Wir sind damals zusammen mit dem Motorrad zu einem Auftrag gefahren. Harry saß hinten drauf und hatte seine Füße auf den Auspuff gestellt. Als wir ankamen, waren seine Schuhsohlen total geschmolzen", erzählt Ulrich Fahlberg und überschlägt sich beinahe vor Lachen. Man erlebt eben viel in 50 Jahren.

Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann mach Pläne für dein Leben, heißt es. Da ist etwas dran. Denn auch Harry Sander hatte eigentlich ganz andere Pläne für sein Leben und kam eher durch Zufall in seinen Beruf. Ursprünglich wollte er nämlich Musik studieren, las von einer Stellenanzeige, in der ein Lehrling für den Orgelbau gesucht wurde und dachte sich, dass dies ja eine gute Vorbereitung für das Musikstudium sein könnte. Aus der Vorbereitung wurden nun tatsächlich 50 Jahre.

Über den großen Teich

Pläne macht Harry Sander aber auch heute noch. Im kommenden Jahr will er mit seiner Frau mindestens vier Wochen den Nordosten der USA bereisen. "Früher fühlten wir uns ja schon als Weltreisende, wenn wir mal zum Balaton gefahren sind", blickt Sander auf DDR-Zeiten zurück. Nun wird also die erste Reise über den großen Teich geplant.

Zukunft im Orgelbau sieht Sander übrigens immer noch. Zwar gebe es nur noch wenig Nachwuchs – deutschlandweit seien es etwa 30 Leute pro Jahr – die seien aber gut beschäftigt. Auch, wenn Harry Sander in zwei Jahren in den Ruhestand gehen möchte, wird es die Eberswalder Orgelbauwerkstatt also vielleicht noch lange geben.

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