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MOZ-Interview
Andreas Bolte erforscht die Folgen des Klimawandels für den Wald

Professor Dr. Andreas Bolte erforscht die Klimafolgen für den Wald.
Professor Dr. Andreas Bolte erforscht die Klimafolgen für den Wald. © Foto: privat
André Bochow / 25.09.2019, 14:30 Uhr - Aktualisiert 25.09.2019, 17:56
Berlin (MOZ) Die  Folgen des Klimawandels für den Wald werden intensiv erforscht. Voraussagen sind schwer. André Bochow sprach mit dem Leiter des Instituts für Waldökosysteme Eberswalde, Professor Andreas Bolte.

Herr Professor Bolte, es sollen eine Milliarde Setzlinge für die Aufforstung bzw. für den Waldumbau bereitstehen. Stimmt das? Und reicht das?

Die Zahl stammt vom Bundesvorsitzenden der Baumschulen. Das wäre natürlich eine beeindruckende Anzahl. Ob das reicht, hängt unter anderem davon ab, um welche Bäume es sich handelt. Wenn es wieder überwiegend Fichten wären, dann hätten wir nicht das, was wir angesichts des Klimawandels brauchen. Außerdem soll es sich um ein bis vierjährige Pflanzen handeln. Einjährige werden aber in der Regel nicht gepflanzt.

Und welche Bäume sind nun die Bäume des zukünftigen deutschen Waldes?

Da muss man demütig sein. Ich misstraue jedem, der behauptet, genau zu wissen, welche Bäume künftig am besten mit dem Klima zurechtkommen. Wir wissen zum Beispiel noch nicht, wie sich die Niederschläge genau entwickeln. Ich bin fest davon überzeugt, dass es nicht die zwei, drei Baumarten geben wird, die die Lösung aller Probleme bringen.

Umweltverbände und auch manche Förster verlangen, dass nur einheimische Bäume gepflanzt werden sollen.

Da wird ein geradezu ideologischer Streit geführt. Aber was heißt schon heimisch? Das, was vor 20, 30 Jahren unbestritten heimisch war, ist vielleicht demnächst verschwunden, weil es den neuen Bedingungen nicht gewachsen ist. Dann ist es nicht mehr heimisch.

Das betrifft vor allem die Fichte. Oder?

Fakt ist: Die Fichte, massenweise als Nutzholz gepflanzt, hat unter 600 Metern wahrscheinlich nur noch wenige Chancen. Aber auch das hängt von den konkreten Umständen ab. Ich bin für eine immer bessere Mischung. Auch mit nicht heimischen Baumarten. Schon um die Risiken besser zu verteilen. Das muss nicht die Douglasie aus Amerika, das kann auch die ungarische Eiche oder können Arten wie Hopfenbuche und Orientbuche sein.

Ein anderer, geradezu erbittert geführter Streit, dreht sich darum, ob man überhaupt noch in die Prozesse im Wald eingreifen sollte.

Ja, das wird auch auf dem Waldgipfel sicher wieder eine Rolle spielen. Ich glaube, auch hier bringt uns die reine Lehre nicht weiter. Wir müssen uns ganz genau die Bedingungen vor Ort anschauen. Ich habe gerade mit Förstern aus dem Harz und aus dem Solingen im Bergischen Land gesprochen. Die sagen, es gäbe unter den abgestorbenen Fichten eine komplette Fichtenverjüngung. Der Borkenkäfer greift die Jungpflanzen nicht an.

Aber die älteren. Also wachsen da neue Risikobestände heran?

Jedenfalls dann, wenn man die Bestände sich selbst überlässt. Hier es sinnvoll, andere Arten zuzupflanzen und Fichtenbestände zu entnehmen. Ein anderes Beispiel: Nach dem großen Waldbrand bei Treuenbrietzen wurde erheblich aufgeforstet. Eichen, aber vor allem auch wieder Kiefern. Wegen der Trockenheit und wegen der hohen Wildbestände war es sehr schwer, die Aufforstungen am Leben zu halten. Dort hätte man vielleicht besser auf natürliche Entwicklungen gewartet. Auch eine Kombination aus Eingriff und natürlicher Entwicklung ist denkbar und oft ein guter Weg.

Das heißt: Auch die Forderung der Waldbesitzer und von Teilen der Politik, alles Schadholz so schnell wie möglich aus dem Wald zu holen, muss nicht hundertprozentig erfüllt werden.

Nein. Auch das hängt von den Umständen ab. Man kann das, was wir Naturverjüngung nennen, also die natürliche Erneuerung vorhandener Bestände, mit Aufforstung kombinieren, für die wieder geräumt werden muss. Und eins noch: Angesichts der anhaltenden Trockenheit in weiten Teilen Deutschlands, ist es sehr schwer, zu entscheiden, welche Bäume jetzt gepflanzt werden sollen.

Muss der Wald auch anders bewirtschaftet werden? Viele beklagen die großen Schneisen für die Forstwirtschaft.

Und wie war das früher? Da fuhren die Forstschlepper kreuz und quer durch den Wald. Die sogenannte "Erschließung" ist entwickelt worden, um die Schäden am Waldboden zu minimieren. Natürlich kann man grundsätzlich über alternative Methoden nachdenken. Etwa über den verstärkten Einsatz von Lastpferden. Aber angesichts der enormen Waldschäden werden wir wohl auf Technik nicht verzichten können. Das passt nicht zu unserer romantischen Vorstellung vom Wald. Aber irgendwoher muss das Holz ja kommen, das wir brauchen.

Es gibt in Europa und Asien immer mehr Wald. Auch in Deutschland ist die Waldfläche in den vergangenen Jahrzehnten größer und nicht kleiner geworden. Trotzdem haben wir nun einen Waldgipfel und eine Diskussion über das neue Waldsterben. Ist das eine alarmistische Debatte?

Die Schäden, die wir gegenwärtig im deutschen Wald haben und die ohne Stürme entstanden, sind schon einzigartig. Das hängt im Wesentlichen mit zwei sehr trockenen Jahren hintereinander zusammen. Den Niedergang der Fichte konnte man voraussehen. Die immensen Buchenschäden waren dagegen eine böse Überraschung. Insofern ist eine Debatte über den Wald der Zukunft mehr als berechtigt. Alarmistisch ist der Begriff "Waldsterben". Ein bis zwei Prozent des Waldes sind kahl gefallen. 15-20 Prozent der Waldfläche sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Wir müssen uns vor Superlativen hüten. Vor allem vor negativen. Das lähmt nur.

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