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Fußball-Wunder
Das Tor seines Lebens

Conradin Walenciak / 18.09.2019, 02:15 Uhr - Aktualisiert 18.09.2019, 09:02
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es ist Mittwoch, der 18. September 1974, 20.03 Uhr. Vor einigen Augenblicken hat sich Gerd Schuth für immer in die Herzen aller Fußballfans geköpft, die es mit dem FC Vorwärts Frankfurt halten. Denn dank ihm herrscht seit wenigen Sekunden im mit mehr als 20 000 Zuschauern gefüllten Stadion der Freundschaft in Frankfurt Feierstimmung.

Der Grund dafür ist natürlich ein Tor. Und das nicht gegen irgendwen: Der damals 25-jährige Abwehrspieler hat gerade im Erstrundenspiel des Uefa-Pokals in der dritten Minute zur 1:0-Führung gegen Juventus Turin getroffen. Es sollte der Grundstein für den späteren 2:1-Sieg des DDR-Oberligisten gegen den amtierenden italienischen Vizemeister sein. Ein Moment, an den auch im ersten Teil des DVD-Zweiteilers "Frankfurter Filmschätze" erinnert wird (siehe Info-Kasten).

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Vor 45 Jahren: Vorwärts Frankfurt besiegt Juventus Turin

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Beim Gesprächstermin mit dem Pokalhelden im Frankfurter Stadion sind es aber nicht 20 000 Fans, die für die Geräuschkulisse sorgen. Stattdessen summt und brummt der Rasentraktor des Platzwarts, der damit gerade auf dem Spielfeld seine Runden dreht, monoton vor sich hin. Gerd Schuth beobachtet die Platzarbeiten von der VIP-Tribüne des Vereinsheims des 1. FC Frankfurt aus, während er die Erinnerungsstücke und Siegprämien vom Erfolg gegen Juventus präsentiert – das Stadionheft, ein Bierglas, ein Schlüsselanhänger jeweils verziert mit dem Juve-Logo.

Der inzwischen 70-Jährige, der auch heute noch in Frankfurt lebt, nachdem ihn seine fußballerische Karriere von Neubrandenburg schließlich 1972 zum DDR-Oberligisten in die Oderstadt geführt hatte, lässt seinen Blick über die Anlage schweifen. "Der Zuschauerandrang für dieses Spiel war so groß, dass eine zusätzliche Tribüne errichtet wurde", erzählt er und deutet auf die Gegengerade. Dadurch passten statt der üblichen 16 255 auf einmal 20 000 Menschen ins Stadion. "Die Stimmung war unglaublich."

Nach einem letzten Blick aufs Spielfeld verlässt Schuth die VIP-Loge und geht die Treppe runter zur Haupttribüne. In einer der roten Plastikschalen sitzend beginnt er, vom Spiel gegen Ju-ventus zu erzählen. Eine Partie, an die er sich nur allzu gern erinnert. "Kurz vorm Anpfiff saßen wir in der Kabine zusammen und haben letzte Instruktionen bekommen. Jeder wurde noch einmal auf seinen Gegenspieler eingestellt."

Schuth sollte sich um Roberto Bettega kümmern – zur damaligen Zeit immerhin einer der besten Stürmer der Welt. "Trainer Gerhard Reichelt hat mir gesagt: ‚Das ist ein großer Kerl. Pass auf, dass du den behinderst, wenn der zum Kopfball geht.‘ Das habe ich gemacht." Aus Turiner Sicht wäre es sinnvoll gewesen, wenn Bettega sich ebenso intensiv um Frankfurts Abwehrspieler gekümmert hätte.

"Wir sind gut in die Partie gekommen, konnten uns gleich in der gegnerischen Hälfte festsetzen", erzählt Schuth und zeigt von der Haupttribüne aus gesehen auf die rechte Spielfeldseite. Die Mäharbeiten sind inzwischen beendet – beziehungsweise unterbrochen, damit eine Platzbegehung möglich ist. Aber für Gerd Schuth macht das der städtische Mitarbeiter gern. Der 70-Jährige ist ein geschätzter Gast auf der Anlage. Ob Platzwart, vom Verein Nachwuchstrainer oder Vizepräsident – alle, denen Schuth an diesem Tag begegnet, verwickeln ihn in ein Gespräch über vergangene oder aktuelle Zeiten.

Bevor es von der Haupttribüne runter auf den Rasen geht, zieht es Schuth zum Spielertunnel. Rechts neben der Tribüne ragt dieser ein Stück weit auf die Laufbahn, die das Spielfeld umkreist. Schon 1974 liefen die Frankfurter und Juve-Spieler von dieser Stelle aus auf den Platz. Heute ist der Durchgang aber zugestellt mit Baumaterialien. "Am Abend des Spiels war der Tunnel voller Mücken", erinnert er sich lachend. "Die Turiner haben aufgeschrien, als wir hier standen und sie fortlaufend gestochen wurden."

Nach dieser Anekdote geht es auf den Platz – den "heiligen Rasen", wie Schuth ihn scherzhaft nennt – genau an die Stelle, an der er damals zum Pokalhelden wurde. Auf Höhe des Elfmeterpunkts deutet er auf die Eckfahne. "Nach drei Minuten bekamen wir eine Ecke. Die wurde kurz auf Rainer Withulz ausgeführt, der eine Flanke auf den Elfmeterpunkt spielte." Bei seinen Schilderungen malt Schuth den Weg des Balles mit seinen Armen in die Luft, die Szene scheint wie ein Film vor seinem inneren Auge abzulaufen. "Ich bin hochgesprungen, habe den Ball gut erwischt und in der kurzen Ecke platziert. Juves Torwart Dino Zoff hat sich vergeblich gestreckt."

Rückspiel verlief nicht optimal

Das frühe Tor habe dann die Stimmung auf den Rängen noch weiter angefacht. "Die Leute waren der Wahnsinn. Das hat sich auf uns übertragen", sagt Schuth. Dass nur fünf Minuten nach der Führung Juves Fabio Capello zum Ausgleich traf – ärgerlich, aber geschenkt. Schließlich erzielte Horst Krautzig nach 74 Minuten den 2:1-Siegtreffer.

Das Rückspiel zwei Wochen später verlief dann nicht so optimal. Nach einer 0:3-Pleite verabschiedete sich der DDR-Oberligist aus dem Uefa-Pokal. "Klar hatten wir darauf gehofft, weiterzukommen. Aber letztlich überwog der Stolz, Juventus zumindest einmal besiegt zu haben", sagt Gerd Schuth. "Wir haben im Hinspiel eines unserer besten Heimspiele überhaupt abgeliefert. Nach dem Ausscheiden war uns dann auch sofort klar, dass wir wieder in den Europapokal wollen. Das war unser Motto: Da müssen wir wieder rein."

"Frankfurter Filmschätze"-DVDs

Im filmischen Zweiteiler wird die Frankfurter Stadtgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Aufgeteilt in die Jahre 1900 bis 1990 und 1990 bis 2015 wird die Historie der Oderstadt vom Kaiserreich über die Nazi-Diktatur bis in die Neuzeit dargestellt. Erhältlich sind die beiden Filme im MOZ-Shop im Internet unter www.moz.de/dvd.⇥cwa

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