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Fontane Tourist-Information lud zur Tagestour zu fiktiven und originalen Schauplätzen des großen Dichters ein.

Fontane-Jahr
Auf den Spuren des Dichterfürsten im Oderbruch

Jörg Kotterba / 20.09.2019, 06:45 Uhr
Seelow Friedersdorf, Gorgast, Reitwein, Küstrin Kietz, Zechin, Letschin, Gusow: Die Tourist-Information "Oderbruch und Lebuser Land" hatte Samstag zu einer spannenden Themenfahrt per Bus eingeladen. Alles drehte sich um den Dichterfürsten Theodor Fontane (1819-1898).

Nur gut, dass Tourist-Info-Chefin Angelika Voigt für die mehr als 30 Fontane-Interessierten Gerd-Ulrich Herrmann engagierte. Der 69-Jährige war einst hochrangiger Offizier in der NVA und Bundeswehr, ab 1992 Geschäftsführer im Schloss Gusow und danach bis zur Rente Leiter der Gedenkstätte Seelower Höhen. Ein profunder Kenner des Oderbruchs. Und Fontane-Spezialist.

Zurück zur Familie

Für den Letschin-Besuch – jener Ort im Bruch, in dem Fontanes Eltern eine Apotheke besaßen – hatte sich Herrmann zwei Verbündete auserwählt: Gabriele Axmann und Edgar Petrick von den Letschiner Heimatstuben. Ins einst historische Armenhaus aus dem 18. Jahrhundert kommen zunehmend Besucher, "die ganz konkret etwas zu Fontane wissen wollen", erzählte Petrick. Wer sich mit dem Leben des Dichters beschäftige, komme quasi nicht an Letschin vorbei, ist er überzeugt. In einem extra eingerichteten Fontane-Zimmer gibt es Ausstellungsstücke und überdimensionale Zitate von Fontane zu sehen. Als junger Mann kehrte er mehrmals in den Schoß der Familie ins Oderbruch zurück, weil ihm schlichtweg das Geld fehlte. An einen Bekannten schrieb Fontane einst: "Hier in Letschin hab ich die Cavernen meines schwindsüchtigen Porte Monnais‘s halbwegs wieder geheilt."

Fontane-Kenner Gerd-Ulrich Herrmann zitierte in diesem Zusammenhang aus einem Brief. "Fass ich die letzten fünf Jahre kurz zusammen", schrieb der damals 31-jährige Fontane im April 1850 an den Dichterkollegen Gustav Schwab, "ich hab sie mit Rezept- und Versemachen ehrlich hingebracht. Wurde mir’s mit dem tag- und nachtgequälten Leben in der Apotheke zu viel, so ging ich ein Vierteljahr aufs Land, und die, in der Stadt gespeicherten Stoffe vornehmend, war ich im Hause meiner Eltern und Freunde ein gern gesehener Gast."

In Reitwein entpuppte sich ein anderer Hermann (wenn auch nur mit einem "r" geschrieben, als Fontane-Kenner: Norbert Hermann, Mitte der 50er-Jahre in Reitwein geboren. "Der Alte Fritz verlebte hier seine schwersten Stunden nach der verlorenen Schlacht bei Kunersdorf. Anton von Werner, der preußische Historienmaler, malte in der Kirche die Ornamente. Und Fontane siedelte seinen Roman ,Vor dem Sturm‘ in meinem Geburtsort an", erzählte Hobby-Historiker Norbert Hermann beim Mittagessen im Gasthof "Zum Heiratsmarkt". An den Aufenthalt des von schöpferischer Unruhe getriebenen märkische Literaturkönigs um 1860 in Reitwein soll ein steinerner Stuhl erinnern, der angeblich vom berühmten Hintern gedrückt wurde. Weil der Betrachter von diesem zum "Stuhl" umgearbeiteten Granitstein den gleichen Blick hat, den Fontane im "Vor dem Sturm" beschrieb.

"Diese Themenfahrt heute gibt meiner Marion und mir sehr viel. Wir haben kompakt noch nie so viele Fakten über Fontane erfahren wie heute. Und dann noch an fiktiven und originalen Schauplätzen", lobte Heiner Böhme. Der 74-jährige Strausberger, noch immer aktiver Altersturner beim TSC, hatte in der MOZ von dieser außergewöhnlichen Tour erfahren.

Anders Frank Buse. Er ist mit Ehefrau Heike Betreiber des mit vier Sterne geehrten Ferienhauses "Am Gutspark" in Alt Tucheband, Ortsteil Rathstock. Und dort Chef des Heimatvereins. "Da ich mit der Seelower Tourist-Info eng zusammenarbeite, nutze ich Fahrten wie diese. Wir haben Stammgäste, zum Beispiel aus Hamburg, die im Oderbruch auf den Spuren des Dichterfürsten sind. Meine Erfahrungen von dieser Tour kann ich nun weitergeben..."

"Habt Ihr schon gehört?", fragte Margitta Schmidt, bis zur Rente im Seelower Landwirtschaftsamt arbeitend, in die Runde, "zum 200. Fontane-Geburtstag am 30. Dezember wird das ZDF eine modernisierte Fassung des Fontane-Klassikers ,Unterm Birnbaum‘ ausstrahlen." Die Info kam von Edgar Petrick, Leiter der Letschiner Heimatstuben. Tatsächlich, ergab die MOZ-Recherche: Die Schauspieler  Fritz Karl und Julia Koschitz haben die Hauptrollen übernommen.

Literarisches Denkmal gesetzt

Beim Besuch der mit Epitaphien reich gestalteten Barockkirche Friedersdorf erinnerte Fontane-Kenner  Gerd-Ulrich Herrmann an die Familie von der Marwitz. Fontane habe dieser Familie in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" ein literarisches Denkmal gesetzt. Überschwänglich schrieb im Mai 1860 der damals 41-jährige Dichter nach seinem Studium in der Friedersdorfer Bibliothek an seine Mutter: "Zehn Generationen von 500 Schulzen und Lehmanns sind lange nicht so interessant wie drei Generationen eines einzigen Marwitz. Wer den Adel abschaffen will, schafft den Rest von Poesie ab."

Viele Tage in der Bibliothek

Mit diesem Preußenbild, das sich im Verlaufe der Zeit änderte, begann Fontane die Arbeit an seinem ersten Roman "Vor dem Sturm". Die Bedeutung des Erstlingswerkes, das im Schicksals-Winter 1812/13 handelt, lag für Fontane in seiner preußischen Gesinnung: "O lerne denken mit dem Herzen und lerne fühlen mit dem Geist".

Viele Tage verbrachte Fontane in der Bibliothek des Schlosses, wo er sich intensiv mit dem Leben und Wirken des Gutsherrn und preußischen Generals, Friedrich August Ludwig von der Marwitz, beschäftigt. Die Romanhauptfiguren, Berndt und Lewin von Vitzewitz, besitzen viele Ähnlichkeiten mit dem General und seinem Bruder Alexander.  Gerd-Ulrich Herrmann; "Fontane war ein Meister des Wahren und des Fiktiven. Ein Meister des Vermischens."

Zum Fontane-Jubiläumsjahr 2019 steuerte deshalb auch der CDU-Bundestagsabgeordnete und Bio-Landwirt Hans Georg von der Marwitz einen Beitrag bei. "Auferstanden aus Ruinen", schrieb der gebürtige Heidelberger, der 1990 in den Ort seiner Vorfahren zurückkehrte, über die Sanierung der Dorfkirche nach der Wiedervereinigung: "Johannes Becher und Hanns Eisler mögen es mir verzeihen, dass ich ausgerechnet die ersten Worte der Nationalhymne der DDR zitiere. Aber schöner lässt sich die Renaissance der Friedersdorfer Barockkirche kaum noch formulieren."

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