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Burgschreiber
Autor Stefan Hornbach startet in Beeskow

Texte schälen sich auseinander heraus: Stefan Hornbach, neuer Burgschreiber von Beeskow
Texte schälen sich auseinander heraus: Stefan Hornbach, neuer Burgschreiber von Beeskow © Foto: Boris Kruse/MOZ
Boris Kruse / 29.09.2019, 18:43 Uhr - Aktualisiert 29.09.2019, 18:55
Beeskow (MOZ) Eine Kiste hat er schon gepackt. Die trägt die Aufschrift "Beeskow" und steht noch bei seinen Eltern in Rheinland-Pfalz.

Darin enthalten unter anderem eine Kaffeetasse, einige Bücher und reichlich Schreibutensilien. Für seine fünf Monate als Burgschreiber in Beeskow hat Stefan Hornbach sich vorgenommen, morgens zunächst das Telefon auszulassen, sich mit einem Kaffee hinzusetzen und eine Weile einfach drauflos zu schreiben. Gucken, was da kommt. In der Ruhe und Abgeschiedenheit der märkischen Kleinstadt ein naheliegender Plan – zumal der 1986 geborene Autor in Sachen Beeskow eher unbeleckt ist und überhaupt noch nie dort war.

"Einfach hinfahren" mit dem Zug – das ist sein Plan. Hornbach sagt es beim Gespräch an einem sonnigen Spätsommer-Vormittag in einem Hinterhofkaffee in Berlin-Neukölln. Ein rumpeliger Ort, der noch etwas vom wilden Berliner Abenteuerspielplatz-Charme hat. Zwar schon irgendwie hippes Neukölln, aber immer noch im verkehrstechnisch toten Winkel zwischen Landwehrkanal und Treptower Park gelegen. Ein bisschen ab vom Schuss. In diesem Viertel wohnt Hornbach auch – seit 2017 ist er Berliner.

Ruhig ging es zuletzt nur selten zu für Stefan Hornbach. Seine Texte sind auf Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum gefragt, zudem wirkt er als Schauspieler in Theater- und Filmprojekten mit. Darstellende Kunst und Schreiben – Hornbach versucht beharrlich, diese beiden Stränge zusammenzuführen. Oder auch nebeneinander koexistieren zu lassen. Das Schreiben begleitet ihn seit früher Kindheit, die der gebürtige Speyerer in Rheinland-Pfalz verlebt hat. Früh habe er angefangen, Geschichten zu schreiben, später kam Tagebuch hinzu: "Ich habe damals schon dramatisiert – so, als würde ich für jemanden schreiben."

Nach der Schule begann Hornbach aber zunächst, in München Theaterwissenschaften zu studieren, acht Semester lang. In diese Zeit fallen auch erste Schritte an die Öffentlichkeit mit seinen Texten, und sei es zunächst nur im kleinen Kreis. Es sei ihm zunächst schwer gefallen, seine Texte anderen zu zeigen: "Das war mir alles fürchterlich peinlich." Er hat lernen müssen, loszulassen, immer bedrängt von der Frage: "Kann das auch für andere interessant sein, was ich schreibe?" Schließlich brach Hornbach dieses Studium ab, weil ein langgehegter Traum nach vorne drängte. Er war 24, als er in Ludwigsburg mit dem Schauspielstudium anfing, also schon relativ alt. Hornbachs heutige Einschätzung: Dass er sich "so ein bisschen trotzig den Kindheitstraum im Nachhinein erfüllen" wollte. Im Übrigen sei das Theater "auch eine brutale Welt". Aber er zog das Studium durch und machte seinen Abschluss.

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Da war er längst schon als Stückeschreiber gefragt, stolperte glücklich von Auftragsarbeit zu Auftragsarbeit. Den Befreiungsschlag als Autor brachte "Über meine Leiche"; Ein autobiographisch grundierter Stoff, den er zunächst zu einem Theaterstück ausarbeitete. Im Mittelpunkt stehen ein junger Krebspatient und dessen Jugendliebe. Er kämpft um sein Leben und fällt tief ins Loch der Ungewissheit, sie hat das Leben satt. Ein nachdenkliches Stück, dem Kritiker einen schwarzen Humor attestierten. Hornbach ließ hier eine eigene Krankheitserfahrung einfließen. "Über meine Leiche" wurde mit dem Osnabrücker Dramatikerpreis ausgezeichnet und war zu den Berliner Autorentheatertagen eingeladen. Weitere Inszenierungen folgten.

Das Schauspiel geriet darüber ins Hintertreffen: "Ich war dann mehr als Autor im Fokus, auch in der Wahrnehmung der Theaterwelt." Seit 2015 lebt Hornbach vom Schreiben und Theaterspielen. Zunächst verspürte er gar keine Angst vor dem Leben als Freiberufler, sondern große "Abenteuerlust". Wenn er auch kein großes Geld verdiente: Die Aufträge kamen weiter, und bisweilen hatte er sogar den Luxus, Projekte absagen zu können, wenn sie ihm nicht zusagten.

Umso mehr mag überraschen, dass Hornbach schließlich doch noch einmal zu studieren begann: Literarisches Schreiben, am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Mitursächlich für diese Entscheidung war sein nächstes, schon begonnenes Projekt: ein Roman, der wiederum auf dem Stoff basiert, den er schon in "Über meine Leiche" verarbeitet hat. "Ich brauche immer einen Termindruck", sagt Hornbach. "Den hatte ich mit dem Romanprojekt nicht." Aber natürlich hat das Studium auch in anderer Weise gefruchtet. Nicht zuletzt seien dabei Freundschaften entstanden. Als "sehr harmonisch und unterstützend" beschreibt Stefan Hornbach den Umgang mit den Studierenden seines Leipziger Jahrgangs; nur vier waren es außer ihm.

Jetzt ist er mit seinem Roman in den Schlusszügen. Der soll seine Abschlussarbeit in Leipzig sein, und auch in Beeskow wird ihn die Fertigstellung noch eine Weile in Anspruch nehmen. Gedanklich ist Stefan Hornbach aber gleichzeitig auch schon weiter, beim nächsten Projekt. Ein zweiter Roman, an dem er ebenfalls schon in Leipzig zu schreiben begonnen hat. Und wiederum tauschen darin Fragestellungen und Konstellationen auf, die ihn seit "Über meine Leiche" begleitet haben: "Und so schälen sich Texte auseinander heraus."

Warum jetzt das Burgschreiber-Stipendium? Sein Bekannter und Vorgänger Sascha Macht habe ihn auf den Ort aufmerksam gemacht. Nicht zuletzt ist es die Suche nach einem dauerhaften Auskommen, die ihn neuerdings nach Stipendien Ausschau halten lässt. Denn wenn er auch zunächst recht glücklich in das Leben als freier Autor hineinstolperte, so ist das Schriftstellerleben doch ein Unsicheres. Ein Moment des Erwachens sei es gewesen, als eine Leipziger Dozentin in seinem Jahrgang herumgefragt hat, womit sie denn nach Beendigung des Studiums ihr Geld verdienen wollten. Da habe ihm gedämmert, dass es so wohl nicht ewig weitergehen würde. Und schließlich können nur ganz wenige Autoren von Buchverkäufen leben. "Die Erkenntnis ist jetzt vielleicht ein Jahr alt."

Bislang läuft der Hornbach’sche Text- und Theater-Gemischtwarenladen aber rund und treibt erstaunliche Blüten. Mit der, wie Hornbach selbst sagt, etwas großspurig benannten Theater- und Filmgruppe "Kollektiv Eins" arbeitet er nebenher an Projekten. Im nächsten Jahr soll in Chemnitz ein Theaterstück frei nach Virginia Woolfs Essay "Ein Zimmer für sich allein" aufgeführt werden, ein Klassiker der feministischen Literatur. Besonderer Clou: Das intime Zimmer, das bei Woolf für Selbstbestimmung steht, für eine Möglichkeit zum Rückzug, soll in Chemnitz als Glashaus nachgebaut werden. Mitten in der Öffentlichkeit.

Aber auch für seine Beeskow-Monate hat Hornbach schon mehrere Projekte in der Mache: Ein Blog etwa, mit dem er seine Zeit dort dokumentieren will. Und natürlich Lesungen und andere Auftritte. Unter anderem will er gemeinsam mit den anderen vier Studierenden seines Jahrgangs in Leipzig vorlesen.

Antrittslesung am Freitag (11.10.), 19 Uhr, Burg Beeskow; weitere Infos: www.burg-beeskow.de

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