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Tag des offenen Denkmals
Schlangestehen am Alten Kino

Jan-Henrik Hnida / 08.09.2019, 21:45 Uhr - Aktualisiert 09.09.2019, 18:20
Frankfurt (Oder) (MOZ) 1800 Besucher strömten am Sonntag in das ehemalige Lichtspieltheater der Jugend. 21 Jahre nach dem letzten Kinoabend erwachte das Gebäude zu neuem Leben.

1958 habe ich hier meine Jugendweihe gefeiert", sagt Gertrud Pförtner mit feuchten Augen. Noch darf die 75-Jährige am Sonntag, kurz vor 11 Uhr, nicht ins Alte Kino hinein. Security-Männer ordnen den Einlass.  Sie sei früher gerne hierher gekommen, die gemütliche Atmosphäre habe ihr immer gut gefallen.

"Wegen mir wurde extra ein Geburtstag verschoben", erzählt die Frankfurterin – nur damit sie heute das Lichtspielhaus ihrer Jugend noch einmal besuchen kann. Dann geht die nächste Führung los. Gertrud Pförtner darf mit Dutzenden weiteren Gästen endlich eintreten. Für Hunderte andere Interessierte heißt es draußen weiter: Schlangestehen.

Punkt 10 Uhr hatte die Fanfarengarde den musikalischen Startschuss für den Denkmaltag im Alten Kino gegeben. Mit Trompeten und Trommeln spielten sie sich vom Eingang über die Treppen bis auf den Balkon. "Ich bin einfach nur begeistert über euren Elan", dankte OB René Wilke in seiner Eröffnungsrede den Kooperationspartnern. Das Kleine Kino belebte ebenso wie das Märkische Medienhaus und der Kunstverein das Haus. Auch das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst war vertreten, das hier einmal einziehen soll. Die Bürgerbühne hatte in der ersten Etage im Foyer einen Raum für Erinnerungen eingerichtet. "Im dritten Teil von ‚Die unendliche Geschichte’ sind mein Mann und ich eingeschlafen", schrieb eine Besucherin – augenzwinkernd – an die Schiefertafel.

Für Gertrud Pförtner geht die Führung los. Im Eingangsbereich begrüßt Christian Matthes von der unteren Denkmalschutzbehörde sie und 20 andere Besucher. "Genau wie heute", kommentiert eine Frau das Schwarz-Weiß-Foto, das eine Kollegin von Matthes hochhält. Zu sehen sind die langen Warteschlangen, als das Kino mit dem DEFA-Film "Sommerliebe" im Jahr 1955 wiedereröffnet worden war.

Von der Garderobe geht es hinauf in den großen Kinosaal. "Vier zu drei für Rot-Weiß Essen!", dröhnt es aus den Lautsprecherboxen. Im früheren Kaisersaal – dem späteren großen Kinosaal, dessen Baugeschichte bis ins Jahr 1907 zurückreicht – werden Filmschätze auf einer Leinwand gezeigt. Hier hatten einst Hunderte Kino-Fans Platz. Gerade läuft die "DFB-Endmeisterschaft" von 1955.  "Mit 18 Jahren habe ich hier Platzeinweisungen für die Vorstellungen gegeben", schwelgt eine 62-jährige Frankfurterin in Erinnerungen, als sie vom Oberrang hinunterblickt. Graffiti in den Treppenhäusern lassen das Lichtspielhaus ein wenig wie ein begehbares Streetart-Projekt erscheinen. Farbe blättert von den hohen Wänden, Putz platzt wegen jahrzehntelanger Witterungseinflüsse ab. Vom tonnenschweren Schutt und Sperrmüll, der hier in den vergangenen Monaten herausgeholt wurde, ist dagegen nicht mehr viel zu sehen.

Ein Stück DDR sei am Sonntag wieder zum Leben erwacht, scherzen einige Anstehende nach fast zwei stündiger Wartezeit. "Damals war ja Anstehen Teil unserer Lebensform." Der Einlass sei absichtlich an die Führungen gekoppelt, sagt Jenny Friede, "um den Besucherstrom zu kontrollieren", erklärt die städtische Kulturreferentin. Das tat im Eingangsbereich mit mehreren Security-Leuten auch Ulrich-Christian Dinse, Leiter der unteren Denkmalschutzbehörde. Durch zwei Eingänge werden je bis zu 40 Gäste hineingelassen. "Es sollen sich ja alle noch wohl und sicher fühlen", erläutert Dinse.

"Dort saß ich und habe ‚Hase und Wolf’ geguckt", sagt Martina Krafzik, als die Führung weiter, über ein paar Stufen ins kleinere, ehemalige Klub-Kino geht. Als sie damals den russischen Zeichentrickfilm sah, sei alles noch ebenerdig gewesen. "Dort drüben befand sich der Tresen", erzählt Krafzik und zeigt zur anderen Seite. Hier sitzt heute Brigitte Kabel an ihrem Stand vom Kleinen Kino. "Im kleinen Saal habe ich beispielsweise den sowjetischen Hamlet-Film gesehen", erinnert sich die Vereinsvorsitzende. Dort seien anspruchsvollere Filme gezeigt worden – mit Tiefgang.

DEFA-Klassiker zum Abschluss

"Ich bin froh, das noch miterleben zu dürfen", sagt Gertrud Pförtner am Ende der Führung gerührt. Auch Neu-Frankfurter, wie Doreen Meier, sind begeistert. "Ich finde die heutige Aktion toll", sagt die 37-Jährige, die erst seit ein paar Jahren in der Oderstadt lebt. Wie viele andere an diesem Tag hofft auch sie, dass das Lichtspielhaus tatsächlich bald saniert wird.

Das große Finale findet gegen 16 Uhr im großen Kinosaal statt. Zu sehen gibt es den DEFA-Klassiker "Der kleine Muck" – der Film, der in der DDR am meisten Kino-Besucher anzog. Passend zu dem Tag, wo gut 1800 Frankfurter ihrem Alten Kino nach 21 Jahren Leerstand wieder Leben einhauchten.

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