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Sebastian Fiedler
"Bei der Kripo gehen alle auf dem Zahnfleisch"

"Seit über einem Jahrzehnt hat die Politik bei der Clan-Kriminalität wider besseren Wissens beide Augen zugemacht", sagt Sebastian Fiedler.
"Seit über einem Jahrzehnt hat die Politik bei der Clan-Kriminalität wider besseren Wissens beide Augen zugemacht", sagt Sebastian Fiedler. © Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Maria Neuendorff / 27.09.2019, 06:00 Uhr - Aktualisiert 27.09.2019, 08:26
Berlin (MOZ) Einen Termin bei Sebastian Fiedler zu bekommen, ist schwierig. Der Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) gilt als einer der wichtigsten Sicherheitsexperten in Deutschland. Zwischen Polizeiberatungen, parlamentarischen Anhörungen und TV-Interviews hat sich der 47-Jährige die Zeit genommen, mit uns über die Gefahren durch kriminelle Clans, Cyberkriminalität und Geldwäsche zu sprechen.

Herr Fiedler, die Zahl der angezeigten Straftaten sinkt. Wird Deutschland sicherer?

Die Polizeiliche Kriminalstatistik, auf die Sie anspielen, sagt wenig über die Entwicklung der Kriminalität insgesamt aus. Sie ist wohl die am häufigsten fehlinterpretierte und missbrauchte Statistik Deutschlands. Zwar sind beispielsweise die Wohnungseinbrüche, die allerdings immer aus versicherungstechnischen Gründen angezeigt werden, zurückgegangen. Aber bei der Organisierten Kriminalität, der Korruption, Umweltkriminalität, Geldwäsche- oder Rauschgiftkriminalität bleiben über 90 Prozent im Dunkeln.

Dann verwundert es kaum, dass das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung eher abnimmt?

Wie kann man ernsthaft glauben, dass die rationale Kenntnis von Fakten und Zahlen die Kriminalitätsfurcht beeinflusst? Haben Auto- und Motorradfahrer Angst, wenn sie ihre Fahrt beginnen, oder Raucher, die sich eine Zigarette anzünden? Verglichen mit dem realen Risiko, das sie eingehen, müssten sie sich um ein Vielfaches mehr fürchten als eine junge Frau abends in der Bahnhofsunterführung. Aber was hilft die Erkenntnis, wenn insbesondere von Rechtsaußen täglich das Gegenteil verkündet wird?

Kann mehr Polizeipräsenz das Sicherheitsgefühl erhöhen?

Nein – jedenfalls nicht, wenn mit Polizeipräsenz lediglich "mehr Uniformen und Streifenwagen auf der Straße" gemeint ist. Im Gegenteil: Bei manchen Bürgern führt viel sichtbare Polizei zu der Sorge, es sei etwas passiert. Das Sicherheitsgefühl steigt, wenn die Bürger ein großes Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Sicherheitsbehörden haben. Sie müssen sicher sein können, dass die Polizei Gefahren möglichst verhindert, und sich darauf verlassen können, dass erfolgreich ermittelt und von der Justiz gerecht geurteilt wird.

Wenn die Menschen Berichte über kriminelle Clans lesen, die nach ihren eigenen Gesetzen leben, verlieren viele den Glauben an den Rechtsstaat. Ist die Situation wirklich so dramatisch wie in der Krimi-Serie "4 Blocks"?

Ja, mindestens. Seit weit über einem Jahrzehnt hat die Politik hier wider besseren Wissens beide Augen zugemacht und eine wirksame Kriminalpolitik versäumt. Was die kriminellen Clans angeht, so hat Integration nicht stattgefunden. Stattdessen sind Subkulturen in Form von kriminellen, mittelständischen Familienunternehmen entstanden. Nicht alle Familienmitglieder sind kriminell, aber fast alle profitieren von der Kriminalität.

Was kann man dagegen tun?

Unser Ziel müsste nun eigentlich sein, diese kriminellen Unternehmungen zu beenden. Das ginge jedoch nur mit einer länderübergreifenden Konzeption, der sich ausgerechnet Nordrhein-Westfalen verweigert. Wenn wir das Problem in den Griff bekommen wollten, bräuchten wir in den besonders belasteten Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Bremen, Berlin und Niedersachsen insgesamt eine Anzahl an qualifizierten Ermittlern, die mindestens im mittleren dreistelligen Bereich liegen muss und die sich mehrere Jahre lang um nichts anderes mehr kümmert.

Welche Fehler drohen sich in der Integrationspolitik zu wiederholen?

Wenn wir nicht ein noch größeres Desaster erleben wollen, müssen wir uns frühzeitig anschauen, wie groß die Gefahr ist, dass Menschen, die erst in den letzten Jahren zu uns gekommen sind, vergleichbare Clanstrukturen etablieren und inkriminierte Märkte übernehmen. Wir sehen hierfür deutliche Anzeichen, zum Beispiel bei Menschen aus Syrien oder dem Irak. Ein Geschäftsfeld ist der Rauschgifthandel, ein ohnehin wachsendes Problemfeld. Verglichen mit den 15 000 arabischstämmigen Clans, die ursprünglich hier eingewandert sind, reden wir hier jedoch über eine völlig andere Größenordnung. Heutzutage muss man leider immer nachschieben: Selbstverständlich sind zugleich natürlich nicht alle Syrer oder Iraker Kriminelle.

Sie haben vor Kurzem sogar von einer "Rauschgiftschwemme" in Deutschland gesprochen.

Meine Kollegen erleben aktuell tatsächlich, dass ihnen der Stoff buchstäblich vor die Füße fällt. Unter anderem betrifft das Kokain, aber auch Crystal Meth, das neuerdings auch aus den Niederlanden zu uns herüberkommt. Beim Kokain spricht vieles für eine weltweite Vergrößerung des Marktes, bei Crystal Meth sieht es so aus, als wenn Labore im Westen ertüchtigt würden.

Sie fordern deshalb eine Neuausrichtung der Kriminalpolizei, insbesondere auch im Bereich der Cyberkriminalität.

Unsere diesbezügliche Sicherheitsarchitektur ist schlecht. Wir haben, wenn wir nur die wichtigsten Zuständigkeiten anschauen, über 60 Stellen, die mit Cyberkriminalität oder deren Verhinderung betraut sind. Bei größeren Angriffen ist die Gefahr zu hoch, dass wir ineffektiv oder schlicht zu langsam arbeiten. Außerdem haben wir bis heute keine echte nationale Cyberabwehrstrategie. Das wäre jedoch dringend erforderlich.

Welche Gefahren drohen?

Es geht dabei um alltägliche Angriffe, die man schlicht als kriminelle Beutezüge bezeichnen kann, zuweilen gepaart mit perfiden Erpressungen. Auf der anderen Seite sind der Wirtschaftsschutz und der Schutz der staatlichen IT-Infrastruktur von überragender Bedeutung. Wenn Kraftwerke oder Flughäfen lahmgelegt würden, ist damit nicht zu spaßen.

Das klingt nach Science Fiction – oder ist das schon passiert?

Das ist Realität und Zukunft zugleich. Selbst der Bundestag wurde ja schon gehackt. Bei solchen Angriffen geht es darum, an sensible Daten zu kommen. Das Problem groß angelegter Attacken ist vor allem, dass man den oder die Angreifer nicht kennt. Es könnten ein anderer Staat, Terroristen oder andere Kriminelle dahinter stecken. Wir sollten uns darüber klar werden, wie in diesen Zweifelsfällen Bundeswehr, Nachrichtendienste und Polizeibehörden zusammenarbeiten können und dürfen.

Was hat der Normalbürger von Cyberkriminellen zu befürchten?

Die Bürger müssen sorgsamer denn je in sogenannten sozialen Netzwerken, in Online-Shops und im Internet unterwegs sein. Der Umgang mit Passwörtern und Authentifizierungen muss nicht nur von den Nutzern sensibler gehandhabt werden. Auch die Anbieter sind in der Pflicht. Gute Hinweise finden sich übrigens auf der offiziellen polizeilichen Beratungsseite.

Ein großes Thema ist für Sie auch die Geldwäsche. Warum ist Deutschland immer noch ein Mekka dafür?

Nach Schätzungen der Universität Halle werden hierzulande jährlich bis zu 100 Milliarden Euro kriminell erwirtschaftet und potenziell gewaschen. Natürlich kommt auch Geld aus dem Ausland herein. Leider haben die hierfür zuständigen Bundesfinanzminister, Schäuble wie Scholz, hier bisher versagt und keine Gesamtstrategie vorgelegt. Die zentrale Geldwäscheeinheit wurde zum Zoll verlagert und mit strukturellen Fehlern versehen. Wesentliche Teile der Geldwäschebekämpfung funktionieren in Deutschland seit zwei Jahren nicht. Das wissen natürlich auch die Kriminellen. Der Anti-Mafia Staatsanwalt Roberto Scarpinato formulierte es so: "Wenn ich Mafioso wäre, würde ich mein Geld in Deutschland anlegen."

Laut einer Schätzung von Transparency International werden bis zu 30 Prozent aller kriminellen Gelder inzwischen in Immobilien investiert.

Das ist richtig. Das ist im Übrigen ein häufig übersehener Grund für die hohen Immobilienpreise in Berlin und anderen Großstädten. Wer schmutziges Geld anlegen will, schaut nicht auf den Preis. Sowohl Transparency als auch der BDK fordern daher ein transparentes Immobilienregister. Was wir bei Bankkonten dürfen, nämlich feststellen, wer in Deutschland wo Kontoverbindungen unterhält, können wir bei Immobilien noch immer nicht.

Um in Berlin Clan-Immobilien zu beschlagnahmen, war jahrelange akribische Ermittlungsarbeit nötig. Gibt es dafür überhaupt genügend Personal?

Insgesamt fehlt uns an allen Ecken und Kanten Personal. Deutschlandweit fehlen derzeit rund 40 000 Streifen- und Kriminalpolizisten. Wir müssen innovative Wege finden, um schneller an Nachwuchs zu kommen. Alle Bundesländer müssen endlich erkennen, dass das Berufsbild Kriminalpolizei eine akademische Ausbildung und kontinuierliche Weiterbildung erfordert. Das ist leider nicht der Fall. In vielen Ländern gewinnt die Kripo ihren Nachwuchs ausschließlich aus Streifenbeamten, die sie nur oberflächlich auf ihren Beruf bei der Kripo vorbereitet.

Wie ist die Stimmung unter den Kriminalbeamten?

Bei der Kripo gehen alle auf dem Zahnfleisch. Wir haben uns zunehmend nicht mehr nur um Kriminalität, sondern auch um Gefahrensachverhalte zu kümmern. Denken sie zum Beispiel an islamistische und rechtsextreme Gefährder oder rückfallgefährdete Sexualstraftäter. Zeitgleich steigen die Anforderungen, die uns der Gesetzgeber bei der Strafverfolgung auferlegt.

Zum Beispiel?

Von kommendem Jahr an müssen wir beispielsweise viele Vernehmungen mit Ton und Video aufnehmen, unsere Leute schulen und Technik beschaffen. Die Überstundenberge sind ungebrochen hoch. Ich sprechen immer häufiger mit Kollegen, die sich ernsthafte Sorgen um die Zukunft machen – nicht um ihre persönliche, sondern um die Funktionsfähigkeit der Kripo.

Als wie stressig empfinden Sie selbst Ihren Job?

Ich persönlich empfinde viel Arbeit nicht zwingend als belastend. Stress empfinde ich vorwiegend dann, wenn wir in der Sache nicht vorankommen oder wenn ich auf ignorante Politiker treffe.

Sie werden häufig im Fernsehen zu schweren Verbrechen befragt, fühlen Sie sich selbst noch sicher?

Ja, ich habe meinen Beruf ja aus guten Gründen gewählt und gehöre nicht zu denjenigen, die sich von öffentlichem Getöse oder Schwachköpfen, die sich in sogenannten sozialen Netzwerk-Blasen austoben, verrückt machen lassen.

Erfahrener Kriminalist mit Faible für den Kampfsport

Aufgewachsen ist Sebastian Fiedler (47) in Wetter am Rande des Ruhrgebiets. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung NRW war er von 2001 an beim dortigen LKA mit der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität befasst. Fiedler lehrte mehrere Jahre an der Fachhochschule NRW ­die Fächer Kriminologie, Kriminalistik sowie Korruptionskriminalität. Seit 2018 ist er Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Fiedler wird regelmäßig als Sachverständiger bei öffentlichen Anhörungen des Bundestages sowie in Sonderausschüssen des Europäischen Parlaments zu Themen wie Korrup-­tion, Geldwäsche und Steuerhinterziehung gehört. Er hat eine erwachsene Tochter, ist frisch verheiratet und war 15 Jahre lang nebenberuflich als Kampfsportlehrer tätig. "Heute betreibe ich aber nur noch Fitnesssport für mich selbst", sagt er.

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